November 2009 Thema Inklusion


Editorial

Mut(h)ige Vorbilder

Thema

Normal ist die Verschiedenheit.
Maximen einer gelingenden Integration
 
von Henning Köhler

Der Heilpädagoge und bekannte Buchautor Henning Köhler entwickelt in seinem Beitrag das Gegenbild zu einer Gesellschaft, die zunehmend das Anders- und Behindertsein ausgrenzt, ja zu eliminieren droht. Sein radikaler Begriff von Toleranz führt ihn zu ebenso radikalen Maximen einer differenziellen Integration.

Revolution im Schulwesen
von Johannes Denger

Die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen verlangt nach inklusiver Bildung. Wenn wir diese Herausforderung als Chance begreifen, kann sie zu einer Erneuerung der Waldorfpädagogik fuhren. Menschen mit Behinderungen, Schuler, Eltern und Lehrer werden durch die graduelle Verwirklichung von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit in Schule und Bildung zu Kämpfern für die Menschenrechte und können so zu einer Humanisierung der gesamten Gesellschaft beitragen.

Wo Neues werden will, entstehen Ängste
Inklusionsdebatte - für Waldorf kein Problem

von Götz Kaschubowski

Welche Antworten die Waldorfpädagogik für einen gemeinsamen Unterricht aller Kinder eines Jahrgangs bereit hält, legt Götz Kaschubowski, Leiter des Instituts für Heilpädagogik in Mannheim, anhand zweier aktueller wissenschaftlicher Untersuchungen dar.

»Zu mir sind sie anders«
Eine persönliche Einladung zum Nachdenken

von Ute Maria Beese

In mein eigenes Leben fanden gewisse Fragen sehr früh Eingang. Sie bestimmten und bestimmen es weitgehend, und sie werden es weiter bestimmen; innerlich, im Familiären, im Beruflichen: Was sind und bedeuten Integration, Inklusion und auch Isolation für den Menschen? - Wie, habe ich mich schon sehr früh gefragt, geht es einem Kind und seinen Eltern, wenn das Neugeborene zur Welt gekommen ist?

Bildung neu denken 

Die integrative Waldorfschule in Emmendingen 
von Markus Zimmermann-Dürkop

Seit einem Jahr immer die gleiche Szene. Kaum hat Peter Fischer sein Auto zum Stehen gebracht, stürmt Balthasar los. Die freundlich grüssenden Mitschüler nimmt der Achtjährige im Vorbeihasten wahr. Sein Ziel ist das Klassenzimmer. Balthasar freut sich jeden Morgen, hat es eilig, in die Schule zu kommen, in die Klasse, zum Unterricht und zu seinem Freund an der Integrativen Waldorfschule Emmendingen.

Starre Bürokratie - ängstliche Eltern
Womit ein integrativer Kindergarten zu kämpfen hat
von Heike Neumann

Unser integrativer Kindergarten arbeitet jetzt im zehnten Jahr. Davor waren wir ein reiner heilpädagogischer Kindergarten mit zwei Gruppen. 1998 wurde ein Neubau beschlossen, da die alten Räumlichkeiten den neuesten Auflagen des Landesjugendamtes und des Landschaftsverbandes nicht mehr entsprachen. Es waren also eher äußere Zwänge, die zur Veränderung führten. Während der Bauphase sah das Kollegium mit sehr gemischten Gefühlen dem Neuanfang entgegen.

Inklusion - Die Vision einer barrierefreien Gesellschaft 
Interview mit der Behindertenbeauftragten Karin Evers-Meyer (SPD)

Nach Angaben der Kultusministerkonferenz gibt es in Deutschland etwa eine halbe Million Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Dazu zählen körper-, lern-, und geistig behinderte Kinder. Nur 15,7 Prozent von ihnen besuchen derzeit eine allgemeinbildende Schule. Für viele Eltern ist diese Situation nach wie vor unbefriedigend. Eine vom Bundestag unterzeichnete UN-Konvention sieht vor, dass 90 Prozent aller behinderten Kinder mit Nichtbehinderten gemeinsam unterrichtet werden. Karin Evers-Meyer erklärt im Gespräch mit Gerda Brändle, warum das gemeinsame Unterrichten behinderter und nicht behinderter Kinder eine Chance ist, unsere Gesellschaft vielfältiger und gerechterzu machen.

Standpunkt

Sind hier etwa alle behindert?
von Henning Kullak-Ublick

Das neue Zauberwort heißt Inklusion. Wir erinnern uns: Seit PISA uns erstmals zu internationalen Vergleichen zwang, kamen regelmäßig neue Zauberworte aus der Politik in Umlauf: Den »Laptops für alle« folgten die offene Ganztags- und die teilautonome »Output-orientierte« Schule - wenn auch durch Standards und zentrale Abschlüsse domestiziert. Als der UN-Sonderberichterstatter Vernor Muñoz seinen Finger zu Recht in die Wunde der Bildungssituation von Kindern aus sozial benachteiligten und Migrantenfamilien in Deutschland legte, hieß es allenthalben: Integration. Wer heute auf der Höhe der Zeit ist, sagt Inklusion.

Frühe Kindheit  

Warum Kinder trotzen
von Monika Kiel-Hinrichsen

Franziska kommt mit ihren beiden Kindern vom Einkaufen. Auf dem Rücken den Rucksack mit dem Einkauf, vorne auf dem Arm den sechs Monate alten Tom, unter den Arm geklemmt eine PackungWindeln. Die zweijährige Svea kann bereits alleine die Treppen steigen. Sie müssen in den zweiten Stock hoch. Auf dem Weg fängt Svea an zu nörgeln: »Ich will auch auf den Arm«.

Aus dem Unterricht  

Er karm nach Hause und sahr die Scharfe…«
Wie Kindern mit Lese-Rechtschreibschwäche geholfen werden kann
von Ernst Westermeier

Der Lerntherapeut und Waldorfförderlehrer Ernst Westermeier sucht nach Wegen, um Kindern mit Lernschwierigkeiten zu helfen. Seit 1997 betreibt er in Schloss Hamborn bei Borchen in Zusammenarbeit mit der dort ansässigen Waldorfschule, aber auch anderen Einrichtungen, eine freie Praxis, die sich dieser Aufgabenstellung widmet. Seine Erfahrungen vermittelt er in Fortbildungskursen der Waldorfbewegung.

Erziehungskünstler  

Hommage an einen Erziehungskünstler
Ein ehemaliger Waldorfschüler erinnert sich
von Phillip Brändle

Auf dem Rückweg vom Bodensee, ein nicht mehr ganz neues Boot auf einem alten Anhänger im Schlepptau: Ein Loch im Reifenmantel des Trailers vergrößerte sich zunehmend - der darunter liegende Schlauch drohte zu platzen. Wahrscheinlich hätte jeder andere den ADAC angerufen und sich sofort abschleppen lassen. Er sagte nur: »Wir versuchen das erst einmal selbst.« Kurzerhand wurde das Loch geflickt. Mit Flickzeug? Weit gefehlt. Wir ließen die Luft ab, klemmten ein Stück Plastik einer alten Colaflasche zwischen Mantel und Schlauch und weiter ging die Fahrt. Eine Viertel Stunde später standen wir wieder auf dem Standstreifen der Autobahn - der Reifen war geplatzt.

Schule in Bewegung

Waldorfpädagogik in Kirgistan
Hoffnung für Ausgegrenzte
von Susanne Pühler

In Kirgisien kämpft das Ehepaar Schälike seit mehr als 20 Jahren dafür, dass behinderte Kinder und Jugendliche wie Menschen behandelt werden und Förderung bekommen. Jetzt hat die Deutsche Karla Maria Schälike dafür das Bundesverdienstkreuz am Bande erhalten.

Elf Wochen Baobab
Unterrichten und Arbeiten in Ghana
von Jessica und Ronald Gube

Nach 12-jähriger Tätigkeit als Klassen- und Fremdsprachenlehrer entstand der Wunsch, einmal »über den Tellerrand« zu schauen: Ende Mai 2009 brachen wir nach Ghana auf, um ein Vierteljahr im »Baobab«-Jugendprojekt zu unterrichten. Schon beim Aussteigen aus dem Flugzeug und dem ersten Einatmen der feucht-warmen, sowohl süßlich wie auch verwesend riechenden Luft spürten wir, dass dieser andere Kontinent uns mit allen Sinnen in seinen Bann schlagen würde.

Junge Autoren  

Lesestoff aus der achten Klasse
Zwei Jahresarbeiten, die begeistern
von Mareike Stutz

Jahresarbeiten, das heißt möglichst selbstständig erarbeitete und präsentierte Schülerprojekte in der achten und zwölften Klasse, gehören in den meisten Waldorfschulen (immer noch) zu den Highlights des Schuljahres. Das Themenspektrum reicht von der Geschichte der Rote-Armee-Fraktion (RAF) über den Boots-, Möbel- und Instrumentenbau bis hin zu aktuellen Zeiterscheinungen wie Globalisierung oder Poetry Slam. In diesem Beitrag der Fremdsprachenstudentin Mareike Stutz werden zwei Schülerinnen vorgestellt, die Bücher gestaltet haben. Eines ist jüngst im Verlag Urachhaus erschienen.

Zeichen der Zeit

Die Welt im Spiegel Phantásiens
Michael Endes Blick auf das verborgene Ganze hinter den Erscheinungen
von Sylvia Führer

Immer wieder Michael Ende: Umjubelt und geehrt, von der Filmindustrie in seinen eigenen Absichten teilweise verdreht, und in der ganzen Welt stets von Neuem als Autor wiederentdeckt. Nach wie vor bezaubern seine originellen Figuren wie etwa die beharrliche Schildkröte, der Scheinriese Tur Tur oder das Mädchen mit der Stundenblume gleichermaßen Kinder und Erwachsene. Am 12. November jährt sich sein Geburtstag zum 80. Mal. Aber wie lebte und dachte eigentlich der Schöpfer von »Jim Knopf«, »Momo« und »Die Unendliche Geschichte«?

Michael Ende, das Mysterium des Geldes und die Finanzmarktkrise
von Frank Bohner

In seinem Prosastück »Die Bahnhofskathedrale stand auf einer großen Scholle« lässt Michael Ende einen Greis auftreten, der von der Kanzel herab über das Mysterium des Geldes predigt. »Das Geld vermag alles«, lässt er den Prediger rufen, »es verbindet die Menschen miteinander durch Geben und Nehmen, es kann alles in alles verwandeln, Geist in Stoff und Stoff in Geist, Steine macht es zu Brot und schafft Werte aus dem Nichts, es zeugt sich selbst in Ewigkeit, es ist allmächtig, […] es ist Gott!«

Serie Darwin*

Drei Pioniere des Entwicklungsdenkens in der Waldorf-Biologie
W. Schad

Kolumne K.*

Humankapital - wirtschaftlicher Nutzwert oder kreatives Potenzial?
von Henning Köhler

Im gerade zu Ende gegangenen Wahlkampf waren sich alle Parteien darin einig, dass Deutschland auf Bildung setzen müsse. Klingt gut. Aber wer die Diskussionen verfolgt hat, dem dürfte nicht entgangen sein, dass eigentlich kaum jemand von Bildung redete. Es ging um den Wirtschaftsstandort Deutschland. »Seltsam wertblind« seien die derzeitigen Debatten über Bildung, schreibt dazu Hans-Peter Waldrich (Aktion Humane Schule) in den Blättern für deutsche und internationale Politik 9/09.

Forum / Gegenlicht  

Lehrermangel - was tun?*
Dirk Rohde im Gespräch mit der Redaktion

Es gibt so viele Waldorfschulen mit so vielen Schülern wie nie zuvor in der Geschichte. Gleichzeitig leiden sie an einem akuten Lehrermangel, insbesondere in den Oberstufen. Dr. Dirk Rohde ist Oberstufenlehrer für Naturwissenschaften an der Freien Waldorfschule Marburg und seit vielen Jahren in der Lehrerausbildung und -gewinnung engagiert.

Neue Bücher / Neue Filme

Wie Waldorfschulen auf die Früheinschulung reagieren
Margarete Kaiser / Doris A. Boedekker: Konzepte Übergang Kindergarten - Schule. Praxisnahe Evaluation an Waldorfschulen und Waldorfkindergärten. 96 S., brosch. EUR 18,-. Pädagogische Forschungsstelle beim Bund der Freien Waldorfschulen, edition waldorf, Stuttgart 2008, www.waldorfbuch.de
Rezensentin: Birgitt Beckers

Wie sich Eltern vor ihren verhaltensauffälligen Kindern schützen
Martin Baierl: Familienalltag mit psychisch auffälligen Jugendlichen:
Ein Elternratgeber. 240 S., m. 18 Tab., kart. EUR 19,90. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2009
Rezensentin: Ulrike Schmoller

Warum Jungs keine Männer mehr werden
Leonard Sax: Jungs im Abseits. Die aufrüttelnde Analyse eines Kinderarztes. 288 S., geb. EUR 17,95. Kösel-Verlag, München 2009
Rezensent: Michael Birnthaler

Mütter, die arbeiten, sind keine Rabenmütter
Jutta Hoffritz: Aufstand der Rabenmütter. Warum Kinder auch ohne Baby-Yoga und Early-English glücklich werden. 208 S., brosch. EUR 8,95. Knaur-Verlag, München 2008
Rezensentin: Manuela Ziegert

Eine Frauenseele erblickt die Spuren Gottes
Vision - Aus dem Leben der Hildegard von Bingen. Deutschland 2009, FSK: Freigegeben ab 12 Jahren, 111 Min., Verleih: Concorde. Buch und Regie: Margarethe von Trotta.
Rezensent: Lorenzo Ravagli


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