20 Prozent Angst, 80 Prozent Hoffnung

Von Reta Lüscher-Rieger, November 2017

Der Krieg in Afghanistan ist der längste bewaffnete Konflikt seit dem 30-jährigen Krieg. Mehrshad (15) und Hamid (18) aus Herat berichten von ihrer Flucht und ihrer Angst, wieder aus Deutschland abgeschoben zu werden.

Flüchtlinge an der Küste Griechenlands

Als sich die Eltern von Mehrshad und Hamid entschließen, ihre Söhne wegzuschicken, haben sie nur zwanzig Tage Zeit, den Entschluss umzusetzen. Ein Fremder fährt sie in den Iran, ihr Status dort ist illegal. Nach zehn Tagen erreichen sie die Türkei. Dort warten sie, bis sie mit einem Boot nach Griechenland übersetzen können. Mehrshad erzählt von der Überfahrt: »Wir waren ziemlich genau in der Mitte der Strecke, als Wasser ins Boot lief. Panik machte sich breit. Ein Junge an Bord rief die türkische Polizei an, sagte, dass wir dringend Hilfe brauchen.

Was wir nicht wussten, es war der Tag der Präsidentenwahl – sie schickten niemanden. Sechs, sieben Stunden trieben wir im Wasser, versuchten das Wasser so gut es ging, aus dem Boot zu schöpfen. Wir hatten Angst, alle haben geweint, haben Totengebete gesprochen.« Endlich werden sie von einem Fischereischiff entdeckt, gerettet und zurück in die Türkei gebracht. Sie planen einen neuen Versuch. »Bleiben war keine Option, egal wie gefährlich die Überfahrt ist. Wir mussten unsere Chance nutzen und nochmal ein Schiff nehmen.«

Der zweite Versuch glückt. In Griechenland geht es weiter nach Mazedonien, dann nach Serbien. »Es war schrecklich. Wir standen 24 Stunden in einer Schlange, um die nötigen Papiere zu bekommen. Du kannst nicht sitzen oder schlafen. Es waren so viele Menschen und alle waren so kaputt und haben geweint.« Mehrshad macht eine Pause, dann fährt er fort. »In Griechenland dachten wir, wir hätten es geschafft. Aber dann kam immer noch ein Land und dann in Slowenien war es am schlimmsten. Tausende drängten sich an der Grenze. Die Polizei war völlig überfordert und schlug auf die Menschen, auch die Kinder, ein. Doch uns begegneten auch gute Menschen, die waren freundlich und haben uns geholfen.« Auf der Flucht wird ihnen der Rucksack getragen, wenn er zu schwer wurde. Leute übersetzen für sie, zeigen ihnen den Weg. Schließlich in Deutschland passiert zum ersten Mal das, wovor sie die ganze Zeit Angst hatten: Die Brüder werden getrennt. Doch eine befreundete Familie hilft: In Stuttgart treffen sie sich wieder, von dort aus kommen sie nach Karlsruhe.

Mehrshad erinnert sich: »Es waren viele Leute in der Aufnahmestelle, es hat geregnet und war sehr kalt, so kalt ist es bei uns zu Hause nie. Wir standen bis Mitternacht auf dem Hof, konnten uns nicht hinsetzen. An diesem Tag haben wir viel geweint. Vom Gefühl her war es wie in Serbien oder Slowenien, nur schlimmer, denn wir dachten, wir sind jetzt hier sicher.« 

In Karlsruhe belegen sie Deutschkurse, ziehen in ein Wohnheim für minderjährige allein­reisende Flüchtlinge um und besuchen die Schule im Parzival-Zentrum Karlsruhe. Mehrshad, der sich mit dem Einleben und dem Erlernen der Sprache leichter tat, hat dieses Jahr seinen Hauptschulabschluss gemacht.

»Ich glaube fest daran«, sagt er, »dass Gott uns hilft. Meine Lehrerin meinte, Gott helfe mir nicht, meine Miete zu zahlen. Aber ich habe gesagt: Dort im Meer sind so viele Menschen gestorben, da hat uns Gott geholfen und wir sind nach Deutschland gekommen. Das ist wichtiger – das Leben ist wichtiger als die Miete zu bezahlen. Wenn du schlimme Sachen erlebt hast, dann weißt du, wie beschenkt du bist.«

Von ihren Eltern hören die Brüder seit vier Monaten nichts. Die Ungewissheit, wie es ihnen geht, belastet sie. »Wir haben Angst um unsere Eltern. Wir erreichen sie nicht. Nach Deutschland würden sie aber nicht kommen. Das ist nur ein Traum«, Mehrshad zuckt lächelnd mit den Schultern.

Die Sicherheitslage in Afghanistan ist schlechter als je zuvor. Es werden nur noch Straftäter und sogenannte Gefährder abgeschoben. Und trotzdem, die Geschichten von Schülern, die aus ihrer Klasse abgeholt werden und in ihr Heimatland zurück müssen, sind auch an den Brüdern nicht spurlos vorbeigegangen. Die Angst vor einer Abschiebung ist immer da, »am meisten, wenn ich nicht beschäftigt bin«, sagt Hamid. Seine Lehrerin bestätigt: »Nachts kommt die Angst, wenn es dunkel und still ist und sie nicht abgelenkt sind. Viele schlafen kaum oder haben Alpträume – und entsprechend müde sind sie tagsüber in der Schule. Bei den meisten wäre das Wichtigste ein geklärter Status, um ihnen endlich die Sicherheit zu geben, die sie brauchen.«

Mehrshad und Hamid wissen, der Abschiebestopp ist nur vorläufig. In Deutschland wurde gewählt, das Thema Flüchtlinge ist allgegenwärtig. Bei fast einer Viertelmillion Afghanen im Land sehen viele die Abschiebungen auch als politisches Signal. Und trotz deutschem Schulabschluss kann man sich nicht sicher sein, ob man bleiben darf. Hinzu kommt, dass sich auch bei den Brüdern das Verfahren hinzieht; sie verharren in einer Art Wartestellung. Die Unsicherheit ist anstrengend, lenkt ab, beherrscht ihre Gedanken.

Auch die Pädagogen, die mit den Geflüchteten arbeiten, bestätigen das: »Sie sind manchmal so abwesend. Einmal kam Mehrshad nach der Stunde zu mir und gestand, dass er zwar da war, aber mit den Gedanken ganz woanders. Er erzählte, dass er und sein Bruder in einem Monat ihre Anhörung haben. Er war sehr angespannt und hatte auch Angst.« Der Anhörungstermin wurde verschoben, einen neuen gibt es noch nicht. Die Unsicherheit hält an.

»Ich habe 20 Prozent Angst, dass wir doch zurück müssen. Aber zu 80 Prozent bin ich voller Hoffnung«, sagt Mehrshad.

Zur Autorin: Reta Lüscher-Rieger ist für die »Freunde der Erziehungskunst e.V.« in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im Bereich Freiwilligendienste und Notfallpädagogik tätig.

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