Alternative zur Auslese. Die Waldorfpädagogik stößt in der Türkei auf reges Interesse

Von Marie-Luise Sparka, März 2013

Immer mehr Menschen in der Türkei interessieren sich für die Waldorfpädagogik. Kindergärten entstehen, es gibt waldorfpädagogische Aus- und Fortbildungen, pädagogische Tagungen und Informationswochenenden. Ein öffentliches Wohlwollen macht sich bemerkbar und lässt auf die Etablierung der Waldorfpädagogik in der türkischen Bildungslandschaft hoffen. Eine Waldorfinitiative in der südtürkischen Stadt Alanya will die erste Waldorfschule im September 2013 an der türkischen Riviera eröffnen.

© Kaptan Anaokulu

Eine erste öffentliche Wochenendtagung im Frühjahr 2009 in Istanbul schuf die Grundlagen für eine Weiterentwicklung der Waldorfpädagogik. Noch im selben Jahr wurde der Verein »Freunde der Erziehungskunst Istanbul« (ESDD) gegründet. Zu den Aufgaben des Vereins zählt die Aus- und Fortbildung von türkischen Erzieherinnen und Erziehern. In Kooperation mit deutschen Pädagogen wurde ein Curriculum erarbeitet, das zu einer Waldorfqualifikation führt. 30 Teilnehmer besuchten den anschließenden Kurs.

Die Waldorfpädagogik verdankt ihre Verbreitung in der Türkei dem gestiegenen Interesse vieler Eltern an alternativen Schulmodellen, die einen Ausgleich zu dem stark kognitiv und von Selektion geprägten staatlichen Schulwesen darstellen. Die staatliche Bildungsverwaltung steht vor außergewöhnlich großen Anforderungen, denn der Anteil der jüngeren Altersgruppen an der türkischen Bevölkerung ist im Verhältnis zu Deutschland groß. Er lag 2010 bei den 0- bis 24-Jährigen bei fast der Hälfte gegenüber einem knappen Viertel in Deutschland. Obwohl eine gute Schulausbildung traditionell hohe Wertschätzung genießt, ist sie angesichts der großen Nachfrage keine Selbstverständlichkeit: Will man an eine Universität, ist dies ohne Teilnahme an landesweiten Aufnahmeprüfungen nicht möglich. Etwa eine Million Schüler konkurrieren um die begehrten rund 100.000 Plätze. Die Waldorfschulen, die das vertikale Schulsystem und das damit verbundene Prinzip der Auslese ablehnen, durchbrechen diesen Zwang. Mit ihrem ganzheitlichen Erziehungsansatz und ihrer Pädagogik der Förderung stellt die Waldorfpädagogik einen alternativen Bildungsweg dar, der Lernerfolge ohne Leistungsdruck und Prüfungsstress ermöglichen will.

Die Initiative sucht Pädagogen

Die waldorfpädagogischen Kindergärten in Istanbul, Bodrum und Alanya freuen sich bereits seit geraumer Zeit einer stetig wachsenden Kinderschar. Doch es bedarf ausgebildeter Waldorferzieher. Eine kontinuierliche waldorfpädagogische Aus- und Weiterbildung von Erziehern vor Ort ist daher unabdingbar. Diese Aufgabe hat das berufsbegleitende Kindergartenseminar in Istanbul übernommen. Um den Bedarf in der südtürkischen Region abzudecken, ist zur Zeit ein dreijähriger waldorfpädagogischer Aufbaustudiengang in Planung, der sich speziell an türkische Erzieher in Alanya und Umgebung wendet. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sind erfahrene Mitarbeiterinnen aus Hamburg, Dortmund und den USA in den noch jungen Kindergärten in der Türkei tätig. Für türkische Lehrer, die eine waldorfpädagogische Ausbildung anstreben, wird es einen berufsbegleitenden Kurs geben.

Eine Gründung in Alanya

Orhan Demirtas, der Gründer der Initiative in Alanya, ist in Heilbronn aufgewachsen und lebt seit seinem 16. Lebensjahr in der Türkei. Sein Germanistikstudium schloss er mit einer Arbeit über den Sprachunterricht in Waldorfschulen ab. Der Schulgründung geht die Einrichtung einer Vorschulklasse voraus, die ihre Arbeit im September 2012 aufnahm. Diese unerwartete Möglichkeit entstand durch den Wunsch der Inhaberin des Kindergartens, Revan Kaptan, ihren Kindergarten für die Waldorfpädagogik zu öffnen. Die Waldorflehrerin Gisela Akturan unterrichtete die Vorschulkinder in der Aufbauphase. Ein Bericht dieser Zeitschrift über die gerade gegründete Waldorfinitiative in Istanbul weckte ihr Interesse für die Türkei. Eine türkische Erzieherin setzt jetzt ihre Arbeit fort.

Das Gebäude am Aufstieg zur Burg von Alanya bietet einen Blick aufs Meer, es steht in einem Garten voller Feigen-, Zitronen- und Mandarinenbäume. Im nächsten Schuljahr möchten Akturans Schützlinge auf eine Waldorfschule gehen. »Vielleicht finden wir durch diesen Artikel Menschen, die genauso angetan sind von der Entwicklung in der Türkei, wie ich es vor vier Jahren war, und uns bei dieser Arbeit unterstützen möchten«, hofft Gisela Akturan.

Zur Autorin: Marie-Luise Sparka ist Gründungsmitglied des Vereins zur Förderung interkultureller Waldorfpädagogik in Hamburg e.V.

Link: www.interwaldorf-hamburg.de