Angst und Identität

Von Hartwig Volbehr, November 2017

Angst ist mächtig geworden. Sie scheint in unserer Zeit das Handeln in allen Bereichen des Zusammenlebens zu beherrschen.

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Sie macht auch vor den Kindern nicht halt. Und die pädagogischen Einrichtungen sind durch Reglementierungen und Sicherheitsdenken in ihren Entfaltungsmöglichkeiten behindert.

Früh stellen sich Eltern die bange Frage, ob aus ihrem Kind denn auch wirklich ein erfolgreicher, gut funktionierender Bürger wird. Eingeschränkt wird alles, was nicht diesem Ziel dient. Welche Folgen hat diese Angstkultur bei unseren Kindern? Wie sollen sie Urvertrauen entwickeln? Wie muss es auf sie wirken, wenn sie bei den Eltern kein Vertrauen mehr in die Schicksalskräfte, den natürlichen Gang der Dinge und ihr natürliches Entwicklungspotenzial erleben können?

Nun wäre es falsch, Angst nur als eine typische Erscheinung unserer Zeit zu sehen. Bereits mit dem Entstehen von Leben und dem Erwachen von Bewusstsein kommt Angst in die Evolution, denn Leben ist grundsätzlich gefährdet und bedroht. Angst hat eine wichtige Schutzfunktion und kann sogar ein Motor für Entwicklung sein, insofern Lösungsstrategien gefunden werden. Angst kann seelisches Wachstum lähmen oder auch fördern; fördern dann, wenn der Mensch bereit ist, sich der Angst zu stellen und ihr mutig zu begegnen. Dies ist Thema vieler Märchen und bei archaischen Völkern gehörte das Bestehen gefahrvoller Situationen zu den Initiationsriten.

Angst hat verschiedene Ursachen. Man kann Angst vor etwas Konkretem haben, einem Unwetter, einem wilden Tier, einem Feind oder auch vor einer konkreten Situation wie dem Besuch beim Zahnarzt. Diese konkrete Angst »vor« etwas bezeichnete man früher als Furcht. Sie liegt vor einem und hat mit dem, was auf einen zukommt zu tun. Sie rüttelt auf, lässt Lösungen suchen und Mut entwickeln. Im heutigen Sprachgebrauch und vor allem in der Wissenschaft wird das Wort Furcht kaum noch verwendet zugunsten des Begriffes »Angst«, auch in Anlehnung an das englische Wort anxiety.

Bei Tieren und wahrscheinlich auch beim Urmenschen herrschte Furcht oder Angst nur in der konkreten bedrohlichen Situation. Mit der zunehmenden Fähigkeit, sich Vorstellungen zu bilden, kann sich der Mensch alles Bedrohliche vorstellen und somit immer Angst haben. Er kreiert sich seine Angst selbst.

Diese angstmachenden Vorstellungen können leicht geschürt werden, was durch Politiker und Interessenverbände mittels der Medien häufig geschieht. Nicht das freie, autonome Ich, sondern die fremdgesteuerten Vorstellungen dominieren dann das Bewusstsein. Die Gedankenfreiheit, welche sich in der Menschheit entwickeln will, erleidet dadurch dramatische Rückschritte.

Dass Menschen in ihrem Vorstellungsleben beeinflusst werden können, ist keineswegs neu. Man denke da nur ans Mittelalter, wo die Menschen auch voller Angst waren, zum Beispiel infolge weitverbreiteten Aberglaubens oder geschürt von Vertretern verschiedenster Religionen. Diese Mächte, die damals und heute weite Teile der Gesellschaft beherrschen, wirken direkt auf unsere leibliche Konstitution, besonders auf den Ätherleib. Dort, im Ätherleib, entwickeln sich Gedanken und Vorstellungen, dort wirkt Erziehung, dort ist der Sitz unserer Gewohnheiten und Glaubenssätze, dort lagern die Erinnerungen. Von dort wird unser Denken, Fühlen und Wollen beeinflusst, und manchmal sind diese Einflüsse stärker als die Impulse, die vom Ich kommen. Bei unseren Gewohnheiten, Süchten und Zwängen können wir anschaulich erleben: Trotz bester Vorsätze handeln wir dann doch im entscheidenden Augenblick automatisch nach einem vorgegebenen Muster.  Diese Muster sowie die Ängste lähmen die freie Ich-Tätigkeit und beherrschen das Seelenleben.

In früheren Zeiten lebte der Mensch noch ganz im Wir der Gemeinschaft und seine Aufgabe war es, sich so erziehen und prägen zu lassen, dass er Teil von ihr wurde und mit und in ihr seine Existenz gesichert war. Die Aufgabe des heutigen, individuell und ich-bewusst gewordenen Menschen ist nun umgekehrt: Aus eigener Erkenntnis und in eigener Verantwortung, sein Seelenleben, seine Biografie und die Gemeinschaft zu gestalten. Vieles, was heute geschieht, stellt sich gegen diese Entwicklung.

Angst ist oft, wie andere Emotionen auch, eine Zusammenballung von Einzelaspekten. Die geballte Angst lässt sich kaum bewältigen, die Einzelaspekte sehr wohl. Reiseangst ist ein typisches Beispiel: Was könnte da alles schiefgehen, was könnte man alles vergessen, was könnte einem am Ziel der Reise alles erwarten? ... Das ist für manche Menschen einfach zu viel. Geht man mit ihnen aber die Einzelaspekte durch und teilt die große Angst in kleine Ängste, so sind diese greifbar, und es finden sich Lösungen. Nur die große Angst ist uns zu groß. Jede Angst, welcher man sich stellt und welche man bewältigt, führt zu einer Stärkung des Selbstvertrauens und des Ich.

Mit dem Besitz tritt ein neuer Aspekt von Angst ins Leben, denn ihn kann man verlieren. Es ist die Angst »um« etwas, die Verlustangst. Je größer der Besitz und der Wohlstand, je höher der Lebensstandard, umso größer ist sie. Dies ist die eigentliche Angst unserer westlichen Gesellschaft. Nirgends ist alles Handeln so angstgesteuert, nirgends werden so viele Sicherheitsvorkehrungen getroffen und nirgends so viele Medikamente gegen Angst eingenommen. Diese Angst ist rückwärts gerichtet, hängt an Vergangenem, zwingt uns zum Festhalten und lähmt so jeden Fortschritt. Sie hält fest und fordert uns nicht heraus, neue Lösungen zu finden und neue Wege zu gehen. Als Folge davon sind in den allermeisten reichen Ländern der westlichen Welt politisch zunehmend konservative Kräfte am Zug, welche ausschließlich von der Idee geleitet sind, den Besitzstand zu wahren und ihn zu mehren. Wir erleben kaum noch visionäre, zukunftsgestaltende politische Bewegungen. Diese rückwärtsgerichteten Kräfte, deren Quelle die Angst um etwas ist, scheinen nur eine einzige Antwort zu kennen: Absicherung in Form militärischer Aufrüstung. Angesichts der ökonomischen Situation unserer Erde ist dies ein folgenreicher Trugschluss und eine große Illusion. Waffen erzeugen immer Gegenwaffen und lassen neue Ängste entstehen. Im Augenblick erleben wir eine bedrohliche Angsteskalation, die uns blind macht, Neues verhindert und unser aller Zukunft gefährdet.

Die meisten Menschen der westlichen Welt identifizieren sich vollständig mit ihrem Wohlstand, ihrem Lebensstandard und dem auf Wachstum basierenden Wirtschaftssystem. Diese gelten als die höchsten Werte, die es zu beschützen gilt und denen, wie es im Augenblick geschieht, bedenkenlos unsere Freiheit geopfert wird. Zwar sagt man, die zunehmende Kontrolle, Regulierung und Bürokratisierung unseres Alltags geschieht, um unsere Freiheit zu sichern.

Aber was ist das für eine Freiheit, in der man sich nicht mehr entfalten kann, sondern völlig angepasst und systemkonform verhalten muss. Hinter alldem steht die Angst um diese Scheinidentität, die lediglich ein Resultat der Identifikation mit unserem Gesellschaftssystem ist. Diese Identität steht auf schwachen Füßen und kann in sich zusammenfallen wie ein Kartenhaus. Sie erzeugt Angst und lässt uns zum Beispiel so irrational und unmenschlich mit jenen aus Verzweiflung geflohenen Menschen umgehen. Diese bedrohen nicht unsere Sicherheit, sie bedrohen nicht unseren Wohlstand, aber sie bedrohen unsere Identität, welche keine tiefe Substanz hat. Unser Handeln macht offensichtlich, dass dem so ist, und jeder, der diese auf Äußerlichem fußende Identität in Frage stellt, wird mit Hass und Gewalt verfolgt. Diese Angst um unseren Wohlstand, diese Verlust- und Identitätsangst fordert uns heraus, die Frage zu stellen: »Wer sind wir?« Wer sind wir denn, wir Bürger des christlichen Abendlandes? Wo sind unsere Grundwerte geblieben, und wo sind sie noch wirksam? Wo ist die Nächstenliebe, und noch existenzieller: Wo ist der Geist geblieben?

Wir sind geistige Wesen, die auf die Erde kommen und wieder gehen. Darin liegt die eigentliche Identität des Menschen begründet. Alles, sein Leben und sein Besitz, sind nur ein irdisches Kleid, das er mit dem Tode wieder ablegt. Aber wie sollen wir zu unserer Identität finden, wenn der Geist geleugnet wird? Wenn er, wenn unser Ich, wenn Gott nichts als Produkte unseres Gehirns sein sollen?

Die wahre Identität ist die Quelle von Urvertrauen, der mächtigsten Kraft gegen Angst. »Urvertrauen ist Sich-gehalten-Wissen im Geistigen«, so hat es Jean Gebser einmal formuliert. Dies Urvertrauen hat der moderne Mensch verloren und er ist nicht mehr »bei sich«. Verzweifelt sucht er in äußerem Wohlstand und Reichtum nach Identitätsersatz und klammert sich daran, wie ein Schiffbrüchiger an einen Rettungsring.

So wie die Kinder noch im Einssein mit ihrem Ursprung leben, so hatte der frühere Mensch seine geistige Identität als Gewissheit empfunden. Der heutige Mensch muss sich seinen Sinn durch innere Arbeit neu erwerben. Er muss die Antwort auf die Frage nach nach seinem individuellen Lebensimpuls und seiner Lebensaufgabe selbst suchen.

Auch die Angst um die Kinder steht zutiefst mit der Frage nach unserer wahren Identität im Zusammenhang. Diese Angst »um« ist kein Resultat des gewöhnlichen Besitzdenkens, denn Kinder sind nicht unser Besitz, sondern weit mehr. Sie sind die Zukunft, und sie sind die Träger der Hoffnung, dass es uns gelingen möge, zum wirklichen Menschsein zu finden. Das, was wir nicht erreichen konnten, soll ihnen gelingen. Diese Idee ist die zentrale Kraft für alle kulturelle Entwicklung. Vielfach wird sie heute jedoch nur noch auf den Gedanken an materielles Wachstum und Wohlstand reduziert.

Die Angst um die Kinder hat tiefe Wurzeln und kann den Eltern nicht genommen werden. Jeder psychologische Versuch und der Appell: »Da müssen Sie eben lernen, sich abzugrenzen!«, geht am Wesen der Sache vorbei. Und dennoch müssen wir lernen, mit dieser Angst umzugehen. Denn so essenziell sie ist, lähmt sie, wenn die ganze Welt nur noch als bedrohlich und gefahrvoll erlebt wird, den Lebensmut und blockiert die Zukunft unserer Kinder. Diesen Eindruck gewinnt man, wenn man heutige Eltern im Umgang mit ihren Kindern beobachtet. Man spricht von Helikopter-Eltern, die ähnlich wie unsere Politiker glauben, durch Kontrolle das Leben und alles in den Griff zu bekommen. Meine Eltern konnten bei jedem Abschied noch sagen: »Gott befohlen!«, heute heißt es: »Vergiss nicht dein Handy einzuschalten!«

Diese Angst ist eine starke seelische Energie, welche auf unser Gegenüber wirkt. Man kann versuchen, diese Energie in Liebeskraft zu transformieren: Anstatt in Angst und Sorge an die Kinder zu denken, ihnen bewusst liebevolle Gedanken senden und sie innerlich mit Liebe begleiten! Im Bewusstsein können wir Einssein mit unseren Kindern. Liebevolle, ich-durchdrungene Gedanken und Wünsche werden von ihnen empfangen und stärken ihr Urvertrauen und damit ihre eigenständige Identität.

Zum Autor: Dr. med. Hartwig Volbehr ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Präsident der Internationalen Jean Gebser Gesellschaft. Er ist in verschiedensten anthroposophischen Institutionen und Ausbildungsstätten im In- und Ausland tätig.

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