Ahlan we sahlan in Überlingen

Von Isabella Simonian, Juli 2016

»Ahlan we sahlan! – Herzlich willkommen!« Dieses Gefühl hatte auch ich als Lehrerin der ersten Integrationsklasse an der Waldorfschule Überlingen vom ersten Augenblick an.

Singend und klatschend durchs Alphabet

Soviel Offenheit und Entgegenkommen hatte ich nicht erwartet!

Es waren gar nicht nur Syrer wie ursprünglich gedacht, die in unserer Integrationsklasse ankamen, sondern eine Gruppe aus drei Afghanen, zwei Afrikanern aus Guinea Bissau und vier Syrern. Einer der Syrer konnte schon nach vier Wochen in die elfte Klasse wechseln, da seine Sprachkenntnisse weit über das Niveau der anderen hinausgingen. Nur drei Monate in Deutschland und er versteht so gut wie alles, kann flüssig antworten! Die anderen acht fingen bei null an, aber mit einem solchen Lerneifer, wie man es sich als Lehrer kaum erträumen kann. In vier Wochen kannten sie alle Tage, Monate, Jahreszeiten, Himmelskörper, Elemente. Ich erklärte ihnen am ersten Schultag per Übersetzer, dass meine Methode sehr praktisch und bewegungsorientiert sein werde. Zumal wir mit drei verschiedenen Sprachen: Arabisch, Dari und Portugiesisch, ohne allgemeine Englischkenntnisse ganz auf Deutsch und die Körpersprache angewiesen seien.

Schleichtier-Zoo als Lehrmittel

Wir klatschen uns täglich durch die Wochentage und die Zahlenwelt von eins bis eine Million. Wir stampfen die Zahlenreihen, lernen die Verben mit entsprechender Pantomime, singen uns durchs Alphabet. Der umfangreiche Schleichtier-Zoo meiner Tochter muss herhalten, um die Tierwelt zu erobern mit allen Bewegungsformen und Fressgewohnheiten. Auf diese Weise ist das Verständnis für den Nominativ und Akkusativ leicht zu erlernen. Das leuchtet auch Maicon ein, der so gut wie keine Schule besucht hat. Die anderen tragen ihn mit, ermuntern ihn und werden ganz still, wenn er um eine Antwort ringt. Dann gibt's viel Lob von Seiten der Mitschüler und oft auch Applaus. Natürlich arbeiten wir uns auch durch ein Lehrbuch und gewöhnen uns an eine Vielzahl von Stimmen und deren Verschiedenheiten mit Hilfe einer Audio-CD. Wir spielen, um den Stoff zu verlebendigen, kleine Alltagsszenen, sei es beim Gemüsehändler oder im Supermarkt, ein zufälliges Treffen auf der Straße, bei dem sie auch vieles über sich, ihre Herkunft und ihre Familien offenbaren. Enthusiastisch und einfallsreich sind die Jungs dabei, mit theatralischer Leidenschaft, so dass es keiner großen Anregung bedarf. Es läuft beinahe wie von selbst, jeder will drankommen und sein Können zeigen, auch wenn noch nicht alles korrekt klingt. Doch darauf kommt es im Augenblick nicht an.

Hauptsache ist die Freude am Lernen und das Eintauchen in eine Sprache, die für sie an Weihnachten noch ein Buch mit sieben Siegeln war. Schritt für Schritt wird ein Siegel nach dem anderen geöffnet und so bedeutet es keine Hürde mehr, sich zum Beispiel bei unserer Schulsekretärin die Essensmarken für die Mensa zu bestellen.

Enormer Lerneifer

Nach dem täglich zweistündigen Deutschunterricht geht es in den Fachunterricht der Regelklassen 9 bis 12. Immer zwei Schüler in einer Gruppe, so dass der Unterricht ganz normal seinen Lauf nimmt, und die neuen Schüler sich bemühen müssen, sich ins Geschehen zu integrieren. Natürlich geben die Fachlehrer Hilfestellungen, um den Einstieg zu erleichtern, aber gerade die eigenen Bemühungen, sich auf die Sprache und das soziale Miteinander einzulassen, ermöglichen ihnen Kontakt zu den deutschen Schülern. Diese nehmen sie sehr hilfsbereit und offenherzig auf. Schon hört man die ersten arabischen Wörter, die die deutschen Schüler aufschnappen und ein munterer Austausch entsteht.

Beim Schneidern mischt sich einer der Afghanen unter die Mädchen, blättert mit ihnen in einer Zeitschrift auf der Suche nach einem passenden Schnitt. Beim Schmieden überragt einer der Afrikaner aus Guinea Bissau die anderen Neuntklässler um Kopfeslänge, wenn sie da in Schürzen alle zusammen um die Esse stehen. Schon liegt sein erster selbst geschmiedeter Kleiderbügel im Schaukasten des Schulfoyers. Im Korbflechten gehen die beiden Afrikaner gerne auch den anderen Schülern zur Hand. Weiter geht das handwerklich-künstlerische Angebot vom Buchbinden über das Töpfern hin zum Malen. Auch hier sieht man sie interessiert den Anweisungen der Lehrerin lauschen und schon hängen die ersten Exemplare an den Ausstellungswänden im Foyer. Das Echo der Handwerks- und Fachlehrer auf unsere neuen ausländischen Schüler ist insgesamt positiv, denn von allen wird die enorme Bemühung und der Wille, etwas Neues zu erlernen, gesehen. Hoch im Kurs steht der Sport. Vom Fußball erzählen sie mit glänzenden Augen und ihnen ist der Stolz anzumerken, eine Disziplin wie das Bogenschießen lernen zu dürfen. Das vielfältige Angebot reicht mittlerweile in den Nachmittag hinein – mit einer Essenspause in der Schulmensa.

Schule und Jugendwohngemeinschaft kooperieren

Dann folgt das intensive Hausaufgaben-Programm im Georgenhof in Bambergen, wo sie gemeinsam als Jugendwohngemeinschaft in eigens für sie eingerichteten Räumen seit Anfang dieses Jahres untergebracht sind. Intensive Unterstützung und Anleitung im Leben und Lernen erhalten die acht unbegleiteten Minderjährigen durch die Erzieherinnen und die von allen geschätzten Übersetzer. Sie schauen, dass alle Hausaufgaben ordentlich erledigt werden. Ein Vokabelheft hat sich unabhängig vom Lehrbuch schon mit Wörtern gefüllt. Wie viele Verben es sind – schon bald 100 –, die sie in diesen sechs Wochen kennengelernt haben! Die Wissbegierde ist nach wie vor groß! Ständig fragen sie nach, bringen Wörter und Ausdrücke, die ihnen im Fachunterricht oder Alltag fehlen, als Frage ein. Und all dies wird dann am Nachmittag intensiv geübt. So greifen Unterricht und Nachmittagsprogramm eng ineinander und der Erfolg bleibt nicht aus. Die Fortschritte sind höchst erfreulich und für die Jungs ist es beglückend, zu erleben, dass sie sich ihrem Ziel Schritt für Schritt nähern, die deutsche Sprache als Tor zur deutschen Kultur zu erobern.

Eine Schlüsselrolle in dem Geschehen nimmt die gute Kooperation zwischen dem Georgenhof und der Waldorfschule ein. Der Impuls seitens des Georgenhofes, für die acht Flüchtlinge die passende Schule zu finden, traf sich mit der im Herbst ins Leben gerufenen Flüchtlingsdelegation der Schule, die an einem Konzept für eine Flüchtlingsklasse arbeitete. So konnte das Projekt zügig umgesetzt werden. Eine der Klippen ist die Finanzierung, denn es fehlte der Schule zunächst der Elternbeitrag, der die Lücke zur staatlichen Finanzierung schließt. Aber durch den Verzicht der Schule, sich die zusätzlich anfallenden Kosten erstatten zu lassen und die Bereitschaft des Georgenhofes, einen Teil des Elternbeitrages zu übernehmen, konnte auch diese Hürde genommen werden.

Um das Modell der Integrationsklasse weiterzutragen und eventuell noch auszubauen, ist die Schule auf finanzielle und persönliche Unterstützung angewiesen. Die Nachfrage ist immens und auch der Georgenhof wünscht sich eine Ausweitung. Da er sein Angebot mit einer erweiterten Platzzahl aufstocken will – aufgrund der aktuellen Bedarfsfeststellung durch das Jugendamt Friedrichshafen –, sind Patenschaften sehr hilfreich und erwünscht, um diese jungen Menschen, die den Mut haben, alleine im Alter von 16 bis 17 Jahren ihre Heimat und Familien zu verlassen, bei der Suche nach ihrer Zukunft zu unterstützen.

Zur Autorin: Isabella Simonian ist Russischlehrerin an der Waldorfschule Überlingen, arbeitet als Sprach- und Tanzlehrerin im Flüchtlingsheim und unterrichtet die neu eingerichtete Integrationsklasse.

Kommentare

Soraya Biller, 19.07.16 11:07

Schöner Artikel. Plötzlich ist man in Überlingen meiner ehemaligen Schule ganz Menschenfreund.
Vor wenigen Jahren galt man dort als andersfarbiger Schüler noch als Exotikum. Subtiler Rassismus durch Lehrer und Schüler keine Seltenheit. Es freut mich sehr, dass sich die überlinger Waldorfschule geöffnet hat und dieses Projekt betreibt. Was hier allerdings deutlich wird ist, dass von diesem schönen Programm mal wieder nur die Stärksten profitieren. Junge männliche Jugendliche. Ich hoffe, sie können die hier erlernten Werte und Willlkommenskultur auch an die schwächeren Menschen in ihrem Land weiter geben. Das Projekt ist jedoch grundsätzlich sehr zu begrüßen. Dennoch darf man nicht vergessen, dass Frauen mit Kindern eigentlich am meisten Unterstützung benötigen.

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