»Ohne Worte«

Von Melanie Hoessel, Juli 2016

Über den Umgang mit Flüchtlingen, wenn die Worte fehlen.

Zwei Jahre lang habe ich als Literaturpädagogin Sprachkurse für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge an einer Dortmunder Gesamtschule geleitet. Die Jugendlichen lebten bereits seit mehreren Monaten in Deutschland und hatten grundlegende Sprachkenntnisse aus verschiedenen Deutschkursen. Um sie zu motivieren, hatte ich einen Jugendroman ausgewählt, den ich mit der Gruppe bearbeiten wollte. Doch mein Vorhaben scheiterte noch vor der Mitte des ersten Kapitels. Die Gruppe war zu uneinheitlich, der Sprachstand zu unterschiedlich, die Beschulungsfähigkeit grundverschieden. Zudem führten unterschiedliche kulturelle und religiöse Werte zu Spannungen in der Gruppe, ohne dass diese wirklich zum Ausdruck gebracht werden konnten. Denn es fehlten nicht nur die Worte, es fehlte auch das Vertrauen, sich mit seinen Gefühlen und Gedanken in der Gruppe zu öffnen. Und nicht selten wurden die jungen Menschen wütend, weil sie ihre Gefühle nicht zum Ausdruck bringen konnten.

Überall in Deutschland sollen und müssen Flüchtlinge als erstes Sprachkurse machen, sobald sich ihnen eine dauerhafte Bleibeperspektive eröffnet. Sie sollen erst die deutsche Sprache lernen, ehe sie mit der Gesellschaft in Kontakt kommen. Als wäre die Sprache eine Eintrittskarte, um in die Welt der Begegnungen zu kommen. Doch dieses Ticket ist oftmals nicht gültig. Denn die jungen Flüchtlinge, die ich kennengelernt habe, sind voller Geschichten, angefüllt mit erlebtem Leben, voller Ängste, Träume, Ungewissheit und Verlust. Hier, bei uns, sind sie allein, einsam, unverstanden. Und daran hatten alle Sprachkurse als Maßnahmen zur Integration nichts ändern können. Es musste einen anderen Weg geben. Und der bestand darin, die jungen Menschen in ein gemeinsames Tun zu bringen, ganz ohne Sprache. Wir begannen zu malen, wir machten Musik, Bewegungsspiele. Und aus der Tätigkeit entwickelte sich die Sprache, die wir brauchten, um etwas Gemeinsames zu schaffen und sich darin zum Ausdruck zu bringen. So entstand im Laufe der Zeit das Projekt »Ohne Worte«.

Aus Bildern werden Bücher

»Ohne Worte« ist der Versuch eines mittleren Weges. Die Grundidee ist einfach, genauso wie das Vorgehen. Das Ergebnis hingegen anspruchsvoll: das Schreiben eines eigenen Buchs. Und so funktioniert es: Beginnend mit dem Anschauen einer Bilderbuchgeschichte gestaltet jedes Kind ein erstes Blatt mit Stempeln. Diese anfängliche kreative Erfahrung ist bewusst niedrigschwellig. Oft habe ich erleben müssen, dass Kinder aus anderen Kulturkreisen auch anders malen – vergleichen sie ihre Bilder dann mit denen der in Deutschland beschulten Kinder, werden sie traurig oder gar frustriert. Anschließend gestaltet das Kind einen Hintergrund für die gestempelten Motive. Immer wieder besprechen wir das Bild in der Gruppe und füllen damit die Wortschatzkiste. Erste Wörter können so bald den Bildern hinzugefügt werden. Im fortwährenden Austausch entstehen kleine Geschichten, die wir nicht nur erzählen, sondern immer wieder auch vorspielen, singen und in körperlichen Übungen darstellen. Damit machen wir das leere Blatt lebendig. Woche um Woche wächst jede einzelne Geschichte, bis man die einzelnen Blätter zu einem kleinen Buch zusammenfassen kann, das gebunden wird. In der Gruppe wächst indessen das Verständnis für den anderen Menschen, der ebenfalls seine Geschichte erzählt und somit Einblick in sein Inneres gewährt. »Ohne Worte« soll nicht in reinen Flüchtlingsgruppen stattfinden. Es kann nur gemeinsam mit Kindern gelingen, die nicht aus ihrem Heimatland geflohen sind.

So, wie es Menschen mit Fluchterfahrung geht, geht es auch vielen jungen Menschen hier, die sich, aus ganz anderen Gründen, in andere Welten flüchten. »Ohne Worte« wird so zu einer aufregenden und abenteuerlichen Reise.

Gerade das gemeinsame Tun ist für das Projekt »Ohne Worte« von großer Bedeutung. Ich habe junge unbegleitete Flüchtlinge getroffen, die nahezu perfekt einen deutschen Text vorlesen konnten, aber keinen Zugang zu der Bedeutung der Worte hatten. Wenn dies geschieht, verpufft alle Bemühung zu helfen, einen Zugang zur neuen Sprache zu finden.

Begegnung bildet Vertrauen

Nicht die Sprache, sondern die Begegnung ist die Eintrittskarte. Denn im gemeinsamen Tun, ohne Erwartungen, ohne vorgefertigte Konzepte, mit Offenheit und Interesse an dem anderen Menschen entsteht Vertrauen. Und erst im Vertrauen finden sich die richtigen Worte für das gegenseitige Verstehen, die man nicht in Sprachkursen lernt, sondern gemeinsam finden muss. Die Schüler begegnen sich in Geschichten, die ohnehin schon leben und da sind. In ihnen liegt die Motivation, in eigene Worte und eine gemeinsame Sprache zu kommen.

Wie kann man dieses In-die-Sprache-Finden in der Schule wirksam werden lassen? Für Lehrer, die mit Flüchtlingen arbeiten oder arbeiten werden, besteht die wichtigste Herangehensweise darin, ihre eigene Haltung zu reflektieren. Denn es mag ungewohnt sein, ganz ohne vorgefasste Konzepte und Lernziele in den gemeinsamen Prozess zu gehen. »Ohne Worte« braucht in der Vorbereitung im Grunde nichts weiter als ein leeres weißes Blatt, ein gutes Buch mit Bildern ohne Worte, ein paar Stifte und vielleicht einige Stempel. Denn jede vorgefertigte Unterlage ist nicht auf die ergebnisoffene Begegnung ausgerichtet. Es geht darum, offen umzugehen mit den Traumata. Was erzählt werden will, wird seine Sprache finden. Und das eigene Buch wird dafür zur Leinwand und zu einem geschützten Raum, in dem sich der Autor öffnen kann.

Entscheidend ist jedoch, das unbedingte Zutrauen in die jungen Menschen: Schreibt Euer eigenes Buch – auch wenn ihr die Sprache nicht beherrscht! Wer die Sprache als komplexes Regelsystem zur menschlichen Verständigung versteht, darf nicht allein die Formulierung einzelner Wörter und Satzzeichen bei ihrer Vermittlung im Blick haben. Er muss sie ganzheitlich erfassen, um sie lehren zu können.

Zur Autorin: Melanie Hoessel ist Literaturpädagogin, Autorin und Mitarbeiterin der Anthroposophischen Gesellschaft NRW.

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