Abi-Stress – oder geht’s auch anders?

Von Ulfrid Mattig, März 2017

Das Abitur kann zu einem Erziehungskunstwerk werden, wenn Lehrer und Schüler sich selbst als sozialen Organismus verstehen lernen.

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Unser Kunstbegriff

Angeregt vom Zeitschriftentitel »Erziehungskunst« fragte ich mich, bezogen auf das eigene pädagogische Tun, was mit dem Begriff gemeint sein könnte. Der Kunstbegriff ist in die verschiedensten Richtungen zu fassen, etwa mit den sogenannten Schönen Künsten, der Musik, bildender oder darstellender Kunst u.a. oder mit den Freien Künsten wie Rhetorik, Geometrie, Astronomie u.a. Eigentlich hat jedes Fach seine Künstler, im Tun und im Ergebnis. Das Ergebnis ist ein vorzeigbares Produkt, ein Bild, eine prämierte Rede oder etwa eine bejubelte Operninszenierung. Was wäre das Ergebnis meiner pädagogischen Arbeit, mein Erziehungskunstwerk? Sind es schließlich die betroffenen Schüler? Wie wären diese, quasi als Ergebnis, nach dem pädagogischen Erfolg, zu bewerten?

Hier wollen wir uns dem erweiterten Kunstbegriff nach Joseph Beuys anschließen, die Lerngruppe als »sozialen Organismus« auffassen und das »Werkstück« entsprechend als »soziale Plastik«. Dabei geht es weniger um das Produkt als um den Prozess, um das Zusammenspiel und die individuelle Entwicklung der beteiligten Akteure nach dem Motto: »Der Weg ist das Ziel«. Nach Beuys, der durch Rudolf Steiner inspiriert war, ist nicht nur der klassische Künstler kunstschaffend, sondern jedes Mitglied der Gesellschaft beteiligt sich aktiv gestaltend an dieser so gesehenen sozialen Plastik mit seiner individuellen Phantasie, seiner geistigen Kraft, seiner Offenheit für Entwicklungen und besonders auch mit seiner Kreativität. Demnach darf der Titel auch nicht »mein « sondern muss »unser Erziehungskunstwerk« heißen.

Ich schreibe über das Unterrichtsjahr 2015/16 der 13. Klasse in der Waldorfschule in Kleinmachnow, in dem ich die Schülerinnen und Schüler auf die Abiturprüfungen im Fach Biologie vorbereitet habe.

Unser »sozialer Organismus«

Die Vorbedingungen waren sowohl von meiner als auch von Seiten der Klasse für ein Erziehungskunstwerk im oben beschriebenen Sinne gut. Ich war schon vor zehn Jahren, nach Beendigung meiner Zeit als Gymnasiallehrer, in den Ruhestand versetzt worden und hatte seitdem neun Jahre lang an verschiedenen Waldorfschulen jeweils 13. Klassen zum Abitur geführt.

Da ich mit Vollendung meines 65. Lebensjahres hoch motiviert war, meinen Lehrberuf als Oberstudienrat weiterhin auszuüben, hatte ich im zuständigen Ministerium die Weiterbeschäftigung beantragt, allerdings ohne Erfolg, die Altersgrenze als Beamter ist nicht verhandelbar. Jedoch war es möglich, als Quereinsteiger in den Abiturjahrgängen an Waldorfschulen zu unterrichten. Und das stellte sich als ideale Alternative heraus. Hier konnte ich mich genau auf das beschränken, weswegen ich Lehrer geworden war, auf die Arbeit mit den Jugendlichen. Alle zusätzlichen Belastungen wie Pausenaufsichten, Klassengeschäfte, Elternabende, Konferenzen oder Vertretungen fielen weg.

In ähnlich positiver Verfassung fand ich die Klasse vor, zwölf Jahre in relativer Waldorf-Freiheit »dressiert« und voller Motivation; vordergründig allerdings zunächst extrinsisch auf die schriftlichen und mündlichen Abiturprüfungen im Fach Biologie ausgerichtet.

Die Schülerinnen und Schüler sind, wenn man so will, die bunten Farben, die dem »Kunstwerk« den Anstrich geben. Die eine oder der andere hat besondere Strahlkraft, andere kommen erst in der Mischung zur Geltung. Und es bleibt spannend, wie die Gesamtkomposition unserer sich entwickelnden »sozialen Plastik« schließlich ausfallen mag.

Der Unterrichtsrahmen

Vier Semesterwochenstunden waren für die Gesamtklasse in zwei 90-Minuten-Blöcken für die Stofferarbeitung im Fach Biologie zusammengefasst. Ein weiterer Block stand dem Leistungskurs für die Stoffvertiefung und zum Einüben der spezifischen Klausurmethodik zur Verfügung. Die einzelnen Unterrichtsblöcke waren die Mosaiksteine, um das »Kunstwerk« konkret zu gestalten.

Neben der Planung des Gesamtjahres mit dem Abitur als Ziel, definierte ich als meine Detailaufgaben im Prozess der angesteuerten »sozialen Plastik«: die Strukturierung und Rhythmisierung der Unterrichtsblöcke, die Vermittlung von Sachinformationen, Provozieren zu Einstellungen und Positionen, Erstellen von Querverbindungen und Aufgaben, Moderieren der Schülerbeiträge sowie die Aufgabe von Hausaufgaben und Organisation der Exkursionen.

Pädagogische Leitbilder

Das Leitmotiv war also, neben der Vorbereitung auf die Abiturprüfung, die Lerngruppe als sozialen Organismus im Sinne von Beuys zu verstehen und deren Entwicklung zu gestalten. Hierzu ist eigentlich ein weiter Spielraum nötig, der bei uns allerdings im straffen Zeitrahmen des prall gefüllten Stoffplanes und der am Ende wartenden Abiturprüfung sehr eng war. Somit fokussierte ich mich darauf, diesen zentralen Konflikt aufzulösen, beziehungsweise kein Ziel zu vernachlässigen. Neben der Stoffaneignung und Entwicklung der spezifischen Prüfungskompetenz sollte gleichermaßen der einzelne Schüler als individuelle Persönlichkeit mit seinen konstruktiven Entfaltungsmöglichkeiten und mit seiner Integration und Entwicklung im sozialen Rahmen der Lerngruppe im Zentrum stehen. In diesem Sinne behielt ich besonders die Leitbilder Eigenständigkeit, Kreativität, Kooperation und die intrinsische Motivation im Auge.

Unter dem Aspekt der Eigenständigkeit wollte ich mich in der Lehrerrolle weitgehend im Hintergrund halten. Hilfreich war hierbei, dass die Abituraufgaben auch für Biologie im Land Brandenburg zentral vom Bildungsministerium gestellt werden. So fiel es leichter, mich als Teamplayer in die Lerngruppe einzufügen, wusste ich doch ebenso wenig wie die Schüler, welche Themen aus dem vorgegebenen Lernstoff in den Klausuren abgefragt werden würden. So hatten wir das gemeinsame Ziel, die optimale inhaltliche und methodische Vorbereitung auf die uns gleichermaßen unbekannten Klausuraufgaben.

Ebenfalls zur Unterstützung der Eigenständigkeit nutzte ich für die Aneignung von Sachinformationen das gute Fachbuch. So konnte ich den Lehrervortrag in Grenzen halten. Die Schüler übten im Sinne der vorbereitenden Studierfähigkeit die Selbsterarbeitung von Fachinhalten. Am Rande bemerkt: Einige Sachfehler im Lehrbuch stellten sich als Hilfe heraus, das absolute Vertrauen in Gedrucktes zu hinterfragen und damit eher der eigenen Urteilskraft zu vertrauen. Die intrinsische Motivation, als das eigenständige, an der Sache orientierte Interesse, wird als wichtige Voraussetzung für nachhaltiges Lernen anerkannt. In der Waldorfpädagogik weisen alleine schon der Verzicht auf das »Sitzenbleiben« und auf Zensurenzeugnisse in diese Richtung. Hier gibt es, im Unterschied zur Regelschule, auch im 13. Jahrgang keine Vorzensuren, die in das Abiturzeugnis eingehen würden. Dadurch ist administrativer Druck vermieden und der Fokus lässt sich leichter auf die Inhalte des Faches als solches richten.

Gerade dem Biologieunterricht wohnen besondere Möglichkeiten inne, den Schülern die Faszination des Faches lebendig zu halten. Wir nutzten viele direkte Berührungen mit der Lebenswirklichkeit wie den Besuch des Botanischen Gartens oder des Max-Planck-Instituts für molekulare Pflanzenphysiologie, wir haben experimentiert oder sind mit Mikroskopen in die Welt der Mikroben vorgestoßen.

Auch kleine freiwillige Schülervorträge zu spannenden biologischen Phänomenen wie »Bioinvasoren«, »Das unbekannte Leben der Pilze«, »Biosphäre II« u.a. konnten das fachbezogene Interesse unterstützen. Die eigene »Biosphäre III« begleitete uns in ihrer Entwicklung als Modell über das ganze Schuljahr.

Unsere Kernmethoden

Drei Kernmethoden zur Unterstützung von Kreativität und Kooperation haben dem Semester den Stempel aufgedrückt und sollen hier besonders hervorgehoben werden. Häufig wurden fachliche Zusammenhänge ausführlich paarweise oder in Dreiergesprächen erörtert und ein Unterrichtsblock mit einer derartigen Gesprächsrunde eingeleitet. Dann gab es an der Tafel eine Liste mit vielleicht fünf oder sieben Teilthemen zur Wiederholung aus dem vorausgegangenen Block oder auch zu den vorbereiteten Hausaufgaben. Es waren immer sehr aktive Phasen, in denen sich die Schüler ohne Ausnahme intensiv ausgetauscht haben. Oft hatte ich Mühe, diese Gespräche für eine Zusammenfassung abzubrechen. Das waren dann Momente, in denen sich sehr bewusst Mosaiksteine zum Gesamtkunstwerk abzeichneten; Momente, in denen sich ein Lehrer überflüssig fühlen konnte angesichts der intrinsisch hoch motivierten Lerngruppe.

Die Diskussionsergebnisse zu den einzelnen Teilthemen wurden dann von jeweils einem Schüler vor der Klasse als Kurzvortrag präsentiert. Anfangs war es für manche Schüler etwas heikel, so plötzlich vor der Klasse zu stehen. Die Situation entspannte sich aber schnell, weil es keinerlei Zensurendruck gab, alle die Chance hatten, ihre Beiträge zuvor in den vorausgegangenen Partnergesprächen einzuüben und weil eine grundlegend tolerante Grundhaltung in der Gruppe herrschte. So konnten sich dann auch weniger redegewandte Schüler in der Situation angenommen und wohlfühlen. Durch diesen Ansatz war nebenbei gewährleistet, dass Schüler, die gefehlt hatten oder die Hausaufgaben nicht vorbereiten konnten, aufs Laufende kamen.

Einen weiteren Mosaikstein steuerte der Leistungskurs bei.

Einmal in der Woche hatte dieser einen eigenen Block, bevor sich dann Leistungs- und Grundkurs zu einem gemeinsamen Block trafen.

Wenn im Leistungskurs zuvor neue Inhalte erarbeitet worden waren, bildeten wir gelegentlich wieder Kleingruppen, die sich gemischt aus Grund- und Leistungskurs zusammensetzten. Hier konnten sich die Leistungskursschüler als »Junglehrer« bewähren. Für den Grundkurs war die Vermittlung neuen Stoffes durch Mitschüler spannend. Hier passt der Begriff »intrinsische Motivation« in besonderer Weise. Es war bemerkenswert, mit welchem Engagement sich alle einsetzten, allein aus dem eigenständigen Interesse, Sachinhalte gedanklich zu durchdringen und verständlich weiterzugeben. Es musste nur darauf geachtet werden, dass sich keine sachlichen Fehler einschlichen.

Wenn immer möglich, waren die Schüler aufgefordert, für theoretische Zusammenhänge Grafiken, Tabellen oder figürliche Darstellungen zu entwickeln, in den eigenen Heftaufzeichnungen oder besonders auch als Tafelbild. Gelegentlich bestand die Aufgabenstellung für die vorbereitenden Partnergesprächen explizit darin, für die Sachinhalte mögliche Tafelzeichnungen auszudenken. Hier war Kreativität gefordert, was die Schüler offensichtlich stark animierte. Gelegentlich standen dann alle Kleingruppen an der Tafel, um ihre Vorschläge anzuzeichnen. Das gab ein gutes Gedränge und ein gespanntes Interesse, wie die Aufgaben verschieden gelöst worden waren.

Anschließend bekam die Klasse die eine oder andere Darstellung jeweils von seinem Urheber erläutert. Bei der Vielzahl kreativer Vorschläge leiteten sich in aller Regel interessante und konstruktive Diskussionen ab. Die Gruppe hatte sehr schnell verstanden, dass, um niemanden zu entmutigen, auch bei Fehlern keine Darstellung abgewertet werden durfte. Viel eher ergab sich im Gespräch die Chance, eben dann auch aus Fehlern zu lernen. Nebenbei bot sich ein Training für das mündliche Abitur, um auch dort im Prüfungsgespräch die Tafel geübt für veranschaulichende Darstellungen einsetzen zu können.

Rückblick

Das Kernziel, das Abitur, ist geschafft. Im Fach Biologie waren sogar 15 Punkte dabei, schriftlich sowie mündlich.

Non scholae sed vitae discimus, also, die formale Qualifikation für ein Studium ist erreicht. Und, wie ist das vorgenommene Kunstwerk insgesamt gelungen? Aus meiner Sicht recht gut. Viele Puzzleteile entstanden und haben sich immer mehr zu einem Gesamtbild zusammengefügt.

Meist ging es heiter zu, es wurde mikroskopiert oder experimentiert, es wurde um Meinungen und Einstellungen gerungen, Wissensstoff im intensiven Miteinander nachhaltig durchdrungen oder Methoden trainiert. Gelegentlich erschien ein Block für sich wie ein kleines Einzelkunstwerk. Auch unsere Exkursionen in die »reale Welt«, außerhalb von Tafel und Lehrbuch, waren wichtig.

Es bleibt der Lehrerwunsch, dass sich bei den Schülerinnen und Schülern viele Unterrichtseinheiten zu einem guten Erinnerungsbild an den Biologieunterricht in der 13. Klasse zusammenfügen, ein nachhaltiges Interesse am Fach erhalten bleibt, Wissen angelegt wurde, auf das vielseitig zugegriffen werden kann oder dass angemessen auf die Anforderungen eines weiterführenden Studiums vorbereitet wurde. Vielleicht empfinden sie sich sogar als kleines, aber wichtiges Mosaiksteinchen in der gelebten »Sozialen Skulptur« der Lerngruppe und denken mit Freude auf diese in der Schule gelebte Lebenszeit zurück.

Die Schülerinnen und Schüler schwirren in die Welt hinaus. Der Lehrer muss sich vom »Kunstwerk« trennen. Das kann ihm so schwer fallen wie einem Maler, der mit seinem Bild das Gefühl verbindet, ein Teil von ihm selbst geht dahin. Immerhin wird unser »Erziehungskunstwerk« dreiundzwanzigfach in die Welt hinaus gehen. ‹›

Zum Autor: Dr. Ulfrid Mattig war Lehrer in den Fächern Biologie, Geographie, Leibeserziehung an Gymnasien und im Ausland (China und Kolumbien); nach seiner Verrentung unterrichtete an den Waldorfschulen Lensahn, Potsdam und Kleinmachnow.

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