Budelis Seefahrt

Von Rolf Krauss, November 2017

Vor 35 Jahren schrieb ich in den Vogesen in französischer Sprache eine kleine Geschichte. Ursprünglich war sie als musikalisches Theaterspiel für Kinder konzipiert und gemeinsam mit einem Clown hatte ich dafür die einzelnen Szenen erarbeitet. Damals ahnte ich nicht, dass daraus einmal ein Kinderbuch werden würde, das einige Kinder meiner Klasse illustrieren sollten.

Als ich vor vier Jahren die erste Klasse der Freien Waldorfschule in Oldenburg übernahm, schien die Zeit reif, mein ursprünglich als Theaterstück konzipiertes Buch »Budelis Seefahrt«, mit dieser Klasse zu lesen und zu gestalten.

Zwei Faktoren bestärkten mich in meinem Entschluss: Erstens war es an der Schule schon so etwas wie Tradition, in der dritten Klasse an dem Wettbewerb der Bünting Stiftung »Mein erstes Buch« mitzuarbeiten, in dem Kinder Geschichten zu einem bestimmten Buchstaben schreiben und dazu Bilder malen. Zweitens findet in Oldenburg alljährlich im Herbst die sogenannte »KIBUM«, Deutschlands wichtigste Kinder- und Jugendbuchmesse statt, bei der Kinder alles um und über das Bücherschreiben in Form von Vorlesungen, Workshops und Ausstellungen erfahren können.

2016 war das Schwerpunktthema »Schweden«. Die Klasse konnte an der Lesung einer schwedischen Autorin teilnehmen und zudem bot sich die Gelegenheit in einer Sonderausstellung Originalzeichnungen und Illustrationen vieler Bücher Astrid Lindgrens zu bewundern. Also eine einmalige Gelegenheit, um dies als Motivationsschub zu nutzen und das Projekt zu initiieren.

Die meisten Kinder waren natürlich zunächst erst einmal begeistert, schwieriger gestaltete es sich, diesen Anfangsschwung auch über längere Zeit aufrecht zu erhalten.

Den Gedanken, vielen verschiedenen kleinen Künstlern die Aufgabe zu übergeben, verwarf ich schon bald wieder, da ich nicht wollte, dass eines der typischen Bücher daraus wird, in welchen einfach Kinderzeichnungen verwendet werden, ohne eine stilbildende Auswahl zu treffen. Es sollte durchaus eine Herausforderung sein, an der die Kinder auch in Hinblick auf künftige länger andauernde Arbeiten wachsen und dabei u.a. auch Fähigkeiten wie Ausdauer und Durchhaltekraft entwickeln könnten. Der Seiltanz dabei, einerseits dem geforderten künstlerischen Anspruch (z.B. beim sorgfältigen Ausmalen des Hintergrundes oder der Verwendung der Farben) und den terminlichen und organisatorischen Notwendigkeiten eines Buchverlages und andererseits der künstlerischen Freiheit und dem pädagogischen Anliegen gerecht zu werden, war nicht leicht. Es bedurfte immer wieder der Ermutigung und des Zuspruchs.

Ich wählte also einige Kinder aus, die gerne zeichneten, sorgfältig arbeiten konnten und bereit waren, auch an einem längeren Projekt teilzunehmen. Das Buch sollte in DIN A4 erscheinen, somit war die Bildgröße bereits vorgegeben. Zum Malen sollten sie entweder Farbstifte oder Wachsmalkreiden verwenden. Welche Kapitel sie illustrieren wollten, ließ ich die Kinder selbst entscheiden, bei Überschneidungen einigten wir uns, so dass die 24 Kapitel zunächst einmal gleichmäßig auf die vier kleinen Künstler verteilt wurden. Da ich mit dem Verlegen eines Buches selbst völliges Neuland betrat, dauerte es ein gutes Jahr, bis Textbearbeitung, Korrekturlesen, Layout, Druckvorlagen der Bilder, Auswahl der Druckerei und Probedrucke geklärt waren.

Schreiben, malen und ein Buch binden

Ein Buch als Klassenprojekt zu illustrieren oder gar zu schreiben, kann längerfristig viele Möglichkeiten der Gruppenarbeit und des alternativen Lernens bieten, die sich bereits in den unteren Klassen genauso wie zum Beispiel das Theaterspielen anlegen lassen. Es können poetische Schreibwerkstätten entstehen, in denen Deutsch und Grammatik wieder spannend werden. Falls an der Schule die Möglichkeit zum Buchbinden oder gar zum Buchdruck besteht, eröffnen sich zudem weitere potenzielle klassenübergreifende Möglichkeiten.

Auch wenn es, wie in meinem Fall, ein sehr persönliches und auch ambitioniertes Projekt war, so kann ich doch nur jeden Klassenlehrer ermutigen, um die Zeit des Rubikon im Übergang von der Unter- zur Mittelstufe ein Buchprojekt zu initiieren. Der Gewinn an Motivation und Selbstvertrauen ist auch im Hinblick auf die »Jahresarbeiten« von langfristigem pädagogischem Wert. Hierauf kann also auch schon in den unteren Klassen und in der Mittelstufe mit auf Freiwilligkeit beruhenden Projekten hingearbeitet werden. Diese könnten sogar klassenübergreifend sein und sowohl Teamfähigkeiten als auch Sorgfalt, Zielgerichtetheit und Bewusstsein für Zeitmanagement entwickeln. So könnte sogar ein eigenes Schullesebuch oder ein Buch mit Tier- und Pflanzenmärchen, zu dem verschiedene Klassen Beiträge erarbeiten oder selber Geschichten schreiben, entstehen. Die Seitengestaltung sowie der Entwurf des Titelbildes bieten eine Fülle an Möglichkeiten, die Epocheninhalte noch einmal aufzugreifen und künstlerisch zu vertiefen (zum Beispiel geometrische Motive aus den verschiedenen Kulturepochen, Geometrie oder Pflanzenkunde). Gerade in Zeiten des E-Books scheint es mir wichtig, dass die Kinder und Jugendlichen erleben, wie ein Buch zum Anfassen entstehen kann.

Zum Autor: Rolf Krauss ist Klassenlehrer an der Freien Waldorfschule Oldenburg

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