Der Rhein aus Styropor und Pappmaché

Von Marcus Kraneburg, September 2011

Der Gang der Geographie in der Waldorfschule führt den Schüler von der Heimatkunde in der 4. Klasse zum Erleben der landschaftlichen Vielfalt ganz Deutschlands in der 5. Klasse. Der Autor, Klassenlehrer an der Freien Waldorfschule am Kräherwald in Stuttgart, beschreibt ein plastisches Unterrichtsprojekt.

Ich bin jedes Mal neu begeistert, welche Möglichkeiten zu neuer Fähigkeitsbildung der Hauptunterricht durch Projektarbeit bietet. Die Arbeit schult die Kinder in der Fähigkeit der Rücksichtnahme, Zuverlässigkeit, Teamfähigkeit, Sorgfalt und nicht zuletzt in der Fähigkeit des zügigen Aufräumens.

Vor meinem inneren Auge stand ein viereinhalb Meter langes Modell des Rheins mitsamt seinen großen Nebenflüssen (Main, Mosel, Neckar, Ruhr ...). Ich sah die Kinder meiner Klasse an den Ursprüngen der Flüsse stehen, wie sie mit Gießkannen in den Händen die Quellen sprudeln lassen. Das Wasser wäre aufgrund der »berechneten« Modellneigung dem Rhein zugeströmt, hätte sich in dessen Bett vereint, der Rhein wäre größer und breiter geworden, um sich am Ende in das Nordseebecken zu ergießen. Wie Adern des menschlichen Körpes, so durchziehen und beleben Flüsse unsere Landschaften. Das sollte von den Schülern durch dieses Rheinmodell nachempfunden werden können.

Die Klasse und ich haben uns am Ende gegen das Befüllen mit Wasser entschieden, da dies einen starken Eingriff in unser hübsches Modell bedeutet hätte. Es wäre wahrscheinlich ruiniert gewesen, weil wir das Flussbett und die Modellübergänge mit einer Folie hätten abdichten müssen.

Stattdessen gingen wir folgendermaßen vor: Ich nahm eine übersichtliche Landkarte vom Rhein und rasterte sie. Anschließend legte ich die 18 Basisflächen der Einzelmodelle fest, die möglichst sinnvoll den Rhein mit seinen Nebenflüssen abdecken sollten. Die Klasse wurde in Zweiergruppen eingeteilt. Jeweils zwei Kinder übernahmen zusammen einen Baustein des Gesamtmodells. Die Kinder bekamen von mir die Maße für die Basisflächen eine Woche vor Arbeitsbeginn. Zu Hause sollten die Seitenteile passgenau aus stabiler Pappe zugeschnitten werden. Bei diesem Arbeitsschritt durften die Eltern helfen.

Nun konnte die Arbeit in der Klasse beginnen. Die Gruppen hatten jeweils sechs zugeschnittene Seitenteile dabei. Zusammengeklebt würden sie den Sockel ergeben, auf dem der Rhein mit der Landschaft plastiziert werden sollte. Ich hatte genügend braunes Paketklebeband besorgt. Eine Mutter half bei den Vorbereitungen. An den Fensterbrettern hatte sie schon das Klebeband auf Länge nebeneinander zugeschnitten. Später würden nämlich alle auf einmal die Streifen benötigen.

Dann begannen wir zu kleben.

Am nächsten Tag bekam jede Gruppe eine vorbereitete Rheinkarte. Wir richteten den Sockel nach Süden aus, um die Himmelsrichtungen auf die Seitenwände schreiben zu können. Das war für die spätere Orientierung wichtig.

Wir übertrugen nun die Rasterung auf das Modell. Ein Kästchen auf der Karte hatte eine Länge von 15 Zentimetern auf dem Sockel. Dann zeichneten wir den Flussverlauf ein. Am Ende dieser Stunde legten wir den Rhein erstmal komplett aus. Sofort sahen wir, wo genau gearbeitet wurde und wo man noch nachbessern musste, denn die Flussübergänge mussten exakt stimmen.

Für den nächsten Arbeitsschritt hatte ich mir aus dem Baumarkt Styroporplatten mit drei Zentimeter Stärke besorgt, die ich in Streifen schnitt. Die Kinder klebten diese Streifen rings herum auf das Modell, um eine gleichmäßige Höhe zu garantieren. Jetzt sollte das Flussbett entstehen, wozu die Schüler links und rechts des Ufers kleinere Styroporstücke aufklebten. Für das Flussbett sollte eine Handbreit Platz bleiben. Zusammen plastizierten wir nun das Flussbett mit Kügelchen aus Zeitungspapier und Tapetenleim aus, anschließend alle anderen Zwischenräume. Damit ergab sich wiederum eine glatte Oberfläche, in die sich das Flussbett absenkte. Über das Wochenende konnte das Modell trocknen. Nun zeichnete ich die Höhen und Flächen der Berge und Gebirge ein (in Zentimetern). Die Kinder setzten meine Vorgaben wieder mittels Leim und Zeitungspapier um. Als sie fertig waren, musste das Modell wieder zwei Tage trocknen.

Dann verwandelten wir mit weißer Wandfarbe unser Rheinmodell in kurzer Zeit in eine Schneelandschaft. Am nächsten Tag wurde der Flusslauf blau ausgemalt und die Ländergrenzen rot eingezeichnet. Wo sich Städte befinden, machten wir einen orangenen Punkt … Nach einer erneuten Trocknungspause gestalteten wir mit verschiedenen Grün- und Brauntönen das Modell farbig aus. Verschiedenfarbige Papierfähnchen aus Zahnstochern, mit denen wir Flüsse, Städte und Gebirge markierten, komplettierten das Modell, das im Foyer der Schule ausgestellt wurde. Die Kinder waren sehr stolz darauf.

Parallel zu dieser praktischen Arbeit erstellten die Kinder unter entsprechender Anleitung einen etwa achtseitigen Aufsatz mit dem Thema »Ich bin der Rhein«. Darin macht sich ein Wassertropfen auf seine 52-tätige Reise von der Quelle bis zur Mündung und erzählt, was es alles auf seinem Weg zu sehen gibt.

Link: www.waldorf-ideen-pool.de


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