Die Geister der Weihnacht

Von Catherine Keppel, Dezember 2016

Warum »A Christmas Carol« in der 8. Klasse?

Mit der Verwandlung des Misanthropen Scrooge aus Charles Dickens »Christmas Carol« in einen Menschenfreund können sich die Schüler nicht nur identifizieren, sondern Fähigkeiten kennenlernen, die zukunftstragend sind.

Charles Dickens Erzählung löste zu Weihnachten 1843 große Begeisterung aus. Seitdem gehört die Geschichte des alten Geizhalses und Misanthropen Ebenezer Scrooge, der durch den Besuch dreier Geister und seines verstorbenen Kompagnons Marley in der Heiligen Nacht eine tiefgreifende Wandlung erfährt, zum Kanon der Weltliteratur.

In »Christmas Carol« gibt es neben dem hochdramatischen Eingreifen geistiger Wesen eine wahrhaft meisterliche Darstellung äußerer und alltäglicher Lebensumstände. Spannung, Rührung, Humor, Sinnesfreuden aller Art, wie gutes Essen und fröhliche Gesellschaftsspiele – auch das Irdische ist sehr präsent! Alle fünf Sinne werden lebendig angesprochen – vom Klang der Glocke bis zum Duft des Plum Pudding bei Familie Cratchit.

Innerhalb dieses Rahmens gibt es dennoch eine klare »Botschaft«: Der Mensch kann sich kraft seines Ich zum Besseren verändern. Es geht um menschliche Eigenschaften, die nicht philosophisch-abstrakt abgehandelt, sondern in höchst farbigen und lebendigen Bildern geschildert werden.

Rudolf Steiner hat »Christmas Carol« für den Lehrplan Englisch in der 8. Klasse der Waldorfschule angegeben. Wegen der anspruchsvollen Sprache sorgte diese Angabe schon damals für Unsicherheit unter den Lehrern – was wohl heute noch ein Grund ist, warum viele Englischlehrer sich an dieses Werk nicht herantrauen.

Steiner erwiderte, selbst wenn die Erzählung sprachlich zu schwer sei, solle sie doch in diesem Alter von den Kindern aufgenommen werden. Man könne sie ja stückweise lesen oder mit eigenen Worten erzählen. – Warum wohl?

Vom Menschen hängt es ab

Die 8. Klasse ist das Jahr, in dem die Schüler einen Schritt zum Erwachsenwerden machen und zunehmend Verantwortung für ihr eigenes Handeln übernehmen. Oft erlebt man in diesem Alter ein Scheitern: Man nimmt sich etwas vor, was man besser machen möchte, und muss erleben, dass man sich nicht so schnell verändern kann. Indem die Schüler Scrooges Verwandlung Schritt für Schritt mit allen Momenten der Verzweiflung und Scham nachvollziehen, können sie ihn als Vorbild erleben und sich mit ihm identifizieren. Jeder Lehrer, der »Christmas Carol« durchnimmt, bekommt mit, wie die Sehnsucht der Jugendlichen nach hohen menschlichen Zielen zutiefst befriedigt wird.

Es gibt aber vermutlich noch einen tieferen Grund für Steiners Empfehlung: In einem Vortrag vom 14. Mai 1912 in Berlin spricht er von den drei Eigenschaften: Erstaunen, Mitgefühl und Gewissen – Fähigkeiten, welche die Menschen in unserer Zeit entwickeln sollten. Es geht um einen besonderen Beitrag, den nur Menschen leisten können und ohne den »die Erde überhaupt nicht an das Ziel ihrer Entwicklung kommen kann«.

Wir geben uns nicht zufrieden mit der bloßen Wahrnehmung, der Sinneswelt. Erstaunen und Verwunderung be­wirken, dass man »über sich hinauskommt« und vom Eingeschlossensein im Leib befreit wird. Auch wenn wir Mitgefühl entwickeln, gehen wir über uns hinaus, »leben uns hinüber in das andere Wesen. Wir können dadurch mit­leben, was nicht nur wir sind, sondern was die anderen sind«. Das Gewissen wird als Kraft charakterisiert, die »korrigierend« in unsere Begierden und Wünsche eingreift. Wir können durch das Gewissen von uns zurückzutreten, um über uns selbst zu urteilen. Dabei wird uns die Diskrepanz zwischen idealer und realer Welt deutlich. Rudolf Steiner fasst diese Prozesse als »die Überwindung des egoistischen Prinzips« zusammen.

Aus Misanthrop wird Menschenfreund

Gleich zu Beginn der Geschichte erfahren wir etwas Wesentliches über Scrooge: Er ist sich so wenig seines Ichs bewusst, dass es ihm gleichgültig ist, ob er mit »Scrooge« oder »Marley« angesprochen wird. Er wird als »verschlossen, selbstsüchtig und einsiedlerisch wie eine Auster« beschrieben. Er ist unzugänglich, nichts durchdringt seine harte Schale. Das zeigt sich in der ersten Szene in seinem abweisenden Verhalten gegenüber seinem Schreiber, Bob Cratchit, seinem Neffen, und in seiner zynischen Reaktion auf die Herren, die bei ihm Geld für die Armen sammeln wollen.

Scrooge lernt das Fragen

Ein erstes Aufwachen schildert Dickens mit sicherem Griff für ein passendes Bild: Scrooge sieht in dem Türklopfer seines Hauses (das auch noch »unbewohnt« ist) Marleys geisterhaftes Gesicht. Donald Perkins hat darauf aufmerksam gemacht, dass ein Türklopfer dazu da ist, um die Bewohner des Hauses wachzurufen und das Gleiche gilt für die Glocke, die oben in seiner Wohnung von alleine zu läuten anfängt, um das unmittelbare Erscheinen von Marleys Geist anzukündigen. In der Begegnung mit Marleys Geist erleben wir, wie Scrooge zunächst »scharf und kalt« reagiert. Doch im Lauf dieser Szene bekommt sein Panzer einen Riss und er fängt an zu fragen. Fünfmal stellt er eine »Warum«-Frage, allerdings fast ausschließlich solche Fragen, die eine Bedeutung für sein persönliches Wohlergehen haben. Im Lauf der Szene willigt er ein, Marleys Botschaft anzuhören und am Schluss, als Marleys Geist durch das Fenster verschwunden ist, kommt er mit seinem üblichen Kommentar, das Ganze als »Humbug« abzutun, nicht weiter als bis zur ersten Silbe. Durch die Begegnung hat Scrooge eine Erschütterung erfahren, durch die er beginnt aufzuwachen, mit der Folge, dass er in Begleitung der drei Geister der vergangenen, der gegenwärtigen und der künftigen Weihnacht immer tiefer die Bilder des Lebens hinterfragt. Er zeigt Verwunderung darüber, warum die Dinge so sind, wie sie sind, und fragt anfänglich, ob sie nicht auch anders sein könnten.

In seinem Vortrag spricht Steiner über die Ansicht der Antike, alles Philosophieren gehe vom Staunen aus. In der Begegnung mit dem Geist der künftigen Weihnacht stellt Scrooge die wahrhaft philosophische Frage, ob unser Schicksal unerbittlich vorgeschrieben sei oder ob man es durch die Änderung seines Verhaltens ändern könne. Wie wir sehen werden, hängt diese Frage mit einem Gewissens­entschluss zusammen, den Scrooge am Ende fasst.

Tiny Tim bringt die Wende

Das Mitgefühl ist Scrooge am Anfang der Geschichte völlig unbekannt. Die Herren, die in seinem Kontor erscheinen, um Geld für die Armen zu sammeln, fragt er, ob es denn für diese Menschen keine Gefängnisse und Armenhäuser mehr gäbe. Auf die Antwort, viele würden lieber sterben, als in so eine Einrichtung zu gehen, meint er, dann sollten sie es doch tun und den »Bevölkerungsüberschuss vermindern«. Später, in Begleitung des Geistes des vergangenen Weihnachten, gibt es erste kleine Hinweise auf ein erwachendes Mitgefühl, zum Beispiel, als er nach dem Besuch bei seinem alten Lehrherrn Fezziwig den Wunsch äußert, ein Wort mit seinem Schreiber Bob Cratchit zu reden. Er merkt, wie wenig mitfühlend er mit ihm umgegangen ist. Und als er später die Szene erleben muss, in der seine Verlobte ihn freigibt, weil er nur noch das Geld liebt, ist seine Verzweiflung zwar eher Mitleid mit sich selbst, aber sie zeigt doch, dass das Eis um sein Herz zu tauen beginnt.

Mit dem Geist der gegenwärtigen Weihnacht herrscht von Anfang an Herzenskraft! Über den Geist, den wir inmitten einer unglaublichen Pracht aus Licht, Wärme und Fülle antreffen, heißt es: »Seine mächtige Brust war entblößt, als verschmähte er es, sie zu bedecken und zu verbergen.« Dieser Geist führt ihn zu Bob Cratchits bescheidener Behausung. Hier muss Scrooge wahrnehmen, dass der jüngste Sohn, Tiny Tim, verkrüppelt und schwach ist. Zum ersten Mal regt sich wahres Mitgefühl in ihm, als er am Ende des Besuchs dieser fröhlichen und liebenswerten Familie den Geist »mit einer Anteilnahme, wie er sie nie zuvor empfunden hatte«, fragt, ob Tiny Tim leben wird. Als Antwort muss er sich seine eigenen Worte vom Bevölkerungsüberschuss und dessen Verminderung anhören. Da überwältigen ihn »Reue und Scham«. Am Ende zeigt ihm der Geist die armseligen, deformierten Kinder »Not« und »Unwissenheit«, die er unter seinem Mantel hervorholt. Scrooge ist erschüttert über deren Anblick, den Dickens drastisch schildert, und er fragt den Geist, ob es denn »keine Hilfe und keine Zuflucht« für sie gebe. Wieder antwortet der Geist mit Scrooges eigenen Worten und spiegelt ihm so seinen anfänglichen Mangel an Mitgefühl: »Gibt es denn keine Gefängnisse … gibt es keine Arbeitshäuser?« Die Diskrepanz zwischen seinen Worten von damals und seiner jetzigen Frage zeigt, wie weit Scrooge sich schon verändert und das Mitgefühl in sein Herz aufgenommen hat.

Die Höhle des Lumpenhändlers

Das Gewissen, die Kraft, die uns dazu befähigt, uns ein Stück weit von außen zu betrachten und unser Verhalten moralisch zu beurteilen, regt sich erst einmal leise bei Scrooge. Schon bei der Begrüßung des Geistes der gegenwärtigen Weihnacht sagt er: »Vergangene Nacht ging ich nur gezwungen mit, doch da habe ich eine Lehre empfangen, die noch nachwirkt. Wenn du mich heute Nacht etwas lehren willst, so lass es mir von Nutzen sein«. Das Gewissen klingt auch oft zusammen mit dem Mitgefühl oder mit der Verwunderung an. In der Szene mit Fezziwig wird Scrooge bewusst, was er in dem Verhältnis Arbeitgeber/Arbeitnehmer versäumt hat. Und die Antwort auf seine Frage nach Tiny Tim, die ihm »Reue und Scham« verursacht, ist ein Beispiel für die Verflechtung von Mitgefühl und Gewissen. Allerdings wird in all diesen Beispielen deutlich, dass Scrooge reagiert und nicht von sich aus die Stimme seines Gewissens aktiviert.

In der Begegnung mit dem letzten Geist jedoch ist es anders. Zum ersten Mal tritt der Geist nicht mit ihm ins Gespräch und ist auch unerkennbar verhüllt: Scrooge ist allein auf sich gestellt. Der Geist führt ihn kommentarlos an Stellen, deren Bedeutung ihm nicht gleich klar wird, vor allem nicht, was sie mit ihm selber zu tun haben. Zum Beispiel in dem Gespräch über einen Verstorbenen bei der Börse oder in der Höhle eines Lumpenhändlers, wo mitleids- und respektlos die letzte Habe eines Verstorbenen verhökert wird.

Bei der Begrüßung dieses schweigsamen Geistes spricht Scrooge zum ersten Mal aus, dass er sich ändern möchte: »Geh voran! Führe mich! … Führe mich, Geist!« Und: »Da ich hoffe, als ein anderer Mensch weiterzuleben, als der ich war, bin ich willens, mit dir zu gehen, und tue es dankbaren Herzens.« Die Initiative geht endlich von ihm aus. Nachdem er hat erkennen müssen, dass das schreckliche Schicksal des verstorbenen Mannes – dessen Tod ihm der Geist in allen Details von Verlassenheit und Verhöhnung gezeigt hat – sein eigenes sein könnte, äußert er endlich eine ganz eigene Frage und fasst zuletzt auch einen eigenen Entschluss. Das Gewissen zeigt ihm, dass vieles in seinem Leben falsch und unmenschlich gelaufen ist. An dem Schicksal jenes Mannes sieht er sich mit den möglichen Folgen seines Verhaltens konfrontiert. Darum stellt er die große Lebensfrage, die schon bei der Entwicklung des Staunens und der Verwunderung erwähnt wurde: Ob man sein Schicksal ändern könne, wenn man sein Verhalten ändere. Dass der Geist, verhüllt und schweigsam wie er ist, ihm keine Antwort gibt, ist ein genialer Kunstgriff von Dickens, der uns zeigt, dass Scrooge keine äußeren Mahnungen und »Antworten« mehr braucht, sondern frei aus seinem Gewissen spricht, wenn er sagt: »Ich bin nicht mehr der gleiche, der ich war. Ich will nicht mehr der Mensch sein, der ich ohne die Heimsuchung geblieben wäre.« Und dann fasst er, auch aus der neu entwickelten Ich-Kraft des Gewissens, den Entschluss: »Ich will in der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft leben. Der Geist aller drei soll in mir lebendig sein.«

Dickens greift seiner Zeit voraus

Normalerweise können Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft im irdischen Leben nicht gleichzeitig erlebt werden. Oberflächlich kann man Scrooges Äußerung als eine Art Betonung der Ernsthaftigkeit seines Vorhabens verstehen, doch genauer betrachtet, sagt er viel mehr aus. Wer in allen drei Zeiten gleichzeitig zu leben vermag, hat die Unerbittlichkeit der Zeit überwunden, ist in gewisser Weise unabhängig von ihr und lebt in seinem Ich, im geistigen, nicht nur im irdischen Sein.

Scrooge ist als Mensch bei sich angekommen. Der unbeschreibliche Jubel zum Schluss der Geschichte, als Scrooge entdeckt, dass es nicht zu spät ist und er die Zeit haben wird, seine Entschlüsse in die Tat umzusetzen, spiegelt sich sogar in der strahlenden Wetterlage: »No fog, no mist; clear, bright, jovial, stirring, cold … Golden sunlight; Heavenly sky … merry bells. Oh, glorious! Glorious!«

Scrooge ruft aus: »Ich weiß gar nichts mehr. Ich bin wie ein kleines Kind … Ich möchte gerne wieder ein Kind sein!« – im Original heißt es »quite a baby« –, das heißt, er ist wie neugeboren, er kann Kraft seines Ichs alles neu beginnen, ein anderer Mensch werden.

Könnte es sein, dass die Leser, Hörer – und eben auch die Achtklässler – in dieser Geschichte ahnend etwas wahrnehmen, was für die künftige Erdenentwicklung von großer Bedeutung ist, etwas, das sie in ihren Seelen tief bewegt und beeindruckt?

Durch den »Christmas Carol« wird ihnen nicht nur das Bild eines Menschen vor Augen geführt, dem es gelingt, sich tiefgreifend zum Besseren zu wandeln – etwas, das ihrer Lebenssituation wunderbar entspricht –, sondern auch das Zukunftsweisende der drei Eigenschaften Erstaunen, Mitgefühl und Gewissen. Indem Dickens intuitiv diese großen Ideale in sein Werk einfließen ließ, hat er seiner Zeit ahnend vorausgegriffen.

»A Christmas Carol« ist weit mehr, als eine rührende und zugleich spannende Weihnachts-Geistergeschichte: Sie birgt Zukunftsimpulse – für die Achtklässler, aber auch für alle Menschen, die sie aufnehmen.

Zur Autorin: Catherine Keppel, aufgewachsen in England, hat dort Anglistik und Germanistik studiert. Sie ist Gast-Dozentin im Rudolf-Steiner-Institut für Sozialpädagogik in Kassel in den Fächern Malen und Creative Writing.

Literatur: G. Rylands: Introduction zu »The Ages of Man«, A Shakespeare Anthology, 1939; R. Steiner: Der irdische und der kosmische Mensch, GA 133, Dornach 1989; D. Perkins: Charles Dickens: A New Perspective, Edinburgh 1982; C. Dickens: Der Weihnachtsabend, Stuttgart 1954

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