Die Spirale als Weg. Motive des Adventsgärtleins

Von Jessica Gube, Dezember 2015

Es riecht nach frischem Tannengrün. Dämmrig ist es im Raum der ersten Klasse, der nur von kleinen Lichtern in den Fenstern erhellt wird, so dass der Blick sich unmittelbar auf die Raumesmitte richtet, in der etwas erhöht ein größeres Bienenwachslicht brennt. Aus Tannenzweigen ist auf dem Boden eine große Spirale gelegt, die als Weg von außen nach innen in die erleuchtete Mitte führt.

Wer den Raum betritt, wird fast wie von selbst still. Nachdem die Eltern Platz genommen haben, ziehen die Kinder mit ihrem Klassenlehrer singend herein. Eine kleine vorweihnachtliche Geschichte wird erzählt, und nun darf sich jedes Kind mit einem vorbereiteten Apfellicht auf den Weg machen in die Spirale, bis nach innen zum großen Licht im Herzen des Tannengärtchens. Dort wird das kleine Licht am großen entzündet und behutsam der Weg nach draußen wieder begangen. Das frisch entzündete Licht wird während des Weges nach außen in das Tannengrün »gepflanzt«. Nach und nach wird die dunkle Spirale durch die Lichter der Kinder erhellt.

Die andächtige Stimmung wird vom Singen der Eltern und Kinder und den Instrumenten der kleinen Musikergruppe getragen. Nachdem jedes Kind seinen Weg gegangen ist und man noch einen kleinen Blick auf die nun ganz erleuchtete Spirale geworfen hat, ziehen die Kinder singend aus dem Klassenraum hinaus. Wenig später dürfen sie ihr Licht draußen in Empfang nehmen und nach Hause tragen. Manch ein Adventskranz in der Familie wurde am ersten Advent schon von diesem Apfellicht entzündet.

Bilder sprechen eine lebendige Sprache. So staunte einmal ein kleiner Junge nach dem ersten Erleben des Adventsgärtleins: »Man muss bis ans Ende der Welt laufen und dort ist ein helles Licht. Sein eigenes Licht bekommt man da vom großen Licht.« Andacht und intuitives Verstehen gehen unmittelbar aus dem Erlebnis hervor, auch ohne große Erklärungen.

Ein inneres Licht für die Welt draußen

Man kann in dem Weg von außen nach innen den Weg symbolisiert sehen, den jeder in seinem Leben geht – den Weg zum Licht der eigenen Seele, den Weg des Menschen zu sich selbst.

Auch den Weg zum Weihnachtslicht, das im Herzen der Welt leuchtet, kann man hier finden, denn auch dorthin begebe ich mich auf einen Weg. Der Weg von innen nach außen kann als ein Weg vom Herzens- oder Himmelslicht zurück in die Welt betrachtet werden, die es nun zu erhellen gilt mit dem eigenen inneren Licht, gestärkt und unterstützt von vielen anderen Lichtern, die da leuchten. Gemeinsam kann in der dunklen Welt eine große Leuchtkraft entstehen.

Mit dem Apfel als altem Menschheitssymbol – man denke an den Paradiesapfel –, der zarten Lichtflamme, die es behutsam zu wahren gilt und den immergrünen Tannenzweigen, die gerade im Winter ein Symbol des unvergänglichen Lebens sind, rundet sich das Bild.

Zur Autorin: Jessica Gube ist Französischlehrerin der Waldorfschule Ostholstein.

Kommentare

Beate Leßmann, Schleswig-Holstein, 07.12.15 11:12

Vielen Dank für den schönen Artikel! Das Durchschreiten einer aus Tannen gelegten Spirale zum Licht ist seit vielen Jahren ein sehr wertvolles Ritual meines Deutsch- und Religionsunterrichts in der Grundschule. Ich verdanke es der Waldorfpärdagogik! Hier geht es zu Fotos aus meinem Unterricht und zur Spiralvorlage für das Aufschreiben der lichtvollen Eindrücke: http://www.beate-lessmann.de/schreiben/ideen-zum-jahreskreis/winter-advent-weihnachten.html

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