Mathematik praktisch. Eine fünfte Klasse baut einen Hühnerstall

Von Katrin Gerboth, Februar 2017

Auf dem Gärtnerhof Callenberg in Coburg gab es seit einer Flächenerweiterung Platz für mehr Hühner. Nachdem die ersten Eier bereits ausgebrütet waren und die Küken auf ein gemütliches Heim warteten, übernahm es die fünfte Klasse der Rudolf-Steiner-Schule Coburg, für sie einen Stall zu planen.

Schüler beim Bau

Die neuen Hühner

Etwa zeitgleich stieß Anna Fleischhauer, eine Schülerin der 11. Klasse dazu, die eine Jahresarbeit zum Thema »Massentierhaltung und deren Alternativen« schreiben wollte und die Vorbereitungsarbeiten für den Bau übernahm. Denn eine artgerechte Hühnerhaltung ist nach Demeter-Richtlinien streng geregelt. Die Größe des Hauses, der Platz für Freilauf, für Sitzstangen und Brutplätzen für 50 Hühner wurden im Vorfeld von ihr berechnet.

Damit die Schüler und ihre Klassenlehrerin in der Mathematik-Epoche die Materialmengen berechnen konnten, baute Dietrich Pax vom Gärtnerhof ein Modell des Hühnerhauses. So bekamen sie eine Vorstellung von dem Objekt und konnten ihre Kenntnisse über Längen- und Flächenberechnungen nutzen und erweitern sowie die Anzahl der Latten, Balken und Platten berechnen.

»Dieses Projekt war für die Klasse und für mich etwas ganz Besonderes!«, sagt die Klassenlehrerin Iris Fleischhauer. Wie kann man Kindern den Unterschied zwischen einer Fläche und einem Raum, zwischen einem Meter und einem Zentimeter, zwischen einer Dezimalzahl und einer ganzen Zahl besser begreiflich machen als am praktischen Beispiel?

»Da ist das Leben selbst doch der beste Lehrmeister, denn die Sache lehrt, das Ergebnis ist richtig oder falsch«, erinnert sich die Lehrerin. In der Praxis ist das Ergebnis einer Rechenaufgabe ein Brett, das nicht passt, weil es zu kurz ist; oder es bedeutet mehrmaliges anstrengendes Sägen mit der Bügelsäge, weil das Brett noch immer zu lang ist. Dann fehlen plötzlich Winkel, weil man Multiplizieren und Addieren verwechselt hat. »Besser Rechnenlernen geht gar nicht«, ergänzt Fleischhauer.

Wie viel Hühner gehören auf eine Stange?

Bald erhielt Dietrich Pax die Materialliste und der Bau konnte beginnen. Wie viele Hühner können zusammenleben? Sollen alle Sitzstangen im Stall gleich hoch sein oder ansteigend, damit die ranghohen Tiere oben sitzen können? Sind alle gesetzlichen Vorschriften für Biohühner eingehalten? Wie fair gehen wir mit Nutztieren um? Was können wir tun, damit die Hühner artgerecht und zufrieden gehalten werden? Diese Fragen beschäftigte alle Beteiligten.

Dietrich Pax hatte in enger Nachbarschaft zur Schule vor 25 Jahren einen neuen Betrieb aufgebaut. Gartenbau, Tierhaltung und das Vorleben von ökologischem Landbau als Normalfall sind seine Anliegen. Pax war viele Jahre Vorstand von Demeter-Bayern und als Lobbyist für den ökologischen Landbau unterwegs. Nun ist er noch »im Kleinen« tätig. Ob zur Haltung gefährdeter Nutztierrassen, zur Gestaltung der Landschaft durch Beweidung, der Suche nach einer sinnvollen Alternative zur Intensivhaltung oder zum Anbau samenfester Gemüsesorten – überall werden nun auf betrieblicher Ebene Ansätze gesucht und Projekte angeschoben. »Bildung und ökologischer Landbau sind die einzigen Modelle, die unsere Erde in die Zukunft tragen«, davon ist Dietrich Pax überzeugt.

Sägen ohne Verschnitt

Die Schüler und Schülerinnen haben abwechselnd in kleineren Gruppen zusammengearbeitet. Sie bauten die Grundkonstruktion aus Balken. Dazu mussten die Längen aufgemessen und mit der Handsäge abgesägt werden, wobei nicht nur die genauen Maße, sondern auch die Rechtwinkligkeit der gesägten Kanten wichtig waren. Weitere Balken wurden auf den Grundrahmen gesetzt und mit Winkeln befestigt.

»Wie säge ich ohne zu viel Verschnitt, ist eine Aufgabe«, sagt Dietrich Pax. Es entstand eine Zwischenetage, die später als Boden des Hauses dienen soll. Danach folgte der Aufbau der Wände: Es galt Rahmen zu bauen, Leisten einzusetzen, innen Grobspanplatten festzuschrauben, die Dämmung einzupassen und außen mit Nut- und Federbrettern zu verkleiden. Während eine Gruppe baute, ging die Arbeit mit anderen Schülern im Klassenzimmer weiter: Sie lösten Rechenaufgaben rund ums Hühnerhaus und die Hühnerhaltung, zum Beispiel: »Wie viel fressen Hühner pro Tag?«

Neue Helden

Die Motivation der Schüler war erstaunlich. So kam es, dass nach Unterrichtsschluss fast jeden Tag freiwillig »Überstunden« geleistet wurden. »Wir wissen, wie anstrengend es ist, Kinder zum Mitdenken, zum Nachdenken zu motivieren. Wenn ihre Arbeit aber entscheidend dafür ist, dass die immer größer werdenden Küken ein neues Zuhause bekommen, dann kann ich mich als Lehrerin getrost zurücklehnen und dabei zusehen, wie die Arbeit selbst der beste Motivator ist«, berichtet die Klassenlehrerin rück­blickend.

Anfangs war es nicht so leicht für die Schüler, in dem Bretterberg ein vollständiges Hühnerhaus zu vermuten: Wo ist der Eingang? Was, das ist nur so klein? Ungläubige Blicke. Erklärung: Ein Habicht darf nicht hineinfliegen können. Nachdem aber erkennbar wurde, was gerade wo im Entstehen war, gab es kein Halten mehr. Die Kinder organisierten ihre Arbeit immer besser. Jeder fand die Tätigkeiten, die ihm am besten lagen. Die Jungen wurden zu Helden bei den Mädchen und sie konnten endlich einmal zeigen, was sie noch so »drauf haben«. Jetzt zählte es nicht allein nur, ein guter Denker zu sein, jetzt war ein Held, wer den dicken Balken gerade mit der Handsäge durchbekam oder die widerspenstige Schraube mit dem Akkuschrauber in die Wand.

»Begeistert war ich, als eines Morgens ein Schüler kam und mir still und leise die Skizze einer selbst ausgedachten solarbetriebenen Türöffnungsanlage auf den Tisch legte. Und diese hätte sogar funktioniert!«, erzählt Iris Fleischhauer. Man entschied sich aber dann doch für eine funkgesteuerte. Krönender Abschluss war das Setzen des Firstbalkens und das Anstoßen mit Limonade zum Richtfest. Nach einigen weiteren Arbeiten durften im Spätsommer 50 Hühner in die neue Hühnervilla einziehen. Alle waren stolz auf die geleistete Arbeit und sehen Hühner jetzt mit anderen Augen.

Der Gärtnerhof Callenberg hat sich zum Ziel gesetzt, 300 Hühner der unterschiedlichsten Rassen zu halten, ohne die männlichen Küken zu töten. So können in Zukunft mehr Eier und Hühnerfleisch von glücklichen Hühnern verkauft werden.

Zur Autorin: Katrin Gerboth ist leitende Angestellte am Demeter-Gärtnerhof Callenberg, www.gaertnerhof-callenberg.de

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