Stille Post in der Staatsgalerie Stuttgart

Von Gabriele Hiller, September 2012

In Museen können wir unsere Wahrnehmungsmöglichkeiten und -grenzen erfahren. Hier ergeben sich Situationen, die überraschen, die uns staunen lassen, unsere Entdeckerfreude herausfordern und uns mit neuen Erkenntnissen und Empfindungen belohnen. Gabriele Hiller, Lehrerin für Kunstbetrachtung an der Waldorfschule Kräherwald in Stuttgart, erläutert dies am Museumsbesuch einer 11. Klasse.

Richard Deacon, »Red Sea Crossing«, 2003 Leihgabe der Freunde der Staatsgalerie Stuttgart, Foto: Staatsgalerie Stuttgart

Red Sea Crossing – ein Experiment

Ohne Vorkenntnisse vom Werk oder Künstler verteilen sich die neunzehn Jugendlichen der 11. Klasse in regelmäßigen Abständen um eine Skulptur herum und setzen sich auf den Boden. Jeder hat ein farbiges Blatt Papier und einen Bleistift und erhält die Aufgabe, sich das Werk von seiner Position aus genau anzuschauen und dann einen Satz zu notieren, der seinen ersten Eindruck möglichst adäquat wiedergibt und zugleich den Einstieg in einen Text bilden kann. Anschließend wird das Blatt an den Nachbarn zur Rechten weitergereicht und man selbst erhält ein Blatt von links.

Nun geht es darum, den ersten Satz des gerade erhaltenen Blattes so genau und ernsthaft wie möglich aufzunehmen und zur eigenen Wahrnehmung in Beziehung zu setzen. Anschließend soll dann ein zweiter Satz hinzugefügt werden, der sich auf das Kunstwerk und auf den Satz des Vorgängers bezieht, bevor das Blatt weiterwandert.

Die Papiere kreisen in lautloser, konzentrierter Arbeitsstimmung, einige Male unterbrochen durch Papierstau bei einzelnen Schreibern, bis jeder seines wieder erhalten hat, »seinen« Text liest und in einer Schlussrunde den anderen vorträgt. Die Schüler sind überrascht und begeistert von der Unterschiedlichkeit und Aussagekraft der Texte: Es sind weitaus mehr treffende Werkbetrachtungen entstanden, als je zu ahnen und zu erwarten war.

Auslöser dieser kreativen Schreibversuche ist eine zweiteilige raumfüllende Skulptur des britischen Künstlers Richard Deacon aus dem Jahr 2003: »Red Sea Crossing«. Sie befindet sich im ersten großen Raum des Obergeschosses der Staatsgalerie Stuttgart und ist eine Neuerwerbung des Hauses.

Mein Blick und die Blicke der anderen

Das »andere Augenpaar«, das das Werk von einer anderen Warte sieht, erweitert meine Sicht und fügt Facetten hinzu. Bis in die sprachliche Tingierung hinein ist zu beobachten, wie sich jeder einfühlsam auf den bereits existierenden Text bezieht.

Was anfangs als »Zeitvertreib« erscheint, bekommt Gewicht und versetzt die Teilnehmer in die Lage, ein Werk in seiner Wirkung differenziert zu erfassen. Jeder der 19 Texte ist inhaltlich, sprachlich und vom Charakter her anders, von beschreibend über assoziativ bis gedanklich-philosophisch. Alle sind, auf das konkrete Werk bezogen, wesentlich. Denn ohne es zu merken, haben wir 45 Minuten in Ruhe vor einem Werk verbracht. Die unvoreingenommene Betrachtung hat Vieles zum Vorschein gebracht – auch an Erinnerungsvorstellungen, Assoziationen, die bei herkömmlicher Herangehensweise gezielter Nachfragen bedurft und dann »überinterpretierend« gewirkt hätten. Nicht einmal der Titel der Arbeit war ja bekannt und doch traten verblüffend oft, je nach Sitzposition des einzelnen, Aspekte von Wellen, Wasser, Wirbeln und dramatischen Geschehnissen auf.

Zwei Beispiele können einen Eindruck von der Verschiedenartigkeit der Texte vermitteln. Jeder neue Vers signalisiert den nächsten Schreiber.

Die Luft war schwer und bei jedem Atemzug drang eine

unendlich große Zahl an Partikeln in die Lunge.

Schwarze Wolken überzogen den Himmel und es war heiß.

Der Balken schlang sich zu zwei Loopings heran.

Die Welle floss fortan.

Es folgte eine Drehung, eine Schraube, doch ein Ende war

nicht in Sicht.

Die Woge kam immer näher und näher, bis sie die ganze

Stadt schließlich mit sich riss.

Die Stadt wurde aber nicht zerstört, nur in Teile geteilt,

die von der Welle umschlungen wurden.

Dann kam eine stärkere, riesenhafte Welle und zerstörte alles.

Doch die Stadt wurde wieder aufgebaut.

Jetzt noch stabiler und stärker, und zugleich bewegter

und lebendiger.

Offener und freundlicher wurde die neue Stadt.

Bereits der erste Satz versetzt den Leser in eine dramatische Situation. Alle weiteren Schreiber greifen diesen Ton auf, begeben sich in das Werk hinein und empfinden sich darin. Rudolf Steiner nennt das »intentionales Innesein« beim Kunsterleben.

Groß und mächtig bäumte es sich vor mir auf mit all seinen

komplexen Windungen und Kurven, in der Ferne immer kleiner

werdend.

Ich war fasziniert und erschrocken zugleich. Es hatte eine

außergewöhnliche Form und man konnte nicht sagen, was es darstellen sollte.

Eine Unendlichkeit von chaotischen Kurven und Windungen.

Fast wie ein Gedanke, der sich gerade bildet.

Und von dem ich ein Teil bin. Eine Ordnung entsteht durch eine rechte und eine linke Hälfte.

Doch diese Ordnung wird durch die schwungvollen und hohen Skulpturen gebrochen.

Die sich wie Wellen auf und ab bewegen.

Die »Wellen« werden mal größer und mal kleiner, mal dicker, mal dünner.

Mal schmaler, mal breiter, mal flacher, mal höher, mal länger, mal kürzer, mal roter,

mal süßer und schließlich gar nichts mehr.

Ende

Dieser Text beginnt bei einer Wahrnehmung, die aber sofort eine Empfindung auslöst. Von der Sinneswahrnehmung zur Sinnesempfindung. Auch Distanz und Nähe wechseln sich ab, bis sich der Schluss zu einem Crescendo steigert und dann abrupt stoppt.

Abbildung: Richard Deacon, »Red Sea Crossing«, 2003 Leihgabe der Freunde der Staatsgalerie Stuttgart, Foto: Staatsgalerie Stuttgart

Kommentare

Für diesen Artikel wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Kommentar hinzufügen


* Diese Felder müssen ausgefüllt werden.