Stolpersteine. Waldorfschüler erforschen jüdische Schicksale

Von Sibylla Hesse, November 2010

»Hier wohnte / Theodor Dornbusch / Jg. 1879 / Deportiert 1942 / Riga / Flucht in den Tod / 24.1.1942« …viel ist es nicht, was auf einem Stolperstein Platz hat. Dies war Ergebnis eines Projekts zur NS-Lokalgeschichte mit Oberstufenschülern.

Waldorfschüler erforschen jüdische Schicksale

Um Informationen über vier Juden aus Potsdam-Babelsberg zu erhalten, die zusammen am 13. Januar 1942 über Berlin ins Ghetto von Riga deportiert wurden, mussten wir in Archiven recherchieren. Im Gedenkbuch des Bundesarchivs oder dem »Berliner Gedenkbuch« lasen wir, dass die Wohnung der Dornbuschs in der Wilhelmstraße 118 – heute Alt Nowawes 118 – lag. Was geschah damals?

Aus dürren Daten werden Schicksale

Der Künstler Gunter Demnig hat sich 1996 in Köln über das scheinbar unbemerkte »Abschleppen der Nachbarn« gewundert: Roma und Sinti, Homosexuelle, kommunistische Widerständler, Juden. »Können wir daran erinnern mit so ein[em] Denkmal im Wald oder auf dem Friedhof, wo man mit frisierter Seele einmal im Jahr Gedenken übt, sozusagen abtrauert?«, fragte er sich. Offensichtlich nein: »Denkanschläge« nennt er seine dezentrale Gedenkstätte, denn wer über die glänzenden Steine aus Beton mit Messingüberzug (siehe Foto) optisch »stolpert«, neigt den Kopf, um die eingravierten Daten zu lesen. Mehr als 23.000 Stolpersteine hat Demnig an rund 550 Orten in den Bürgersteig eingefügt. Die inhaltliche Recherche der Einzelschicksale übernehmen Kirchengemeinden, Privatpersonen, Studentengruppen oder Lehrer mit Schülern. In Potsdam zeigt sich die Stadtverwaltung sehr hilfsbereit, indem sie Verbindungen zu Forschern herstellt, das Tiefbauamt einbezieht und den Kontakt zum Initiator Demnig hält. Außerdem konzipiert sie bei jeder Forschungsetappe einen neuen Flyer mit Stadtplan und Kurzbiographien.

In der Vorbereitung sollte man Zusammenhänge wie etwa die Durchsetzung der NS-Herrschaft, Antisemitismus, Ausgrenzung, Scheinlegalität und so weiter wiederholen. Exkursionen bieten sich an, zum Beispiel auf den lokalen jüdischen Friedhof, zu einem KZ oder einem der zentralen Erinnerungsorte. Im Haus der Wannseekonferenz kann man einen Studientag belegen und kostenlos die weltweit beste Spezialbibliothek zum Thema Verdrängung der Juden im Dritten Reich unter Anleitung hilfsbereiter Bibliothekare nutzen. So mit dem Hintergrund vertraut gemacht, studieren wir das Einzelschicksal. Um biographische Details zu erhalten, muss man sich in den Archiven mit den Aktenbeständen vertraut machen. Eine wichtige Quelle bieten die Finanzämter, weil sie das Beraubungsgeschäft übernahmen. Inwiefern andere Dokumente herangezogen werden können, muss vor Ort untersucht werden: Haben Akten der jüdischen Gemeinde oder der Gestapo überdauert? Kann man noch Zeitzeugen finden? Theodor Dornbusch besaß drei alte Bilder – »wertlos« – sowie mehr als viertausend Reichsmark auf seinen Konten. Margot Falkenburg nannte Geschirr aus dem Erbe ihrer Mutter und Badeanzüge ihr Eigen, während in Kurt Samters Vermögensaufstellung die Zahl von dreißig Paar Socken auffiel. – Wir sind peinlich berührt, als wir im Brandenburgischen Landeshauptarchiv die Akten der Oberfinanzdirektion Berlin durchlesen.

Beim Entziffern der Akten ist viel Hilfestellung nötig, nur wenige können Fraktur lesen, geschweige denn Sütterlin. Langsam entsteht ein Bild der Opfer und ihrer Lebensumstände. Dabei übt man gleichzeitig das historische Handwerkszeug, zum Beispiel das Zitieren und Belegen. Da Neonazis gerne die Judenverfolgung in Frage stellen, ist der sorgfältige Nachweis in den Dokumenten besonders wichtig, das leuchtete unseren Zehnt- bis Zwölftklässlern unmittelbar ein. – In der Konfrontation mit den Akten tritt den Schülern die Verwerflichkeit der Judenvernichtung vor Augen.

Warum braucht die Gestapo eine Nähmaschine?

Kein Foto »unserer« vier Juden ist uns überliefert. Am nächsten kamen wir ihnen über eigenhändig verfasste Anträge und die Vermögenserklärung: Damit der NS-Staat die Juden besser berauben konnte, ließ er sie ihr gesamtes Besitztum ein paar Tage vor ihrer »Zwangsumsiedlung« minutiös auflisten. Selten lässt sich das so gut nachvollziehen wie am Beispiel der Dornbuschs, denn das Inventar ihrer Wohnung liegt uns dreifach vor: zuerst in der Handschrift von Dipl.-Ing. Th. Dornbusch und seiner Frau Helene, dann getippt vom Beamten des Finanzamts, wobei rot unterstrichen wurde, was man für die eigene Behörde zu requirieren gedachte (Möbel, Schreib-, und Nähmaschine). Hier erhob sich der Protest der bei der Wohnungsöffnung ebenfalls anwesenden Gestapo, die auch etwas vom Raubgut abzweigen wollte, wie die Akte belegt. Die dritte Liste schließlich verfasste, fein von Hand, der Versteigerer. So lässt sich die Arisierung Stück für Stück nachweisen. – Als ihr Hab und Gut verhökert wurde, hatte sich das über sechzigjährige Ehepaar Dornbusch im Ghetto von Riga bereits das Leben genommen.

Aus Nachbarn werden Juden

Aus dem papiernen Material ergeben sich viele Fragen. Hat keiner gemerkt, dass hier eine ganze Bevölkerungsgruppe an den Rand gedrängt wurde? Was bekamen die Nachbarn mit? Wir konnten aus den lokalen Adressbüchern rekonstruieren, wie viele Hausgenossen – über Jahrzehnte unter einem Dach lebend – erkennen mussten, wie aus gewöhnlichen Mitmenschen »Juden« wurden. Wie haben sie sich verhalten? Wie würden wir uns in der Situation verhalten? Diese Frage bewegte uns besonders beim Nachdenken über den Freitod der Dornbuschs im Ghetto von Riga. War das legitim? Vorbildlich? Sinnvoll? Wir drückten unsere Gefühle in Briefen an die Ermordeten aus.

Warum sind nicht mehr Juden ausgewandert? Margot Falkenburg hat es versucht, das wissen wir aus ihren Briefen an die Oberfinanzdirektion in der Akte BLHA Rep. 36A, F 383 im Brandenburgischen Landeshauptarchiv. Sie stellte Listen ihres »Umzugsgutes« auf, holte eine »Unbedenklichkeitsbescheinigung« ein, die jeweils nur drei Monate galt. Als Ziel gab sie 1939 zuerst England an, später Argentinien – offensichtlich vergeblich. Ihr Mann Heinz lebte in jener Zeit, wie sie in einem der Formulare vermerkte, in Australien im Lager – als emigrierter Deutscher in England interniert und down under deportiert, nicht als Jude. Im Internet fanden wir Dokumente über seine Internierung, ja sogar ein Foto. Er konnte vermutlich 1945 nach Haifa auswandern, wo er eine neue Familie gründete, deren Nachkommen wir ebenfalls im Netz fanden und kontaktierten. Durch geschicktes Kombinieren von Suchbegriffen stießen wir im Internet auf drei Geschwister Theodor Dornbuschs. Seinen Schwestern waren in Darmstadt bereits zwei Stolpersteine gesetzt worden, was wir zum Austausch mit den dortigen Forschern nutzten; der jüngere Bruder fiel im Ersten Weltkrieg, wie wir einer Darstellung der Mutter von etwa 1915 entnehmen konnten, die unsere Vermutung bestätigte, dass auch Theodor lange auf deutscher Seite gekämpft hatte.

Nicht »mit frisierter Seele abtrauern«

Man bemerkt: Die sicheren Fakten sind dünn und schwer zu finden, danach beginnt die Einfühlung. Wir erlaubten uns, in den Präsentationen vor der Schule und bei der Steinsetzung am 29. Juni 2010 die harten Daten aus den Biographien mit den Ergebnissen der persönlichen Empathie durch eine Performance künstlerisch zu kombinieren, die wir mit Texten aus der Potsdamer Zeitung vom Tag ihrer Deportation 1942 kontrastierten. Ein Höhepunkt war für uns die Begegnung mit dem Enkel der ebenfalls aus Babelsberg deportierten Familie Rosenbaum, der zufällig gerade auf einem Psychologenkongress in Deutschland weilte und in bewegenden Worten sein Forschungsgebiet, die Neurokognition, mit dem Lernen durch Handeln und mit diesem Einsatz deutscher Jugendlicher in Verbindung brachte – damit nie wieder ein Genozid stattfinde.

Links:

http://www.stolpersteine.com/
www.bundesarchiv.de/gedenkbuch
www.ghwk.de
www.zeitgeschichte-online.de/alg-agg

Literatur: M. Nakath: Aktenkundig: »Jude!«. Nationalsozialistische Judenverfolgung in Brandenburg. Vertreibung – Ermordung – Erinnerung, Berlin 2010

Zur Autorin: Sibylla Hesse, Lehrerin u.a. für Geschichte an der Waldorfschule Potsdam

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