Vergiss nicht, wer Du bist

Von Johannes Edelhoff, November 2017

Die 8. Klasse der Integrativen Waldorfschule Emmendingen spielt »Die Welle«.

Foto: © Stephan Johnen

Der Roman »Die Welle« von Morton Rhue beruht auf einer wahren Begebenheit. Das im Buch geschilderte Experiment gab es wirklich und wurde im Jahre 1967 an der »Cubberley High School« im kalifornischen Palo Alto durchgeführt.

In einer Geschichtsstunde möchte Ben Ross mit seinen Schülern das Thema des Nationalsozialismus besprechen. Er zeigt ihnen einen Film über die Verbrechen der Nationalsozialisten in Deutschland.

Die Schüler sind nach der Vorführung sehr verstört und fragen den Lehrer, wie es dazu kommen konnte, dass so viele Menschen sich von einer relativ kleinen Gruppe haben verführen lassen. Am nächsten Morgen schreibt Mr. Ross die Botschaft »Macht durch Disziplin« an die Tafel. Anhand kleiner Aufgaben, wie aufrechtem Sitzen oder Stillsein, flößt er seinen Schülern ein, auf seine Befehle zu hören. Er führt neue Verhaltensregeln ein, an die sich alle strikt halten müssen. Zum Beispiel muss sich jeder neben das Pult stellen, wenn er eine Antwort gibt.

In der nächsten Stunde schreibt Mr. Ross die Worte »Macht durch Gemeinschaft« an die Tafel. Daraufhin stellt er ihnen den neuen Gruß und das Symbol, eine Welle, vor. Laurie schreibt für die Schülerzeitung und erzählt ihren Eltern von dem Experiment. Ihre Mutter beginnt, sich Sorgen zu machen. Sie sieht, dass die »Welle« die Schüler manipuliert. Laurie spricht mit ihrem Freund David darüber, doch er steht begeistert hinter dem Experiment. Als nächstes verteilt Mr. Ross in der Klasse Mitgliederkarten. Manche der Karten sind mit einem roten X markiert und stellen sogenannte Helferkarten dar. Daraufhin schreibt er sein letztes Motto an die Tafel: »Macht durch Handeln«. Er macht den Jugendlichen klar, dass die »Welle« nun eine eigenständige Organisation ist. Der Lehrer bemerkt, dass das Experiment sich immer mehr ausdehnt, die »Welle« breitet sich in der ganzen Schule aus.

Die Situation spitzt sich mehr und mehr zu. Laurie findet auf dem Schreibtisch der Redaktion einen anonymen Brief. Darin steht, dass ein jüngerer Schüler bedroht wird, weil er nicht der »Welle« beitreten will. Lauries Zweifel wachsen.

Am Nachmittag findet eine Versammlung der »Welle« statt, doch Laurie nimmt nicht daran teil. Am Abend erfährt sie von ihrem Vater, dass nach der Versammlung ein Junge, der außerdem ein Jude ist, zusammengeschlagen wurde, weil er sich kritisch gegenüber der Organisation geäußert hat. Laurie verspricht, etwas gegen diese Auswüchse des Experiments zu unternehmen. Sie schreibt einen Artikel über die »Welle« und darüber, dass Nicht-Mitglieder zusammengeschlagen werden. Als Mr. Ross die Zeitung am nächsten Tag liest, ist er schockiert. Er merkt, dass er zu weit gegangen ist und alles aus dem Ruder zu laufen scheint. Laurie wird derweil als Feindin bezeichnet und sogar von ihrem Freund David verfolgt. David will Laurie zurück zur »Welle« holen, doch diese wehrt ab. Daraufhin wirft er sie zu Boden. Erst dann merkt er, was die »Welle« aus ihm gemacht hat. Er bittet seine Freundin um Verzeihung und beide beschließen zusammen mit Mr. Ross die »Welle« zu beenden.

Am nächsten Tag findet eine weitere Versammlung der »Welle« statt; die Veranstaltung ist gut besucht. Mr. Ross stellt sich an das Rednerpult und kündigt den Führer an. Alle sind erstaunt, denn man hat doch bereits einen Führer. Die Vorhänge öffnen sich und es erscheint ein Bild von Adolf Hitler. Alle sind verstört und Mr. Ross erklärt anhand der Ereignisse der letzten Tage das Verhalten der Menschen im Dritten Reich. Der Lehrer zieht einen Vergleich zwischen seinem Experiment, der Hitlerjugend, der NSDAP und ihren Methoden. Es wird klar, wie ein Mensch eine ganze Masse für sich gewinnen und den Menschen seine Ideologie einflößen konnte.

Die Schülerinnen und Schüler der 8. Klasse fanden in diesem Stück neben der Thematik des Dritten Reiches vor allem auch die Frage interessant, wie sich die einzelnen Schüler mit dem Druck der Gruppe auseinandersetzten. Der Umgang mit fremden Kulturen, das Zugehörigkeits­gefühl und die Macht sind Fragen, die die Jugendlichen sehr beschäftigen. Die Theaterpädagogin Elisabeth Büttner-Gööck half uns, die eigenen Texte, die chorisch gesprochen wurden, wirkungsvoll darin einzubauen.

»Die Schüler merken schnell, wie wunderbar es sich anfühlen kann, endlich, endlich nicht sie selbst sein zu müssen und einfach mal nur dazuzugehören!

Immer wieder wurde deutlich, was für eine Erleichterung es sein kann, die eigene Identität zu verlassen, auch wenn dies zur Selbstentfremdung führt, die man meist gar nicht oder zu spät bemerkt. Aber auch wie schmerzlich das Erwachen aus diesem Gefühl der Verbundenheit und Einheit sein kann. Beides haben die Schüler in ihrem Stück den Zuschauern vor Augen geführt: die Wonnen des Dazugehörens und der Schmerz, aus diesem Gefühl herauszufallen. Sei es in der (neu erfundenen) Szene, als ein paar Mitschüler im Rausch einen Muslim zusammenschlagen oder als einer der Hauptfiguren, David, gewalttätig gegenüber seiner Freundin wird und dabei über sich selbst erschrickt.

Es ist tatsächlich nicht immer leicht, mit sich selbst zu leben, besonders, wenn man um die 14 Jahre alt ist, die Eltern einen auf die Waldorfschule schicken und man in Wirklichkeit noch gar nicht weiß, was man tatsächlich will.«

Christiane Harzer, Schülermutter

»Die Welle« war das erste Stück, das die meisten in der Klasse begeisterte. Doch weil es darin um recht schwierige Themen geht, die nicht unbedingt in einer 8. Klasse behandelt werden müssen, lehnte unser Klassenlehrer zunächst einmal ab.

Ins Finale schafften es »Krabat« von Otfried Preußler und »Erebos« von Ursula Poznanski. Doch Herr Edelhoff kam zu dem Schluss, dass beide Stücke doch nicht passend waren. So wurden wir uns schließlich doch einig, »Die Welle« zu spielen. Die Themen des Nationalsozialismus, aber auch die Frage nach dem Gruppenzwang, dem wir uns immer wieder stellen müssen, ebenso wie das Gefühl, dazuzugehören – oder eben nicht –, beschäftigten uns sehr: Wie kann ich so individuell sein, wie ich bin, ohne dabei aufzufallen?

Loana Nierhaus, Schülerin

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