Bei Chaverim in Israel

Von Charlotte Pommer, November 2017

Harduf. Dieser Name erfüllt mich mit Wärme. Er weckt Erinnerungen an wertvolle Erlebnisse und an Menschen, die mir ans Herz gewachsen sind. Es ist der Name des Ortes, den ich mit jedem Tag mehr lieben lernte.

Olivenernte

Harduf ist ein Kibbuz im Norden Israels, der eher einem anthroposophischen Dorf gleicht. Dort arbeitete ich ein Jahr lang als Freiwillige der »Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners«. Ein Teil Hardufs ist Beit Elisha, eine anthroposophische Einrichtung für Menschen mit Behinderung.

Die Betreuten Beit Elishas werden »Chaverim« genannt, was »Freunde« bedeutet. Diese Bezeichnung verrät viel über das Verhältnis zwischen den Chaverim und den Mitarbeitern. In Beit Elisha werden die Menschen mit Behinderung nicht als »Zu Betreuende« angesehen, sondern als Menschen, die Teil einer wechselseitigen Beziehung sind.

Vorbehaltlos lieben können

Zwischen einer Chavera und mir entwickelte sich eine besondere Beziehung. Mit der Zeit entstanden liebevollen Wortwechsel, die uns lächeln ließen, wir konnten uns gegenseitig sagen, wenn die andere eine Grenze überschritt und wir spürten, was wir wann brauchten. Kurz gesagt: Wir wurden ein eingespieltes Team. Diese Frau beeindruckte mich zutiefst. Sie stellt sich ihren Herausforderungen, ist sich ihrer selbst bewusst und löst in ihren Mitmenschen ein einzigartiges Gefühl von Glück aus. Doch was mich am meisten berührte, war ihre Art zu lieben: Sie vermag mit einer solchen Intensität zu lieben, wie sich wenige Menschen trauen. Sie ist zu meinem Vorbild geworden. Noch nie zuvor bin ich einem Menschen solcher Willenskraft begegnet und noch nie habe ich jemanden mit einer vergleichbaren Ausstrahlung kennengelernt. Manchmal richtete sie ein paar Worte an mich, die mich in allem, was ich tat, innehalten ließen, meine Gedanken und Gefühle zur Ruhe brachten und mich in meine eigene Mitte rückten. War ich zuvor gestresst gewesen, so konnte ich danach die Dinge aus einer anderen Perspektive mit mehr Leichtigkeit sehen. Den Rest des Tages erlebte ich dann wie verzaubert, begleitet von einem wohligen Gefühl.

In den Spiegel schauen

Die Arbeit mit den Chaverim hat viel in mir bewegt. Es war eine stetige Auseinandersetzung mit mir selbst. Alle Chaverim, mit denen ich zusammenkam waren wie ein Spiegel für mich. Sie führten mir meine eigenen Stärken und Schwierigkeiten vor Augen. Die Herausforderung war für mich, dies als ein Geschenk zu sehen, es als Chance zu erkennen, innerlich zu wachsen.

Um in einen guten Umgang mit den Chaverim zu kommen, brauchte ich meine volle Aufmerksamkeit. Doch von noch größerer Bedeutung war, dass ich mir meines Handelns und meiner Gefühle bewusster wurde. Mir meine eigenen Emotionen ehrlich einzugestehen, war der erste Schritt. Denn wenn ich eine Situation oder eine Stimmung ändern will, kann ich dies nur durch meine eigene Wandlung. Nur dadurch kann ich auf meine Mitmenschen wirken. Mit den Chaverim und durch das achtsame Zusammenleben begann ich bewusster zu erleben. Ich wurde rasch ein Teil des kleinen, faszinierenden Dorfes und genoss das rege Gemeinschaftsleben. Nahezu tagtäglich kamen Gruppen zusammen – ob um das Lagerfeuer, im dorfeigenen Pub, bei den Bewohnern Hardufs oder bei uns, den zehn israelischen und fünf deutschen Freiwilligen. Das Beisammensein lieferte mir unzählige Denkanstöße, ließ mich reflektieren, mich mitteilen, zuhören, die Begegnungen inspirierten und motivierten mich. Ich erlebte an meinen Mitmenschen dort, wie tief sie in sich hinein spürten, wie offen sie mit ihren Gefühlen umgingen. Diese Erfahrung regte mich an, mich intensiver mit mir auseinanderzusetzen.

Ich begann mehr und mehr meinen Emotionen nachzuspüren. Ich fing an, mich zu fragen, worauf das jeweilige Gefühl zurückzuführen ist und ob es mir guttut oder mich eher behindert. Diese Art des bewussten Erlebens bringt mich mir selbst näher.

Vertrauensvolle Lässigkeit

Schaue ich nun zurück, bin ich erstaunt – erstaunt, darüber, dass ich tatsächlich ein Jahr in Israel lebte. 365 Tage erhielt ich Einblicke in eine mir bis dahin fremde Kultur, führte mein Leben in drei Sprachen – Hebräisch, Englisch und Deutsch – und ließ mich von Tag zu Tag mehr auf die israelische Mentalität ein. Sagten mir zu Beginn meines Freiwilligendienstes Einheimische noch häufig, ich sei zu höflich, so schätze ich heute die für Israel typische Anschauungs- sowie Umgangsweise. Sie lehrte mich, dass Dinge auch unstrukturiert ablaufen können, Kontrolle nicht die höchste Tugend ist und ebensowenig alles sinnvoll und nachvollziehbar sein muss.

Sie weckte in mir das Vertrauen, dass alles seinen Weg finden wird, auch ohne Druck und Perfektion, sobald ich nur Gutes beabsichtige und es mit Liebe verfolge. Ich wünsche mir, dass ich mir ein Stück weit diese vertrauensvolle Lässigkeit, die ich dort erlebte, bewahren kann.

Es war eine erfüllende und unvergleichlich erlebnisreiche Zeit, voller Impulse und berührenden Begegnungen. Sie weckte das Interesse in mir, mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen, fremde Kulturen kennenzulernen und mir neues Wissen anzueignen. Ich trage dieses Jahr voller Liebe und Dankbarkeit mit all seinen Erfahrungen in mir als kostbaren Schatz.

Zur Autorin: Charlotte Pommer war Schülerin der Rudolf-Steiner-Schule Düsseldorf und leistete einen Internationalen Jugendfreiwilligendienst im Kibbuz Harduf. Zur Zeit ist sie in Laos und Thailand unterwegs.

Kommentare

Doris Bach, Görlitz, 18.11.17 11:11

Liebe Charlotte, danke für deine wundervolle Beschreibung und Innenschau. Wie schön der lernende Mensch doch ist!

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