Wie lernt ein Kind?

Von Friedhelm Garbe, Oktober 2011

Haben Sie diesen Blick gesehen, dieses Leuchten? Wer jemals miterleben durfte, wie ein kleines Kind laufen lernt, wie es seine ersten Schritte setzt, kann seinen »Ratgeber Erziehung« getrost ins Bücherregal zurückstellen. Er selbst ist Zeuge geworden, wie ein Kind lernt.

Der erste Schritt eines Kindes ist ein Urbild für alle Lern- und Entwicklungsschritte, die folgen werden. Wer hinschaut und sich bewusst macht, was hier geschieht, dem kann dieses Ereignis zu einem Erlebnis werden, das ihn verändert. 

Schwieriger als ein Flug zum Mond

Im Aufrichten überwindet das Kind die Schwerkraft, der es seit der Geburt ausgesetzt ist. Nun werden die ersten selbstständigen Schritte möglich. – Kann es ein größeres Glücksempfinden geben, als solche Freiheit zu erfahren? Wer das geschafft hat, dem braucht vor künftigen Aufgaben nicht mehr zu bangen. Technisch gesehen ist es einfacher, ein Raumschiff zum Mond zu schicken, als den ungeahnt komplexen Prozess menschlichen Gehens nachzubilden. Bis heute gibt es dafür keine überzeugende Lösung.

Nicht weniger atemberaubend ist es, wenn das Kind eines Tages zu sprechen beginnt. Wie macht es das eigentlich? Haben Sie Ihrem Kind Unterricht gegeben, zum Beispiel in Grammatik? Und wann haben Sie ihm erklärt, was das Wörtchen »gut« bedeutet? War das bei einem Brei, der »gut« schmeckt? Aber wie haben Sie ihm dann erklärt, was Sie mit »gut« meinen, wenn Sie sagen: »Du bist ein gutes Kind«, »Gute Nacht« … – Kinder können verstehen, ohne dass wir erklären! Bald öffnen sich auch die ersten Fenster zum Denken. Hier bekommen wir es mit ähnlich rätselhaften Prozessen zu tun. Wie sind Sie dabei methodisch vorgegangen? Erst die Theorie (»Wie lerne ich denken?«) – und dann die Praxis? Oder müssen wir nicht auch hier darauf vertrauen, dass letztlich ein inneres Erwachen geschieht, auf das wir von außen keinerlei Zugriff haben?

Gehen – Sprechen – Denken, diese drei Stufen kindlichen Lernens, sind so komplex, dass man auch äußerlich betrachtet zugeben muss: Niemals mehr wird so viel gelernt, wie in diesen ersten drei Jahren. Einige Forscher sagen sogar, in den ersten 365 Tagen lerne ein Mensch mehr, als im gesamten Rest seines Lebens.

Grundgesetze menschlichen Lernens

Wenn ein Kind schulreif wird, hat es also den größten Teil des Lernens bereits hinter sich! Es hat längst bewiesen, dass es weit mehr kann, als das bisschen Schule oder die Abi-Prüfung zu bestehen – vorausgesetzt, die Bedingungen zum Lernen sind weiterhin so günstig, wie in den ersten drei Jahren.

Wie sind diese Bedingungen?

1. Der Wille zum Lernen liegt im Kind selbst.

Jeder Eingriff von außen könnte den Lernprozess im Innern des Kindes zunächst nur stören. In bester Absicht meint der Lehrer, das Kind zum Lernen motivieren zu müssen. Der ehrgeizige Vater glaubt, es durch Druck und Belohnung fordern, anschließend durch einen Test prüfen zu müssen. – All dies wird den Impuls zum Lernen nur kränken, weil das Kind nun nicht mehr darf, sondern muss. Und was wir müssen, können wir nicht mehr wollen.

2. Jedes Kind ist auf Erwiderung seiner Liebe angewiesen.

Kinder lieben zunächst bedingungslos. Aber nur wo ihnen ein Mensch wirklich liebevoll begegnet, können sie sich entfalten und lernen. Liebevolle Zuwendung ist wie das Licht, das die Pflanze ins Dasein ruft. Auch aus neurobiologischer Forschung lässt sich heute nachweisen, was wir schon immer wussten: dass wir tatsächlich auf ein Du angewiesen sind, und real einander brauchen. Jeder – besonders ein Kind.

3. Ein lernendes Kind orientiert sich am Vorbild.

Lernen vollzieht sich nie automatisch. Es liegt nicht an den Genen, dass ein Kind laufen lernt. Ein Neugeborenes, unter Wölfen ausgesetzt, wird sich bewegen, fressen und heulen wie ein Wolf. Es braucht das Vorbild des aufrechten Menschen, um den aufrechten Gang zu erwerben. Auch die Sprachfähigkeit wird nicht vererbt. Wird chinesisch gesprochen, lernt das kleine Kind akzentfrei Chinesisch – genauso selbstverständlich, wie es hätte Deutsch sprechen können. Entscheidend für die Qualität des Vorbildes ist dabei weniger die äußere Erscheinung. Viel stärker nimmt das Kind die innere Haltung des Erwachsenen wahr, sein Bemühen, seine Authentizität.

Diese drei Grundgesetze menschlichen Lernens sollte beachten, wer erziehen und unterrichten will. Dazu muss niemand Pädagogik studieren. Er braucht nur ernst zu nehmen, was er beim kleinen Kind erlebt. Immer mehr Pädagogen – Eltern wie Lehrer – werden heute darauf aufmerksam. Begonnen hat diese Entwicklung vor mehr als 90 Jahren, als herausragende Persönlichkeiten den Mut aufbrachten, sich von der Tradition zu befreien, um sich radikal an der Wirklichkeit zu orientieren. Rudolf Steiner ist es gewesen, der die zentrale Bedeutung von Eigen­aktivität, Beziehung und Vorbild klar erkannte und erstmals menschenkundlich umfassend begründete.

Praktische Folge einer so gravierenden Entdeckung konnte nur eine völlige Umkehrung des pädagogischen Denkens sein: Nicht Methoden sind entscheidend, sondern die innere Haltung des Lehrers zum Kind. »Jede Erziehung ist Selbsterziehung, und wir sind eigentlich als Lehrer und Erzieher nur die Umgebung des sich selbst erziehenden Kindes«, betonte Steiner 1923. Das ist die Geburtsstunde der Waldorfpädagogik, die sich auch heute täglich neu ereignen muss.

Lernen trotz Schule

Die Schule ist nicht der Ort, wo das eigentliche Lernen beginnt, sondern der geschützte Raum, in dem sich intensives Lernen altersgemäß fortsetzen kann. Und auch hier voll­zieht es sich in der gleichen Abfolge: Gehen – Sprechen – Denken. Der Weg vom Greifen (Gehen) zum Begreifen (Denken) wird möglich durch die Brücke der Begegnung (Sprechen). Hier ist der Lehrer gefragt. Er steht vor der Frage: Wie können Kinder – trotz der Schule – weiterhin optimal lernen?

Haben sie genügend Raum zum Gehen, damit sie mit selbstständigen Schritten die Welt der Bildung erkunden können?

Finden wir zu einem Sprechen (im Tonfall, in den Gebärden), das kein Machtgefälle entwickelt, sondern Begegnung ermöglicht?

Darf das Denken in seiner Schöpferkraft erwachen, oder binde ich es an die Vergangenheit, weil ich Osterhasen­pädagogik treibe (R. Kahl: der Lehrer »versteckt« Wissen und lässt dann die Schüler danach suchen)?

Kein Lernen ohne Fehler

Niemand lernt laufen, ohne hinzufallen. Es gibt kein Lernen ohne Fehler. Aber das Fallen beim Gehen-Lernen war nicht Anlass für Strafe und schlechte Zensuren, sondern allenfalls ein Grund, getröstet zu werden. Deshalb ging dabei keine Kraft verloren. Das Kind stand sofort wieder auf und versuchte es erneut. Immer wieder. Aus eigenem Antrieb.

Wie aber verändert sich das Klima des Lernens, wenn Fehler zum Verlust von Punkten führen, zum Verlust von Anerkennung und Zuwendung? – Wer diesen Zusammen­- hang zu durchschauen beginnt, wird verstehen, warum Waldorfpädagogik auf solche Bewertungen verzichten möchte. Hier wird nicht Kuschelpädagogik praktiziert, sondern es geht darum, die Bedingungen optimalen Lernens zu berücksichtigen. Diese Lerngesetze können zwar missachtet werden, aber – das ist wie bei Naturgesetzen – früher oder später wird es sich rächen.

Drei technische Doppelgänger

Im Gehen – Sprechen – Denken wird der Mensch zum Menschen. Doch gerade diese Grundgebärden des Menschlichen sind heute einer extremen Bewährungsprobe aus­gesetzt.

Immer häufiger kommen sie in Gefahr, verdrängt zu werden, weil technischer Ersatz an ihre Stelle treten will. Zu Doppelgängern werden dann die drei markantesten Erfindungen der Zivilisation: das Auto – das Telefon – der Computer. Wie Schattenwesen begleiten sie uns.

• Wir wollen gehen – statt dessen sitzen wir im Auto.

• Wir wollen sprechen – statt dessen greifen wir zum iPod.

• Wir wollen denken – statt dessen klicken wir am Computer.

Als Erwachsene können wir uns klar machen, dass ein Taschenrechner nicht rechnet und dass ein Computer niemals denken, also eine Idee haben wird. Ein gesundes Kind kann das nicht! Es kann nicht anders, als sich vorzustellen, dass im Radio auch die Musiker sitzen. Es unterscheidet noch nicht zwischen Sein und Schein. – Womit soll es sich verbinden auf seinem Weg in die Welt? Ein kleines Kind, das Sprache nur aus dem Lautsprecher hört, lernt nachgewiesenermaßen nicht sprechen. Kinderlieder von der CD verhelfen nicht zum Singen. Ein Kind, dem virtuelle Kontakte im Internet lebendiges Sprechen ersetzen müssen, wird allmählich verstummen. Bereits im 13. Jahrhundert wusste man, dass Kinder sterben, mit denen niemals gesprochen wird – auch wenn sie von ihren Ammen alle andere Pflege erhalten.

Wenn der Bewegungsdrang zunehmend in Fahrzeuge, Maschinen und Bildschirme ausgelagert wird, bleibt zu wenig (Eigen-)Bewegung für das Kind. Damit sind Schwierigkeiten auch beim Rechnen programmiert, denn hier wird innere Beweglichkeit gefordert.

Kräfte für die Zukunft

Aufrichtigkeit (Gehen), gegenseitige Zuwendung (Sprechen) und schöpferische Geisteskraft (Denken) sind die Urgebärden des Menschen. Deshalb liegen nur hier die Kräfte, die auch einer von Krisen geplagten Zivilisation wieder eine Zukunft eröffnen können.

Allen technischen Zerrbildern zum Trotz können diese Wesenszüge des Menschlichen  zu ihren wahren Möglichkeiten auferstehen – jederzeit, wo ein Mensch sich dazu entschließt.

• Dieses Gehen wird die heilende Kraft von aufrechter Beweglichkeit erfahrbar machen – als innere Qualität.

• Dieses Sprechen wird zu Ich-Du-Begegnungen zwischen Menschen und Kulturen führen, statt Sprache zur Phrase verkommen zu lassen.

• Dieses Denken wird unsere an Technik geschulte Intellek­tualität mit der Wärme spiritueller Erfahrung beleben. Dann sind Gedanken nicht mehr die Folge von Stoffwechselprozessen im Gehirn.  Was man einst fühlte, lässt sich heute auch wissenschaftlich nachweisen: dass unser Bewusstsein nach dem körperlichen Tod weiter existiert. Unser Gehirn ist also lediglich ein Instrument, Geistiges bewusst zu machen, nicht dessen Erzeuger. Ideen oder »Einfälle« fallen eben ein; wer sich öffnet, kann sie empfangen.

Im Gehen – Sprechen – Denken werden wir menschlich. Kinder zeigen es uns. Sie zeigen uns, wie sie sich selbst in ihrem Wesen stufenweise ergreifen: auf der Ebene des Willens (Gehen), auf der Ebene des Fühlens, der Kommunikation zwischen Selbst und Welt (Sprechen) und auf der Ebene wirksamer geistiger Kraft (Denken).

Und dabei zeigen sie uns auch, welche Bedingungen sie zum Lernen brauchen. An einer solchen Schule kann jeder lernen; auch wir selbst – ein Leben lang.

Literatur:

Rudolf Steiner: Die pädagogische Praxis (GA 306), Vortrag vom 20.4.1923; Alexandra Rigos: Das Jahr eins, in: GEOkompakt Nr. 17, Hamburg 2008; Pim van Lommel: Endloses Bewusstsein. Neue medizinische Fakten zur Nahtoderfahrung, Düsseldorf 2009