Bildung ist zwecklos, Erziehung grundlos

Von Lorenzo Ravagli, Oktober 2011

Seit Beginn der PISA-Epoche liegt die Aufmerksamkeit in der öffentlichen Bildungsdiskussion auf Effizienz und Kompetenz. Der Begriff »Kompetenz« kommt von »competere« und bedeutet eigentlich »Wettbewerb«. Der Kompetenzbegriff ist die perfekte bildungsphilosophische Verschleierung einer sozialdarwinistischen Lebens­praxis. Eine Diskussion über Bildung und Erziehung kann angesichts dieses verengten Blicks nicht fundamental genug geführt werden. Schließlich hängt von unserem Bild des künftigen Menschen unsere Zukunft ab.

Jede Diskussion über Pädagogik geht von zwei Glaubenswahrheiten aus: Wir setzen voraus, dass der Mensch erzogen und dass er gebildet werden kann. Wieso glauben wir eigentlich, der Mensch könne oder müsse erzogen oder gebildet werden? Wenn wir diese beiden Fragen nicht beantworten können, gibt es für den pädagogischen Anspruch, für das, was Peter Sloterdijk im weitesten Sinne als »Anthropotechniken« bezeichnet, keinerlei Rechtfertigung oder Begründung. 

Bildung als Waffe im Konkurrenzkampf

Vorherrschend ist heute die Rechtfertigung des Glaubens an die Pädagogik durch ihre Nützlichkeit. Bildung wird als Waffe im gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Konkurrenzkampf betrachtet. Je höher, je umfassender die Bildung eines Menschen, um so herausragender die durch sie erreichbare gesellschaftliche Position. Bildung ist aus dieser Perspektive eine Art Überlebenstechnik im Kampf um Ressourcen und Prestige, im Wettstreit um symbolisches Kapital (Pierre Bourdieu), das andere Formen des Kapitals nach sich zieht. Dieses Argument setzt den Glauben an die Möglichkeit und Wirksamkeit von Pädagogik voraus, ohne ihn zu begründen. Wenn wir den Menschen nicht als Zweck für Andere oder für Anderes betrachten wollen, sondern als Selbstzweck, wie wir dies seit Kant tun, dürfen wir nicht nach seinem »Wozu«, wir müssen nach seinem »Woher« und »Wohin« fragen. Wenn man den Glauben an die Pädagogik rechtfertigen will, dann muss man nach dem inneren Sinn, dem Ermöglichungsgrund von Erziehung und Bildung fragen.

Zwei Thesen, eine erkenntnis- und eine handlungsphilosophische, sind für die hier verfolgte Grundfrage zielführend: Wäre der Mensch durch sein Erkennen nicht in einer ursprünglichen Form kreativ und selbstschöpferisch, dann könnte es keine Bildung geben. Wäre der Mensch in seinem Handeln nicht zur Freiheit veranlagt, dann könnte es keine Erziehung geben.

Die drei Leistungen des Erkennens

Das menschliche Erkennen vollbringt drei Hauptleistungen. Als erstes den Gestaltaufbau. Gestalten sind Zusammenhänge einer Vielzahl von Einzelwahrnehmungen. Gestalten können wir nicht wahrnehmen, wir müssen sie aktiv erzeugen. Die Zusammenhangslosigkeit der Wahrnehmungen nötigt uns, eine Vielzahl von Wahrnehmungseindrücken mit Hilfe von Begriffen zu Ganzheiten zusammenfügen, um Gestalten als solche erkennen zu können. Unsere zusammenhangstiftende Denktätigkeit verknüpft aber nicht nur einzelne Wahrnehmungsinhalte, sondern auch die in der Zeit aufeinanderfolgenden Wahrnehmungsakte, durch die erstere erfasst werden.

Dasselbe gilt für Bewegungen und bewegte Gestalten. Bewegungen sind der Zusammenhang des Vergangenen und des Zukünftigen mit dem jeweils Gegenwärtigen. Wahrnehmen können wir immer nur das Gegenwärtige: diesen Geschmack, diesen Geruch, diese Lage, jene Farbe. Das Vergangene, den Inhalt der bereits erfolgten Wahrneh- mungsakte, müssen wir erinnern, den Inhalt der zukünftigen Wahrnehmungsakte müssen wir durch die Phantasie vorausnehmen, wenn wir die vergangenen und gegenwärtigen Wahrnehmungen mit dem zu erwartenden Verlauf von Bewegungen in Zusammenhang bringen wollen. Erinnerung und Phantasie sind Leistungen des Denkens. Indem wir die Inhalte des Denkens in die aufeinanderfolgenden Einzelwahrnehmungen hineinflechten, erkennen wir sie als bewegte Gestalten.

Eine dritte Leistung des Denkens ist die Sinnstiftung. Dadurch, dass wir Gestalten und Bewegungen in den universellen Zusammenhang einfügen, an dem wir selbst durch unser Denken Anteil haben, beziehen wir sie auf einen globalen Sinnhorizont, aus dem wir den Einzelerkenntnissen Bedeutung verleihen. Allein durch diesen Bezug erhält das Einzelne und Vereinzelte seinen Sinn, wird Information zu Wissen und bestenfalls zu Weisheit. Nur weil wir als erkennende Wesen tätigen Anteil an der zweifachen Sinnstiftung haben, durch die Gestalten und Bewegungen in den Allzusammenhang des Denkens eingeordnet werden, sind wir imstande, auch unserer eigenen Existenz Sinn zu verleihen.

Sinnstiftung und Selbstbildung

Die Fähigkeit zur Sinnstiftung ist eine existenzielle Bestimmung des Menschen, die nicht aus etwas anderem ableitbar ist, weil sie die Voraussetzung ihrer selbst ist.

Das individuelle Schöpfen von Zusammenhang ist aber nichts anderes als Bildung. Im Schöpfen des Zusammenhangs bildet der Mensch die Welt und er bildet zugleich sich selbst. An die schöpferischen, zusammenhangsbildenden Akte, die der Mensch in seinem Erkennen vollbringt, ist seine Bildungsfähigkeit gebunden. Vermöchte er nicht, durch sein Denken, durch seinen Geist, Zusammenhang zu stiften, wäre er unfähig zur Bildung. So wie die Wirklichkeit durch sein Erkennen Gestalt annimmt, so nimmt er selbst als Teil dieser Wirklichkeit durch sein Erkennen Gestalt an.

Die ursprüngliche Selbstbildungsfähigkeit des Menschen, die Voraussetzung aller Bildung ist, ist ein Beweis für die Existenz dessen, was Schiller als »Person« oder als »Ich« bezeichnet. Der Mensch kann sich nur selbst bilden, weil er diese Fähigkeit zur Autopoiese, zur Selbsthervorbringung, und die Fähigkeit zur Autoplastik, zur Selbstgestaltung, immer schon besitzt. Sie gehen all seinen empirischen Zuständen, all seinen individuellen Gestaltwerdungen in der Zeit immer schon voraus.

Bildung kann also nicht Reproduktion, sie muss immer Produktion sein und wenn sie Reproduktion einschließt, dann ist diese nur aufgrund der ursprünglichen Selbsthervorbringung des Menschen möglich.

Selbstverwirklichung und Liebe

Wer diese ursprüngliche schöpferische Potenz des Menschen nicht erkennt oder nicht anerkennt, wird auch seine zweite schöpferische Potenz, seine individuelle Fähigkeit zur Umgestaltung der Welt aufgrund individueller Phantasie und individuellen Wollens nicht für möglich halten. Mit anderen Worten: Jede Erziehung beruht auf der Möglichkeit der Freiheit.

Die menschliche Freiheit gründet in der Tatsache, dass das Denken überhaupt schöpferisch ist. Wenn der Bewusstseinsinhalt des Menschen bloß aus Reproduktionen der Wirklichkeit bestünde, dann könnte es keine Freiheit geben. Der geistige Teil, den wir in die Welt einbringen, der Zusammenhang, die »Ganzheit«, der »Sinn«, bildet auch den Inhalt der menschlichen Freiheit. Dieser Inhalt ist nur dann Inhalt der Freiheit, wenn er nicht vorgegeben, sondern selbst erzeugt ist. Er ist das Ergebnis der auf die Alloplastik (Gestaltung des anderen) gerichteten Intuitionsfähigkeit und Phantasie des Menschen.

Freiheit besteht nicht in der ungehemmten Abfuhr von Triebenergien oder in der Bindungslosigkeit von sinnbefreiten Existenzialen, die durch den zusammenhangslosen sozialen Raum flottieren, sie besteht im größtmöglichen, individuell hervorgebrachten Zusammenhang des handelnden Menschen mit der sozialen und der natürlichen Welt.

Das Ich verwirklicht seine Ideen nicht, weil es von ihnen dazu gezwungen wird, sondern weil es von ihnen begeistert ist, weil es diese Ideen liebt. Es reicht aber nicht aus, nur die Ideen zu lieben, wir müssen auch uns selbst und die Welt lieben. Wäre die Freiheit nicht mit Liebe verbunden, würde sie zur Tyrannis, zur Despotie führen, zur rücksichtslosen Herrschaft der Vernunft über die Sinne, des selbstherrlichen Ich über die soziale oder natürliche Welt.

Während die freie Hervorbringung seiner Intuitionen die höchste Verwirklichung des Selbstes ist, ist die Hingabe an die Welt, die für die Verwirklichung dieser Intuitionen nötig ist, die höchste Selbstentäußerung (Agape). Nur wenn beide zusammenwirken, wird ein Zustand begründet, den Schiller der Erziehung des Menschen zum Ziel setzt. Freiheit im Schillerschen Sinn heißt: die gegenseitige Durchdringung von Bestimmen und Empfangen, von Hervorbringung und Hingabe.

Bildung ist Selbstbildung, Erziehung Selbsterziehung

Wenn sich das Ich erkennend der Welt hingibt, gibt sich diese Welt dem Ich hin und das Ich wird von der Welt erkannt. Von der Welt erkannt zu werden, heißt, sich von ihr gestalten zu lassen. Indem man die Welt gestaltet, gleicht sich die Form an den Stoff an und der Stoff an die Form. Indem sich Stoff und Form wechselseitig durchdringen und bestimmen, werden sie beide zu etwas anderem.

Die Seele, die Lebensvollzüge, der Leib, die natürliche und die soziale Welt werden für den frei handelnden Menschen zu Instrumenten, auf denen er spielt. Wenn er ihnen seine Ideen einbildet, habitualisiert er sie, er gestaltet sie um, er bildet seinen Empfindungsfähigkeiten, seiner Phantasie, seinen Erinnerungen, seinen Gewohnheiten, ja sogar seinen körperlichen Organen habituelle Bewegungs- und Handlungsformen ein, die er aus Ideen heraus gestaltet. Das weiß jeder Künstler, jeder Schauspieler, jeder Musiker: ohne Übung kein Meister. Die Künstler wissen aber auch, dass jedes Instrument seine Eigengesetzmäßigkeit besitzt, insofern es Stoff ist. Die Kunst geht aber nicht aus der Eigengesetzmäßigkeit des jeweiligen Stoffes hervor, sondern aus der Form, die den Stoff umgestaltet, ihn »vertilgt«. »Vertilgung des Stoffes durch die Form ist das Kunstgeheimnis des Meisters«, heißt es bei Schiller.

So wie jede Bildung auf der Selbstbildung beruht, so gründet jede Erziehung auf der Selbsterziehung und mündet in diese. Freiheit ist Selbsterziehung, Selbsterziehung ist die Voraussetzung, der Sinn und das Ziel jeglicher Erziehung. Eine Erziehung, die den Menschen nicht in Freiheit und zur Freiheit erzieht, dazu, dass er fähig wird, sich selbst zu erziehen, ist sinnlos. Sie ist sinnlos, weil sie des individuellen, selbstgeschöpften Sinns entbehrt. Bildung lässt sich also nur aus ihrem »Woher« begründen, im Hinblick auf das, was ihr zugrunde liegt. Zugrunde liegt ihr die autopoietische und autoplastische Fähigkeit des Menschen, die Fähigkeit zur Selbsthervorbringung und Selbstgestaltung im Erkennen.

Erziehung lässt sich nur aus ihrem »Wohin« begründen, im Hinblick auf ihren immanenten Zweck, auf das, wozu sie führen will: durch ihre künftige Sinnerfüllung, durch die allo­plastische Selbsterziehungsfähigkeit des Menschen, seine Gestaltungsfähigkeit der Welt durch Freiheit.

Jede Erziehung ist Hinführung zur Selbsterziehung, jede Bildung ist Entfaltung der Selbstbildungsfähigkeit des Menschen. In diesem Sinne ist Bildung zwecklos und Erziehung grundlos.