»Lasst uns frei«. Ein Plädoyer

Von Michael Harslem, Dezember 2014

Lernen ist dem Menschen von Geburt an und schon davor mitgegeben. Kinder lernen immer, überall und gerne, wenn wir sie – liebevoll begleitet – nur lassen. Michael Harslem, ehemaliger Oberstufenlehrer, führt seit zehn Jahren Praxisforschungsprojekte zum selbstverantwortlichen Lernen durch. Sein Plädoyer gibt Kindern eine Stimme.

Foto: © Charlotte Fischer

Das Lernen beginnt für uns hier auf der Erde schon im Mutterleib! Schon da machen wir viele Erfahrungen, die uns auf das Leben in dieser Welt vorbereiten. Mit dem ersten Atemzug nach der Geburt setzt es dann ganz intensiv ein und begleitet uns bis zum letzten Atemzug.

Wir alle, die wir auf diese Welt kommen, wollen sie unbedingt entdecken und unsere eigenen Erfahrungen in ihr machen. Wir lernen ständig – vor allem durch eigenes Ausprobieren. Wir lernen von Vorbildern, durch Widerstände, durch Erfolge, durch Misserfolge, von anderen und mit anderen, durch Anleitung, durch Hilfen, es selbst zu tun, es selbst zu entdecken.

Natürlich wissen die Älteren, die Erwachsenen immer alles besser, können alles schon verstehen, die komplizierte Welt auf einem ganz anderen Niveau, als wir kleinen Kinder. Wir erleben uns und die Welt anders als Erwachsene – je kleiner wir sind, desto mehr. Wenn die Erwachsenen das verstehen würden, könnten sie uns unsere eigene Entwicklungswelt lassen, unsere Phantasie sich frei entwickeln lassen, um uns in unserem Kinder-Bewusstsein in unserem eigenen Tempo wachsen zu lassen.

Aber wir werden viel zu oft wie kleine Erwachsene behandelt. Alles wird uns erklärt. Wir sollen alles mit dem Kopf verstehen, was wir erst durch unsere Glieder und Sinne wahrnehmen und begreifen müssen. Die Erwachsenen verstehen nicht mehr, wie anders wir sind. Es ist uns klar, dass sie alles besser können, das müssen sie uns nicht ständig beweisen. Das wissen wir doch.

Schützt uns vor der Erwachsenenwelt

Was wir brauchen ist Schutz! Schutz, so dass wir in unserer eigenen Welt leben und uns entwickeln können, die so anders ist als die Erwachsenenwelt.

Helft uns, unsere Kinderwelt und unser kindliches Bewusstsein zu bewahren! Überall stürmt die Erwachsenenwelt auf uns ein mit lauten künstlichen Tönen, grellen unwirklichen Bildern, gegen die wir uns nicht wehren können, die in uns eindringen, unsere Phantasie besetzen, uns innerlich zittern machen, die in uns zu toben anfangen, die Wünsche in uns wecken, die gar nicht unsere Wünsche sind. Wir sind all dem wehrlos ausgeliefert, denn es saugt uns an, fasziniert uns, bindet unsere Gefühle, unser Bewusstsein – und lähmt unseren Bewegungsdrang.

Aber Bewegung ist unsere ureigenste Erfahrung, unsere Art die Welt zu erobern. Eigentlich wollen wir uns dauernd bewegen! Für uns ist das schön, für euch Erwachsene ist das anstrengend! Vor allem, wenn ihr meint, dass ihr das alles dauernd kontrollieren müsst, damit uns nichts passiert. Dabei können wir gut mit uns selbst umgehen, wenn wir eine uns angepasste geschützte Umgebung haben – zum Beispiel zu Hause oder im Kindergarten.

Wir wollen eigentlich gar nicht auf die Straße mit den vielen Autos und unter die vielen großen Menschen. Auch die Geschäfte mit den verwirrend vielen Sachen, Farben, Geräuschen, Gerüchen sind nicht unsere Welt. Sie belasten und verwirren uns.

Gebt uns Raum

Lasst uns in unserer eigenen geschützten Welt frei spielen, uns frei entfalten – und wir werden selbst mit unseren Spielkameraden alle Kompetenzen erwerben, die wir in unserem jeweiligen Alter brauchen. Wenn ihr uns von Anfang an genügend Entwicklungsräume zur Verfügung stellt, brauchen wir keine Programme oder Medien, um das alles zu lernen, was wir entwickeln wollen. Wir brauchen die Möglichkeit, uns mit Erde, Wasser, Luft und Feuer zu beschäftigen. Wir brauchen Erfahrungen in der Natur, im Garten, im Wald, auf der Wiese, am Wasser. Wir müssen mit allem spielen dürfen!

Wir brauchen Spielzeug, aber solches, das unserer Phantasie genügend Entfaltungsmöglichkeiten gibt. Wir brauchen Spielkameraden, mit denen wir spielen und streiten, an denen wir uns entwickeln können. Wir brauchen liebevolle, erwachsene Vorbilder und Begleiter, zu denen wir aufblicken können, die wir bewundern können, die uns vertrauen und denen wir vertrauen, die uns schützen und nur dort helfen, wo wir wirklich Hilfe brauchen.

Schenkt uns Vertrauen

Warum habt ihr so wenig Vertrauen in uns und unsere Entwicklung? Wir sind nicht so unvorsichtig, so faul, so uninteressiert, wie ihr oft meint. Wenn ihr solche Phänomene an uns wahrnehmt, liegt es daran, dass wir uns vor dem Überfluss von Eindrücken schützen müssen. Wir gehen mit so viel Grundvertrauen, Offenheit und Zuversicht auf euch und auf alles andere in der Welt zu, weil wir es entdecken wollen. Wir sind nicht dumm, wir haben nur eine ganz andere Klugheit als ihr – eine, die ihr nicht mehr kennt, weil ihr sie vergessen habt. Wir erleben die Menschen und die Dinge ganz anders, viel unmittelbarer als ihr. Deshalb bewegt uns das ganz stark! Wir müssen uns deswegen auch äußerlich bewegen, um es zu erfassen und zu bewältigen. Deshalb zwingt uns bitte nicht, dauernd still zu sitzen, still zu sein. Das widerspricht unserem Lebensgefühl! Alles, was in uns hineinkommt, müssen wir verarbeiten – zuerst durch Bewegung, aber auch durch Sprechen, durch Fragen, durch Spielen. Bitte gebt uns die Möglichkeiten und Räume dafür!

Engt uns nicht ein, aber gebt uns Sicherheit und Grenzen dort, wo wir überschießen, nicht mehr zur Ruhe kommen können oder wo es gefährlich für uns wird. Wir sind dankbar dafür, auch wenn wir uns erst einmal dagegen wehren und vielleicht sogar schreien und um uns schlagen. Wenn wir die Erfahrung machen, dass es uns gut tut, sind wir doch dankbar dafür und werden eure Führung annehmen.

Alles, was wir als kleines Kind lernen,
lernen wir aus eigenem Antrieb,
selbst motiviert, selbstbestimmt,
selbstständig und eigenverantwortlich
– denn das, was wir nicht lernen
wollen, lernen wir auch nicht!

Link: www.harslem.de