Der verzeihende Blick

Von Mathias Maurer, Dezember 2017

»Mach’ eia. Du darfst Annchen nicht an den Haaren ziehen.« Die aufgebrachte Mutter setzt den widerstrebenden Dreijährigen in sein Gitterbettchen. – »Jetzt entschuldigst Du Dich aber!«

Die Erzieherin ist sichtlich erbost über die Attacke des Sechsjährigen. Kein Wort kommt ihm über die Lippen und er muss draußen aufs Bänkchen. – »Ich werde eure Eltern benachrichtigen!« Der empörte Lehrer schickt die drei Neuntklässlerinnen, die eine Viertel Stunde zu spät zum Unterricht erscheinen, vor die Tür.

Kann eine Entschuldigung – unter Strafandrohung oder mit Strafmaßnahmen – eingefordert werden? Sind Ausgrenzung und Begegnungsverweigerungen zur Einübung in eine Kultur des menschenwürdigen Miteinanders, des Ausgleichs oder der Wiedergutmachung erzieherisch geeignete Instrumente? Wenn uns schon Alltagssituationen überfordern – wie dann erst große Grenzüberschreitungen?

Wie ist es mit dem Verzeihen, wenn ein Mensch uns im Stich lässt und wir die Folgen ein Leben lang zu tragen haben. Wie mit dem Täter, der die Tochter missbraucht, wie mit dem Sohn, der von einem Rowdy tödlich verletzt wird, wie mit den Machthabern, die ganze Familien auslöschen? Können solche Taten auf der einen Seite verziehen werden und von der anderen Seite entschuldigt? Kann ohne Verzeihen des einen, der andere sich überhaupt entschuldigen?

Wirkliche Einsicht, Reue, das Bedürfnis, sich entschuldigen zu wollen, kann man nicht erzwingen. Das gilt auch für das Verzeihen. Es bedeutet ein restloses Loslassen alles Schuldig-geworden-Seins. Und es bedeutet, wieder in direkten Kontakt mit sich und seinen Mitmenschen treten zu wollen, die Tür wieder zu öffnen. Es ist keine Frage von Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit – wenn die Welt kalt bleibt, bilden sich innere und äußere Verhärtungen, die wiederum neue Verhärtungen nach sich ziehen. Tickende Zeitbomben, die ein erhebliches Konflikt- und Eskalationspotenzial in sich tragen. –

Der Mensch läuft ständig Gefahr, »dicht« zu machen, ja, es wird durch die Organisation unserer Gesellschaft systematisch angelegt: Wir produzieren Versagensängste, Schuldgefühle und Gewissensbisse je mehr wir nur noch zu funktionieren haben und uns die Schuld am »Fehlen« nicht nur von außen zugeschrieben wird, sondern sie uns auch selbst zuschreiben: Anpassung, Leistung und Optimierung wird verlangt, wir vergleichen, rechnen, richten und schulden. Wer Fehler macht, fällt zurück, wer versagt, ist draußen. Wir verweigern als »schuldige Subjekte« anderen und uns selbst den verzeihenden Blick (Hartmut Rosa), den Wiedereintritt in eine Antwortbeziehung, in eine Beziehung des Angenommenseins, weil wir vollkommen verinnerlicht haben, uns moralisch, rechtlich und ökonomisch über andere und uns selbst zu erheben oder zu erniedrigen. Gleichgültigkeit und Entfremdung machen sich breit – kein Neuanfang ist möglich. Dabei retten wir das eigentlich Menschliche im Verzeihen-Können, des Verzichts auf jeglichen Machtanspruch. Die Hand zu reichen ist ein freiheitlicher Akt.

Ohne Worte nimmt die Mutter Annchen auf den Arm, die Erzieherin setzt sich schützend dazwischen und der Lehrer lässt sich von den Zuspätkommerinnen nicht aus der Ruhe bringen.