Das Smartphone. Nabelschnur der Eltern oder der IT-Konzerne?

Von Peter Hensinger, April 2017

Aus zwei Beweggründen geben Eltern ihrem Kind ein Smartphone. Der erste ist, dass sie befürchten, ohne Kenntnis digitaler Geräte sei es chancenlos in der »digitalen Welt«. Der zweite ist, dass die jederzeitige Erreichbarkeit Sicherheit in einer unsicheren Welt verschaffe.

Foto: © suze / photocase.de

Zwei Irrtümer: Zum ersten gibt die Neurobiologie eine klare Antwort. Die Nutzung von Smartphones und TabletPCs vor dem 12. Lebensjahr führt zu Störungen in der Reifung des Gehirns. Die notwendigen vielfältigen Sinneserfahrungen werden auf das Bildschirm-Wischen reduziert, dem Gehirn fehlt der Baustoff zur Reifung. Er wird ersetzt durch falsche Baustoffe wie die Reizüberflutung, die zu Internetsucht, Lern- und Aufmerksamkeitsstörungen und ADHS disponieren.

Mit dem geschenkten Smartphone geben die Eltern die Kontrolle über die Erziehung ab: an Spielentwickler, an das Internet, an Microsoft, Google, Apple und deren Algorithmen. Yvonne Hofstetter entkleidet in ihrem Buch »Das Ende der Demokratie« das Smartphone seiner Faszination: »Smartphones sind Messgeräte, mit denen man auch telefonieren kann … Dabei entstehen riesige Datenmengen, die dem, der sie analysiert, nicht nur Rückschlüsse auf jedes Individuum erlauben, sondern auch auf die Gesellschaft als Ganzes«.

Für die Sammlung, Analyse und Vermarktung großer Datenmengen steht Big Data. Die Big Data-Psychogramme verraten Stärken, Schwächen, Gefühle und Wünsche, deren Kenntnis eine personenbezogene Beeinflussung, das Microtargeting, ermöglichen. Wer misst, speichert, analysiert und steuert? Vor welchen unerwünschten Nebenwirkungen müssen wir Kinder, aber auch uns selbst schützen?

Superwanze Smartphone

Das Smartphone ist eine mobile Superwanze, die lückenlos digitale Spuren ihres Nutzers hinterlässt. Das flächendeckend aufgebaute, kostenlose WLAN-Netz ist die Überwachungs­infrastruktur. Wir zahlen mit unseren Daten. In vielen Apps sind Spionagefunktionen versteckt, mit denen Daten über den Rückkanal abgegriffen werden können, wie zum Beispiel E-Mails, SMS, Kontakte, Fotos oder Videos. Jeder Google-Klick, jeder Facebook- oder WhatsApp-Eintrag wird von dutzenden Firmen gespeichert, um Personenprofile – digitale Zwillinge – zu erstellen. Das digitale Profil hat einen Preis, es steht zum Verkauf, mit ihm wird gehandelt: von Bertelsmann, dem Otto-Versand und der Deutschen Post.

Nehmen wir an, ein Kind bekommt mit sechs Jahren ein Smartphone. Wenn es 18 ist, ist die digitale Akte prall gefüllt. Der nun Jugendliche bewirbt sich. Sein digitaler Zwilling ist schon im PC des Personalchefs, er hat den gläsernen Bewerber vor sich. Er weiß, welche Kategorie von Freunden er hat, kennt seine Intelligenz, sein Schul-, Freizeit- und Sozialverhalten, weiß, welche Bücher er liest und was er konsumiert, ob er Sport treibt oder computersüchtig ist, wie groß seine finanzielle Abhängigkeit ist, welche Krankheiten er hatte oder hat, kennt seinen Alkoholkonsum, Jugendstrafen, seine Weltanschauung, Beziehungskonflikte und sexuelle Orientierung. Auch kennt er sein gespeichertes Lernverhalten über die MOOC (Massive Open Online Course)-Lernprogramme an den Universitäten. Das hat lebenslange Folgen, nicht nur bei Bewerbungen. Versicherungen, Behörden, Banken klassifizieren Menschen mit Hilfe ihres digitalen Profils. Grundgesetzlich verbriefte Werte wie das Brief-, Bank- und Postgeheimnis, die Un­verletzlichkeit der Wohnung stehen bald nur noch auf dem Papier. Die Privatsphäre wird geopfert, wir sind in einer Überwachungsgesellschaft. Der Hype um die digitalen Medien verdrängt dies, ein Selbstentmündigungsfatalismus ist entstanden. Die Entgegnung »Ich habe nichts zu verbergen« ist eine naive Rechtfertigung für jede Art von Überwachung, Ausdruck bereits geschehener Anpassung.

Das ist nichts anderes, als wenn man konstatiert, man schere sich nicht um freie Meinungsäußerung, weil man nichts zu sagen habe. Was ändert sich dadurch schleichend in der Psyche und in der Gesellschaftsstruktur?

Manipulation zum Hyper-Konsum

Kinder besitzen noch kein abgeschlossenes Wertesystem, können noch nicht zwischen Wirklichkeit und Virtualität trennen. Ihre Daten werden genutzt, um mit profilgenauer Werbung Wünsche zu wecken, ihre Seelen mit der Wachstums- und Konsumideologie zu infizieren. Die digitalen Medien verhindern die kognitive Fähigkeit, eigenständig Wissen zu konstruieren. Rechner und Apps erklären, wie die Welt funktioniert, der Algorithmus eines Konzerns übernimmt die Erziehung. Er spuckt profilbezogene Konsum- und Modewelten, Film- und Red Bull-Illusionen aus. Der Run von Jugendlichen auf die Primark-Modekette ist das Ergebnis solcher Manipulation. Primark wirbt für seine in Sklavenarbeit hergestellte minderwertige Kleidung über Blogger in sozialen Medien direkt auf dem Smartphone. Man konsumiert Vorgegebenes, statt selbst schöpferisch zu gestalten, beim Basteln, im Spiel, beim Musizieren oder in der Gruppe. Der Konsumismus führt zu einer Scheinindividualisierung und Entfremdung. Konsum als Ersatzbe­friedigung ist eine Form sozialer Kontrolle. Big Data ermöglicht neue digitale Disziplinierungstechniken, die sicherstellen, dass menschliches Handeln sich in die Abläufe der Konsumgesellschaft berechenbar einfügt.

Vereinzelung in der Konsumwelt

Die digitale Personalisierung reduziert die Mitglieder einer Gesellschaft auf ihre Kaufkraft als Konsumenten. Die bereits achtstündige durchschnittliche Nutzungsdauer von Bildschirmmedien ist ein messbarer Beweis, wie die Kommunikation von Angesicht zu Angesicht schwindet (Sigman 2012). »Die zunehmende Konzentration auf die eigene Person fördert den Egoismus und zersetzt den Sinn für Gemeinschaft, Gesellschaft und Solidarität« schreibt Yvonne Hofstetter (Hofstetter 2016). Eine Langzeitstudie der Psychologin Sara Konrath (Universität Michigan, 2010) an 14.000 Studenten weist einen Rückgang der Empathie­fähigkeit um 40 Prozent in den letzten 30 Jahren nach. Dies schlägt sich im Cybermobbing, in der Verrohung in Internetblogs und im Ich-bezogenen Karrierestreben nieder.

Der rasante Anstieg der Entfremdung vieler Jugendlicher von der Realität und das Abtauchen in virtuelle Welten war ein Hauptergebnis des »Jugendreports Natur 2016«. Natur wird nicht mehr spielerisch entdeckt und erlebt, sondern im Schulunterricht und eigenen Zimmer »gelernt«. Das Natürliche wird digitalisiert (natursoziologie.de).

Kinder außer Kontrolle

Das Smartphone gilt als Einstiegsdroge. Internetspiele sind auf Sucht programmiert und aktivieren Belohnungssysteme im Gehirn. Die Big Data-Algorithmen analysieren den labilen Gemütszustand des Spielers in Echtzeit und verstärken seine Abhängigkeit. Nach einer neuen DAK-Studie erfüllen 8,4 Prozent der männlichen Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Alter zwischen zwölf und 25 Jahren die Kriterien für eine Abhängigkeit nach dem sogenannten »Internet Gaming Disorder Scale« – eine Maß für Online-Spielsucht. Das sind epidemische Ausmaße. Weil die Internet- und Spielsucht dramatisch anwächst, schlug das Deutsche Ärzteblatt im Dezember 2016 Alarm. Man wisse inzwischen, dass die Internetabhängigkeit »häufig mit Suizidgedanken, Depressionen, Aufmerksamkeitsdefizit- Hyperaktivitätssyndrom (ADHS), Autismus, Aggressivität, Devianz und substanzbezogenen Suchterkrankungen einhergehen kann.« Was das Kind wie oft und wie lange auf dem stationären PC spielte, konnten Eltern noch kontrollieren. Über das mobile Smartphone haben sie in der Regel keine Kontrolle mehr. Das sieht man daran, dass die Mehrheit der Kinder und Jugendlichen jugendgefährdende Seiten – vor allem zu Gewalt und Pornografie – aufrufen. Die Medienstelle Return schreibt: »Fast die Hälfte aller elf- bis dreizehnjährigen Kinder haben bereits pornografische Bilder oder Filme gesehen, bei den 17-Jährigen sind es bereits 93 Prozent der Jungen und 80 Prozent der Mädchen … Pornokonsum gefährdet die Beziehungsfähigkeit, fördert sexuelle Gewalt und birgt ein hohes Suchtpotenzial« (Faltblatt Medienstelle). Auch dieses Surfverhalten wird bei Big Data über den Rückkanal gespeichert, um die Nutzer gerade in diesen Gewohnheiten zu bestärken. Einmal auf diesen Seiten, werden sie mit Online-Sex-Werbung zugemüllt.

Das überwachte Ich

Diese Überwachung, bisher nur bei strafrechtlich relevantem Verhalten zulässig, wird zum allgegenwärtigen Über-Ich. Heribert Prantl analysiert die gesellschaftspolitische Bedeutung dieser Entwicklung: »Diese Überwachung wird den freiheitlichen Geist der früher sogenannten freien Welt zerfressen, weil die Überwachung es verhindert, schöpferisch zu sein. Kreativität verlangt, dass man sich abweichendes Verhalten erlauben kann, dass man Fehler machen darf. Wer überwacht wird, verhält sich konform. Das ist die eigentliche Gefahr der Massenüberwachung. Sie erzieht zur Konformität. Sie kultiviert vorauseilenden Gehorsam. Sie züchtet Selbstzensur. Die Dynamik der Selbstzensur ent­wickelt sich unabhängig davon, ob wirklich konkret im Einzelfall überwacht wird. Es reicht die abstrakt-konkrete Möglichkeit, überwacht zu werden. Damit verschwindet nämlich die Gewissheit, dass man in Ruhe und Frieden gelassen wird. Und damit verschwindet die Privatheit; und mit ihr verschwindet die Unbefangenheit. Der Verlust der Unbefangenheit ist eine Form der Gefangenschaft; sie ist ein Verlust der Freiheit. Die Überwachungsmacht veranlasst die Menschen, sich selbst in Gefangenschaft zu nehmen.«

Nicht nur eine Selbstzensur des Denkens und Handelns kann die Folge sein: Die Fehleinschätzung der Risiken der digitalen Totalüberwachung hatte in den Bewegungen des arabischen Frühlings tödliche Folgen. Strukturen und Netzwerke des Widerstandes wurden aufgedeckt, Führungspersonen identifiziert, verhaftet, gefoltert und auch getötet. Die Illusion der »Liquid Democracy« führte zu ihrer Liquidierung. Ähnliches geschieht gerade in der Türkei.

Digitale Bildung – ein trojanisches Pferd

Vehement fordert der Bundesverband der Deutschen Industrie freie Fahrt für Big Data. Im Originalton: »Ein derartiges Agentenmodell gewinnt an Bedeutung, da empirisches Wissen über den Kunden und seine Bedürfnisse von enormem Wert ist«. Beim IT-Gipfel im November 2016 zur »Digitalen Bildung« folgte Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) diesem Wunsch. Mit fünf Milliarden Euro Anschubfinanzierung für Tablet-PCs und WLAN an Schulen sollen diese zum Big Data-Feld für die Industrie werden, dort, wo die Sozialisation »ihrer« Konsumenten stattfindet. Diese Ökonomisierung und Dehumanisierung der Bildung wollen Eltern für ihre Kinder nicht. Widerstand und Kritik formieren sich. In dem Appell »Trojaner aus Berlin: Der ›Digitalpakt#D‹« wenden sich 37 Hochschullehrer und Pädagogen gegen diese Entwicklung, hunderte Fachkollegen haben sich inzwischen angeschlossen. Der Bund der Freien Waldorfschulen setzt gegen diese Entwicklung die Forderung nach einem »Analogpakt« (erziehungskunst.de).

Die Vereinigung der Waldorfkindergärten hat den Aufruf »NEIN zur Digitalen Kita! JA zu konstruktiven Bildungsinvestitionen!« gestartet. Über 25.000 Eltern haben schon unterzeichnet. Auf die Online-Umfrage des kirchlichen Publik-Forum im Dezember 2016 mit der Frage: »Kindheit besser ohne Computer« stimmten 92 Prozent mit »Ja«. 

Zum Autor: Peter Hensinger leitet bei der Umwelt- und Verbraucherorganisation »Diagnose-Funk e.V.« den Bereich Wissenschaft. Kontakt: peter.hensinger@diagnose-funk.de

Literatur für Jugendliche: S. Heuer; P. Tranberg: Mich kriegt ihr nicht, Hamburg 2013; M. Morgenroth: Sie kennen dich! Sie haben dich! Sie steuern dich!, München 2014

Literatur für Eltern und Lehrer: M. Korte: Wie Kinder heute lernen, München 2010; I. Leipner; G. Lembke: Die Lüge der digitalen Bildung, München 2015; G. Lembke: Im digitalen Hamsterrad. Ein Plädoyer für den gesunden Umgang mit Smartphone & Co, Heidelberg 2016; M. Spitzer: Die digitale Demenz. Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen, München 2012; H. Welzer: Die smarte Diktatur. Der Angriff auf unsere Freiheit, Frankfurt / Main 2016

DAK zum Thema Internetsucht

Faltblatt der Medienstelle Return

Analogpakt Waldorfschulen

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