Rudolf Steiner O-Ton

Von Johannes Mosmann, Januar 2017

»Verantwortlich dem Geist, den er erlebt, muss der Lehrer, der Erzieher sein. Das ist nur möglich innerhalb der Dreigliederung des sozialen Organismus.«

Foto: © Charlotte Fischer

So lapidar beantwortete Rudolf Steiner die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Waldorfpädagogik und sozialer Dreigliederung. Hundert Jahre später erscheint diese Aussage rätselhaft – haben doch einerseits die Waldorfschulen eine enorme Verbreitung gefunden, während andererseits die Bewegung für soziale Dreigliederung im Sande verlief.

Der Großteil des sozialwissenschaftlichen Werkes ist mittlerweile öffentlich zugänglich, sodass wir den Sinn solcher Aussagen rekonstruieren können. Steiner verband demnach die Waldorfschulbewegung mit einer Neugestaltung des gesamten gesellschaftlichen Lebens. Als wesentliches Merkmal aller zu überwindenden Systeme macht er die Gleichsetzung von Rechts-, Wirtschafts- und Kulturgemeinschaft im Nationalstaat aus. Diesem »Einheitsstaat« stellt er das Bild eines dreigliedrigen sozialen Organismus gegenüber, in welchem Rechts-, Wirtschafts- und Kulturbeziehungen unabhängig von nationalen Grenzen drei selbständige Verwaltungsorgane ausbilden.

Die primäre gesellschaftspolitische Aufgabe der Waldorfschulbewegung sei es, international auf eine Loslösung des gesamten Bildungswesens, einschließlich der Universitäten, von staatlicher oder wirtschaftlicher Beeinflussung hinzuwirken: »Man müsste wirklich einmal das Unterrichtswesen auf die eigene Basis stellen und es von denjenigen bloß verwalten lassen, die darinstehen. ... Also, das Schulwesen muss zunächst ganz getrennt vom Staatswesen gedacht werden. Es ist ganz ausgeschlossen, dass wir weiterkommen, wenn wir uns nicht zu diesem radikalen Denken aufschwingen, die Schule, ja das ganze Bildungswesen herauszubringen aus dem Staat.« Unmissverständlich fordert er von Waldorfpädagogen und Waldorfeltern ein öffentliches Eintreten für eine solche Dreigliederung: »Wenn diejenigen, die schwärmen für die Ideen der Waldorfschule, nicht einmal soviel Verständnis entwickeln, dass ja dazu gehört, Propaganda zu machen gegen die Abhängigkeit der Schule vom Staat ..., dann ist die ganze Waldorfschul-Bewegung für die Katz, denn sie hat nur einen Sinn, wenn sie hineinwächst in ein freies Geistesleben.«

Zugleich erscheint diese gesellschaftliche Aufgabe der Waldorfschulbewegung als Bedingung für die eigene Existenz: »Eine solche (Schul-)Gemeinschaft ist nur möglich in dem dreigliedrigen sozialen Organismus, der ein freies Geistesleben neben einem demokratisch orientierten Staats- und einem selbstständigen Wirtschaftsleben hat. Ein Geistes­leben, das seine Direktiven von der politischen Verwaltung oder von den Mächten des Wirtschaftslebens erhält, kann nicht eine Schule in seinem Schoße pflegen, deren Impulse von der Lehrerschaft selbst restlos ausgehen.«

Vorsicht vor Waldorf light

Steiner warnt vor einer Light-Version der Waldorfpädagogik, welche glaubt, ohne eine soziale Dreigliederung auskommen zu können: »Denn ... darauf kommt es an, dass man das Prinzip verfolgt auf diesem Gebiet: Freiheit im Geistesleben. – Dann ist mit einer solchen Schule ein Anfang der Dreigliederung gemacht. Rufen Sie daher in den Leuten nicht falsche Vorstellungen hervor, indem Sie ihnen den Glauben beibringen, man könne brav in den alten Verhältnissen bleiben und trotzdem Waldorfschulen gründen.«

Dabei wird Steiner sehr konkret. Eine wesentliche Voraussetzung sei nämlich, dass nicht »nur solche Lehrer verwendet werden dürfen, die durch die staatlichen Prüfungen gegangen und abgestempelt sind«. Denn: »Man müsste ja davon ausgehen, dass man zunächst eine vollständig freie Wahl der Lehrer hat, die ja nicht ausschließt, dass auch einmal ein staatlich abgestempelter Lehrer gebraucht werden kann. Aber es dürfte nicht die Notwendigkeit vorliegen, dass nur solche verwendet werden dürfen, denn sonst stehen wir nicht in der Dreigliederung drinnen.«

Grundsätzlich bemerkt Steiner: »Solange das Geistesleben auf der einen Seite vom Wirtschaftsleben, auf der anderen Seite vom Staatsleben abhängig ist, so lange steht der Lehrer im Banne des Staates oder des Wirtschaftslebens.«

Das uns anvertraute Kind kann uns sensibel machen für jenen »Bann«. Ernsthaft um eine kindgemäße Erziehung ringen und sich gesamtgesellschaftlich um eine soziale Dreigliederung bemühen, geht naturgemäß Hand in Hand, ja es ist dasselbe, nur von zwei Seiten betrachtet:

»Dieses immer fort und fort aus dem lebendigen geistigen Quell Herausschöpfen, das ist das, was unseren Lehrern eigen sein soll. Da muss man sich dem geistigen Leben gegenüber verantwortlich fühlen. Dann muss man das geistige Leben frei wissen, dann muss die Schule Selbstverwaltung haben, dann darf nicht der Lehrer ein Beamter sein; er muss vollständig sein eigener Herr sein; denn er erkennt einen erhabeneren Herren an als eine äußere Instanz, das geistige Leben selber, zu dem er in einer unmittelbaren Beziehung steht, nicht durch Schulbehörden, durch Rektoren oder Schulinspektoren oder Oberschulräte, Studienräte und so weiter hindurch.

Ein wirklich freies Schulleben hat dieses direkte Inbeziehungstehen zu den Quellen des geistigen Lebens notwendig. Denn nur wenn man dieses in sich hat, kann man auch den geistigen Quell im Schulzimmer den Kindern vermitteln. Das streben wir immer mehr und mehr an, das wollen wir.«

Hinweis: Zitate aus: Johannes Mosmann (Hrsg.): Rudolf Steiner – Was ist eine freie Schule?, Berlin 2015. Bestellbar unter www.dreigliederung.de/shop

Zum Autor: Johannes Mosmann ist Mitbegründer des Instituts für soziale Dreigliederung und Geschäftsführer der Freien Interkulturellen Waldorfschule Berlin.

www.dreigliederung.de

Kommentare

Gerhardus Lang, Bad Boll, 10.05.17 23:05

Ich bin 1945 im November mit 14 Jahren in die wieder gegründete Waldorfschule in Hannover in die 8. Klasse gekommen. Hannover war ein Trümmerfeld, unsere Schule eine bessere Ruine, ohne Dach und Heizung. Mein Klassenlehrer war Wilhelm Schmundt, ein begeisterter Anhänger der Dreigliederungslehre Steiners. Er brachte uns so nebenher die Kernpunkte zur Kenntnis. Ich war wohl der Einzige, der die sofort aufnahm. Ich verstand zwar noch nichts, aber ich war völlig sicher, dass hier die Wahrheit vorlag. So überzeugend war Wilhelm Schmundt. Mich haben seitem die Kernpunkte, von denen ich ein Exemplar der ersten Auflage bei meinen Vater sehr zerlesen fand und es im Buchbindeunterricht neu eingebunden habe. In der Waldorfschule konnte ich dann das Abitur machen. Danach studierte ich Medizin. Ich verfolgte die zalreichen Neugründungen der Waldorfschule nach 1945 und bekam nebenher mit, dass dort für die Politik und die soziale Frage kaum Interesse bestand. Hauptsache war das Abitur, was alle anstrebten wie überall, und dem hatte sich alles unterzuordnen. Trotzdem glaube ich, dass die reine Existenz der Schulen keine schlechte Sache ist. Aber bei den Lehrern, die ja heute alle auch eine staatliche Prüfung vorweisen müssen, ist die Anpassung an die "alternativlosen" Verhältnisse oft viel größer, als in den Staatsschulen, an denen die Lehrer oft viel eher ein eigens freies Geistesleben praktizieren. Was soll man also tun? Man muss einsehen, dass die Dreigliederung des sozialen Organismus nicht "eingeführt" werden kann, wie ein neuer Lehrplan oder das Programm einer Partei. Diese Dreigliederung besteht schon lange ganz von selbst. Sie kann sich nur nicht frei entfalten, weil zu wenige nach den Forderungen dieser Dreigliedrung streben: Wer verlangt Freiheit im Geistesleben? Wer es praktiziert, hat bald die Meute am Hals, wie jetzt wieder am Künstler Künstler Xaver Naidoo zu sehen ist, der die political correctness einfach nicht beachtet. Das fürchten auch die Waldorfs, die lieber um die staatlichen Subventionen betteln, als sich die Aussicht auf die Staatsknete durch freien Geist zu verderben. Im Rechtsleben überlassen wir alle dasselbe den Inhabern der Macht in der so genannten "repräsentativen" Demokratie, die übehaupt keine Demokratie ist, sondern eine Oligarchie von Parteiapperaten. Das haben die Verfasser der US amerikanischen Vefassung damals so eingerichtet, weil die Gefahr bestand, dass die Mehrheit der Armen dann die Minderheit der Reichen enteignen würde. Mit den paar Repräsentanten würde man schon fertig, wie sich später zeigte und immer noch zeigt. Die richten sich eben in dem weiter bestehenden Einheitstaat ein und bekämpfen systematisch, ohne es wirklich zu wissen, dass sich die Dreigliederung entfalten kann. In der Wrtschaft herrscht der Egoismus von der Wissenschaft abgesegnet, deren Angehörige alle "Wes Brot ich ess. des Lied ich sing!" verinnerlicht haben und sich dem Brotgelehrtentum widmen, zu dem Schiller einst seine gut besuchte Antrittsrede das Nötige gesagt hat. Es gibt inzwischen auch eine ganze Menge "bekennender" Anthroposophen mit einem Professortitel, weil man ohne den ja kein Ansehen gewinnen kann. Und das Rechtsleben besteht nicht in Gleichheit für alle sondern in der fortlaufenden Privilegierng von allen und jedem. So vegetiert der Wechselbalg (der gemischte König aus Goethes Märchen!) des sich nicht vollendenden Sozialen Organismus unreif durch die Zeiten. Sterben kann er nicht, so lange Menschen leben, aber Vollendung findet er nicht, weil nur die Menschen ihn vollenden können, wenn sie alle mittun, und zwar indem sie ihrem gesunden Menschennverstand folgen. Aber der wird ihnen gleich nach der Geburt abgewöhnt und später gänzlich abgesprochen. So bleibt eben Not und Elend der Zuchtmeister der Menschen. Die haben immer bisher die besten Ergebnissse gezeitigt.
Gerhardus Lang, Bad Boll

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