Wirtschaft leben. Steiners Alternative zu Markt- und Planwirtschaft

Von Klaus Weißinger, Januar 2017

Was man nicht für möglich gehalten hätte, ist eingetreten: Donald Trump, ein Milliardär und rechter Populist, ist am 9. November 2016 zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt worden. Tatsächlich ist dieses Ereignis nur ein Beispiel für einen Trend, der sich in immer mehr Ländern zeigt. Die Menschen sind unzufrieden mit ihrem Leben und sehnen sich nach Lösungen. Man erhofft sich Verbesserungen von einer grundlegend anderen Politik. Die Politiker haben jedoch keine zufriedenstellenden Antworten und so suchen viele enttäuschte Menschen ihr Heil in den Versprechungen von Populisten.

Solidarische Wirtschaftsformen müssen geübt werden. Hier auf den Werkstatttagen »Wirtschaft anders denken« in München. Der Banker sortiert sein Geld, während der Spielleiter im Hintergrund auf das Geschehen achtet.

Folgen der entfesselten Wirtschaft

Die Antwort auf die Frage, warum dieser Trend immer erfolgreicher wird, ist vielschichtig. Sicherlich hat aber die Gestaltung des Wirtschaftslebens daran einen wesentlichen Anteil. Dazu nur ein Beispiel: Am 18. Januar 2016 ging die Meldung durch die Medien, dass laut des Berichts An Economy for the 1% der Nichtregierungsorganisation Oxfam »im Jahr 2016 (…) das reichste Prozent der Weltbevölkerung, also rund 70 Millionen Menschen, mehr besitzt als die restlichen 99 Prozent (rund sieben Milliarden Menschen) zusammen. (…) Noch drastischer zeigen die Vermögen der Superreichen den Trend: Inzwischen besitzen die 62 reichsten Einzel­personen genauso viel wie die gesamte ärmere Hälfte der Weltbevölkerung – vor einem Jahr waren es noch 80 Personen« (Spiegel-Online vom 18.1.2016). Eine Wirtschaftsform, die so etwas ermöglicht, kann sich nicht auf die Fahnen schreiben, dass sie sich der Gerechtigkeit und der Solidarität verpflichtet fühlt. Wie konnte sich die kapitalistische Marktwirtschaft, die weltweit dahintersteckt, so erfolgreich entwickeln?

In seinem 1919 erschienenen Buch »Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft« spricht Rudolf Steiner davon, wie sich das Wirtschaftsleben, »alles übrige Leben beherrschend, durch die moderne Technik und den modernen Kapitalismus in die menschliche Gesellschaft hereingebildet hat«. Selbst beinahe hundert Jahre später ist dieser Siegeszug ungebrochen, ja, er hat durch die Deregulierung der Finanzmärkte seit den 1980er-Jahren durch Margaret Thatcher und Ronald Reagan sowie durch den Zusammenbruch des Ostblocks und den damit einhergehenden Niedergang der Planwirtschaft neue Höhepunkte erreicht. Das Wirtschaftsleben hat »durch eine einseitige Wirksamkeit in das menschliche Leben sich besonders machtvoll hereingestellt« (Steiner).

Dieses machtvolle Hereindrängen mit seinen immer offensichtlicher auftretenden Schattenseiten hat insbesondere seit der Finanzkrise 2007/08 viele Menschen aufhorchen lassen. Da aber die Politik weltweit nur Symptombekämpfung betreibt, ansonsten aber im Wesentlichen am Kapitalismus festhält, sind die eigentlichen Probleme weiterhin ungelöst.

Wirtschaft und Finanzen gehören in den Unterricht

Bei den Schülern ist ein waches Interesse an wirtschaftlichen Themen vorhanden. Für Steiner war es besonders wichtig, dass in ganz verschiedenen Lebensaltern und ganz unterschiedlichen Fächern Wirtschaft eine Rolle spielen sollte. Den latenten Fragen der Schüler speziell in der höheren Oberstufe sollte der Unterricht an Waldorfschulen unbedingt Raum gewähren. Im Rahmen des Wirtschafts- und Sozialkunde-Unterrichts in der 11. oder 12. Klasse, falls er überhaupt eingeführt ist, wird man auf anspruchsvolle wirtschaftliche Themen eingehen können. Falls es keine Sozialkunde gibt, sollte der Geographielehrer in der 11. und/oder in der 12. Klasse einen Teil seiner Epoche dazu verwenden, nicht nur grundlegende wirtschaftskundliche Themen zu bearbeiten, sondern insbesondere auch auf wesentliche finanzwirtschaftliche Erscheinungen einzugehen. Auch die Grundmerkmale der Markt- und Planwirtschaft sollten wiederholt behandelt werden.

Planwirtschaft oder Raubtierkapitalismus

Darauf aufbauend lässt sich in der 12. Klasse die Frage stellen, ob dies denn die einzig möglichen Wirtschaftsformen sind, und in diesem Zusammenhang kann man die Dreigliederung des sozialen Organismus vorstellen. Sehr anschaulich und lebendig wird es, wenn man mit den Schülern zusammen durchspielt, wie das Wirtschaftsleben des sozialen Organismus aussehen würde, je nachdem, welche der drei Ideale der französischen Revolution man ihm zuordnet:

 Wirtschaftsleben

 Wirtschaftsform 

 Marktwirtschaft 

 Planwirtschaft 

 Assoziative Wirtschaft

 Ideal

 Freiheit

 Gleichheit

 Brüderlichkeit/Solidarität

Die Marktwirtschaft gründet sich auf dem Ideal der Freiheit. Das Unternehmen entscheidet, was und wie viel produziert wird, die Preise bilden sich auf dem Markt nach Angebot und Nachfrage. Die Wirtschaft, die sich in England im 19. Jahrhundert zunächst durch die industrielle Revolution herausgebildet hatte, basierte darauf, dass es kaum Regeln gab. So entwickelte sich der Manchester-Kapitalismus oder der sogenannte Raubtierkapitalismus. Noch heute versuchen Firmen im globalisierten Wettbewerb eine Monopolstellung zu erreichen, um in größtmöglicher Freiheit das Geschehen auf den Märkten nach eigenem Gusto diktieren zu können. Dabei versuchen sie häufig, Regelungen zu umgehen oder zu missachten (Google, Facebook, VW, Uber). Freiheit in der Wirtschaft führt zu Wettbewerb, Konkurrenz, Egoismus und sozialen Ungerechtigkeiten. Eine Gegenbewegung zum in der Industrialisierung entstandenen Kapitalismus bildete der Sozialismus. Er versuchte, Gerechtigkeit ins Wirtschaftsleben einzuführen. Man instrumentalisierte den Staat, um alle Menschen gleich zu machen – nicht nur im Wirtschaftsleben, sondern ebenso im Rechts- und Geistesleben. Aber das Ideal der Gleichheit gehört nicht ins Wirtschaftsleben, weil jeder Mensch andere Bedürfnisse hat. Es ist nicht menschengemäß, wenn staatliche Planungsbehörden vorgeben, was der einzelne Mensch für sein Leben braucht.

Assoziative Wirtschaft

Welches sind die Merkmale einer assoziativen Wirtschaft? Nach Steiner setzt sich das Wirtschaftsleben »zusammen aus Warenproduktion, Warenzirkulation und Warenkonsum. Durch sie werden die menschlichen Bedürfnisse befriedigt; innerhalb ihrer stehen die Menschen mit ihrer Tätigkeit«. Unabhängig vom Staat sollten sich »nach rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten (…) Assoziationen bilden, die aus Kreisen von Konsumenten, von Handeltreibenden und Produzenten sich zusammenschließen«.

In solchen Zusammenschlüssen entsteht durch den gegenseitigen Austausch die Wahrnehmung der anderen sowie Transparenz. Denn man kann nur dann wahrhaft solidarisch sein, wenn man die Bedürfnisse der anderen Menschen kennt. Dies führt zu einem permanenten Bemühen, herauszufinden, welches der gerechte Preis für alle ist. Jeder Mensch soll in der Lage sein, über die Bezahlung seiner Ware oder Dienstleistung seine materiellen Bedürfnisse befriedigen zu können, sodass er weiterhin Waren produzieren oder Dienstleistungen erbringen kann. Das Ideal von Brüderlichkeit und Solidarität ist keine sentimentale Angelegenheit, sondern Ergebnis eines gewissenhaften Austauschs zwischen den drei am Marktgeschehen beteiligten Gruppen. Dabei ist es auch notwendig, dass der Staat sich nur im Rechtsleben betätigt und dass im Geistesleben das Ideal der Freiheit verfolgt wird: »Das befreite Geistesleben wird ein soziales Verständnis ganz notwendig aus sich selbst entwickeln; und aus diesem Verständnis werden Anreize ganz anderer Art sich ergeben, als derjenige ist, der in der Hoffnung auf wirtschaftlichen Vorteil liegt«, so Steiner in den »Kernpunkten«.

Fair Trade und Gemeinwohlökonomie

Steiners Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus wurde nicht umgesetzt. Dennoch hat sich im Geistes- und Rechtsleben neben vielem nicht Geleisteten auch Positives, wie zum Beispiel die Meinungs- und Pressefreiheit, etablieren können. Im Wirtschaftsleben allerdings sind – abgesehen von speziellen Einrichtungen im Rahmen der sozialen Marktwirtschaft wie der gesetzlichen Sozialversicherungen – kaum Merkmale einer solidarischen oder assoziativen Wirtschaftsform zu erkennen. Einige der wenigen konkreten Ansätze in dieser Richtung seien im Folgenden vorgestellt. Fair Trade ist so ein Beispiel. Dabei rückt der Produzent mehr in den Blickpunkt. Der Konsument kann über dessen Arbeit Informationen erhalten, so wird der Prozess transparenter, und der Konsument kann sich über das Bezahlen eines gerechteren Preises solidarisch zeigen. Weil aber in dem gesamten Prozess der Produktion, des Handels und des Verbrauchs keine Vertreter der Konsumenten enthalten sind, ist noch keine Assoziation vorhanden. Ein anderes Beispiel ist die Gemeinwohlökonomie. »Sie will ein nächster Schritt sein in die Zukunft, gestaltet von vielen, in einem ergebnisoffenen, demokratischen Prozess. Ziel ist es, eine gemeinwohl-orientierte Wirtschaftsordnung zu entwickeln, die vom Volk als dem Souverän entschieden und schließlich in den Verfassungen verankert wird« (www.ecogood.org/de/vision/darum-gemeinwohl/). Als ein drittes Beispiel sei Premium-Cola genannt. Weil sich Konsumenten bei einer Rezeptumstellung von Afri-Cola 1999 beschwerten, aber nicht gehört wurden, haben sie selbst eine Cola-Marke mit dem ursprünglichen Rezept gegründet. Dieses Unternehmen verwirklicht eine Reihe von Ideen, um eine faire Produktion und einen fairen Handel zu gewährleisten. Zum Beispiel wurde das »Gewinnstreben auf Kosten anderer praktisch ausgeschlossen«. Hinter diesen Ideen »steckt eine Art grundsätzliches Hinterfragen der Arbeitsweise der gesamten Wirtschaft« (https://www.premium-cola.de).

Wirtschaft anders denken

Es ist von entscheidender Bedeutung, dass Schüler der Waldorfschulen ihre Schullaufbahnen nicht beenden, ohne sich mit solidarischen Wirtschaftsformen auseinandergesetzt zu haben. Dazu gehört auch, dass sie die Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus gedanklich durchdrungen haben. Aus diesem Grund gibt es in Ismaning bei München seit 2010 regelmäßig jedes zweite Jahr die Werkstatttage »Wirtschaft anders denken«.

In den Jahren dazwischen findet diese Veranstaltung an den anderen Münchner Waldorfschulen statt. Dabei kommen alle 11. und 12. Klassen zusammen, um sich mit einer bunten Mischung von Fachleuten über unsere reale Wirtschaft und über Möglichkeiten, die Wirtschaft anders zu gestalten, auszutauschen. Die Erfahrung zeigt, dass die meisten Schüler an solchen Themen in hohem Maß interessiert sind. 2016 hieß das Thema »Das menschliche Maß in der Wirtschaft«. Dabei wurde von 270 Schülern mit großer Spielfreude und Kreativität in elf Spielgruppen ein Wirtschaftsspiel gespielt, welches vom Verfasser in Zusammenarbeit mit der Projektgruppe »Wirtschaft anders denken« jüngst entwickelt worden ist. Im Kern geht es darum, am Beispiel eines fiktiven neu eingerichteten Wochenmarkts in drei Spielrunden jeweils die Gesetzmäßigkeiten der Marktwirtschaft und Planwirtschaft zu erleben und zu reflektieren, um dann in der letzten Spielrunde zu versuchen, einen asso­ziativ eingerichteten Wochenmarkt zu gestalten.

Die Schüler können dabei neben einem rein gedanklichen Durchdringen vor allen Dingen zu Erlebnissen kommen, wie das gegenseitige Wahrnehmen und Sich-Austauschen von Konsumenten, Händlern und Produzenten solidarisches Handeln im Wirtschaftsleben fördert (www.wirtschaft-anders-denken.de).

Waldorfschulen sollten sich mit der Dreigliederung des sozialen Organismus beschäftigen, welche für Rudolf Steiner eine Herzensangelegenheit war, und aus der sie überhaupt ihre Existenz herleiten.

Zum Autor: Dr. Klaus Weißinger ist Oberstufenlehrer an der Rudolf-Steiner-Schule Ismaning für Deutsch und Geographie, hat 2015 über Goethes »Faust« promoviert, ist tätig in der Lehrerbildung, Mitinitiator von »Wirtschaft anders denken« und Initiator des »FAUST-Festivals Ismaning«.

Literatur: R. Steiner: Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft, Dornach 1991; J. Mosmann: Rudolf Steiner – Wirtschaft und soziale Dreigliederung im Lehrplan der Waldorfschulen. Institut für soziale Dreigliederung, Berlin 2013; T. Richter: Pädagogischer Auftrag und Unterrichtsziele – Vom Lehrplan der Waldorfschule, Stuttgart 2016

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