Nahweh

Von Mathias Maurer, Juli 2017

Wir sitzen auf unseren Koffern. Der Flug hat Verspätung. Menschenmassen an den Terminals und Sicherheitskontrollen. Die Kinder schauen dem Treiben zu.

Rollierende Werbung für Fernreisen an den Wänden. Lena spricht mich an: »Warum tut fern weh?«. Sie muss das irgendwo gelesen haben. »Ist das wie beim Zahnarzt?«. – »Was tut weh beim Arzt?«, auch der kleinere Bruder meldet Interesse an. »Gemeint ist, dass ein Mensch sich so nach fernen Ländern sehnt, dass es ihm schon fast weh tut, so wie beim Heimweh, nur umgekehrt, wenn man weit weg ist von zu Hause«, antworte ich. Doch die Erklärung ist nicht ausreichend: »Tut nah dann auch weh?« – »Ja, das kann sein, wenn man Sehnsucht nach jemandem oder etwas hat.« – »Komisch, warum will man dann immer gerade dort hin, wo es weh tut?«, ist die prompte Rückfrage. Ich überlege ein bisschen, da fällt mir ein Lumpenlied aus dem Elsaß ein und ich singe auf Allemannisch: »Dr Hans im Schnokeloch geht ahna, wo er will, Un wo er isch, do blibt er nit, Un wo er blibt, do gfallt's ihm nit, Dr Hans im Schnokeloch geht ahna, wo er will« und füge erklärend an: »So ist das: Manche Menschen möchten immer das, was sie gerade nicht haben oder machen.« Das Lied vom Hans hat sechs Strophen und wurde zum Urlaubshit. –

Heute wird privat und geschäftlich viel gereist. Reise ist Ausdruck von Weltbürgertum, ein Blick in jede Launch reicht. So verschieden die Länder sind, die Reisestationen und -unterkünfte ähneln sich, wie die internationalen Handelsketten. Man ist im globalen Dorf überall zu Hause. Erst jenseits davon und abseits der touristischen Pfade und Sightseeing-Touren eröffnen sich individuelle Zugänge und Begegnungen.

Auf die Reise begeben kann man sich überall hin, heißt es doch, sich einfach in Bewegung zu setzen: Nach außen, in die nähere Umgebung zu Fuß, per Fahrrad, Auto oder Flugzeug. Oder nach innen zu sich selbst – vielleicht die abenteuerlichste Reisevariante, denn sie spiegelt all die Reisen, die uns auf abgrundtiefe Berggipfel oder in knochentrockene Wüsten und zu der Erkenntnis führen: »Diese Reise ist nichts als mein Traum« (André Gide).

Entscheidend für die Reisequalität ist das Tempo, denn es bestimmt den Wahrnehmungsmodus:

Je schneller und weiter, desto oberflächlicher und punktueller, je langsamer und näher, desto tiefer und kontinuierlicher – letzteres ist eindeutig kindgemäßer, aber hilft auch manchem gestressten Erwachsenen, wieder auf den Boden zu kommen und zu entschleunigen, wenn er Land und Leuten mit ihren Geschichten und ihrer Kultur direkt begegnet.

Wie eine Reise um die Welt, die Urian nicht weiter »verzählen« soll, ausgehen kann, schildert Matthias Claudius: »Und fand es überall wie hier, fand überall ein’n Sparren, die Menschen grade so wie wir, und eben solche Narren!« Dann sind wir doch fürs »Nahweh«.