Schatten-Ich

Von Mathias Maurer, April 2017

Hackerangriffe nehmen massiv zu, auf Einrichtungen wie die Bundesregierung, Banken, den Bund der Freien Waldorfschulen, den Verlag Freies Geistesleben und die Redaktion Erziehungskunst. Diese unternehmen Einiges und Kostspieliges, um sich zu schützen – und hinken immer hinterher, denn einen totalen Schutz gibt es nicht.

Private Daten sind noch viel weniger geschützt, wollen doch die meisten
Anbieter mit ihnen Geld verdienen. Ihr Schutz geht gegen null. Man spricht von der zukünftigen Währung in Datenform.

Die Didacta, die »größte Fachmesse für Bildungswirtschaft in Europa«, fand unlängst in Stuttgart statt und wieder ist das Topthema die Digitalisierung des Lernens. Ich traf dort den Bildungsjournalisten Reinhard Kahl in der Nähe des Waldorfstandes und er sagte: »Ist das nicht eine Zombie-Veranstaltung?« Auch andere wehren sich gegen eine zunehmende Digitalisierung der Bildung. So der bekannte Ulmer Hirn­forscher Manfred Spitzer auf dem Kongress der Waldorfkindergartenvereinigung im vergangenen Herbst in Hannover, denn die propagierte Digitalisierung von Bildung sei das Gegenteil von Bildung, weil sie die neurobiologischen Bedingungen des Lernens ignoriere – ja, außer Kraft setze. Auch der Bund der Freien Waldorfschulen hält dagegen, denn dass der Einsatz von Digitaltechnik herkömmlichen analogen Unterrichtsformen überlegen sein soll, ist in keiner einzigen empirischen Studie nachgewiesen worden. Vielmehr müssten Lernstoff und Methodik dem Alter der Kinder angepasst werden. Mit dem Motto: Digitale Kompetenz und Medienmündigkeit wird durch frühe Abstinenz erreicht (Edwin Hübner), läuft er nicht nur dem Mainstream komplett entgegen, widersteht den Lockungen von Wankas Milliardeninvestitionen, sondern sieht sich auch dem Vorwurf der Technik- und Fortschrittsfeindlichkeit ausgesetzt. Doch das hat einen einleuchtenden Grund: Der kritische Umgang mit digitalen Medien bedarf als Voraussetzung Kenntnisse und Fähigkeiten, die gerade nicht der digitalisierten Welt entstammen. Bestätigung findet Waldorf auch in Untersuchungen der Bildungsforscherin Paula Bleckmann, die vor allem die kommerziellen Interessen und ihre (scheinbar pädagogischen) Argumentationen analysiert. Denn diese sind daran interessiert, dass unsere persönlichen Datensätze im Netz weiter exponenziell anwachsen.

Bildung 4.0. sorgt dafür, dass über Spielzeug und Lernprogramme, Online-Tests und Online-Prüfungen unsere Lernschritte minutiös dokumentiert werden und Anschluss an unseren weiteren privaten und beruflichen Werdegang gewinnen. Der Preis der Privatisierung und Kommerzialisierung von Bildung ist der Verlust unserer Privatsphäre.

»Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren«, schreibt der Wiener Philosophie- und Ethikprofessor Konrad Paul Liessmann, »dass es manchen nicht schnell genug gehen kann, bis die jungen Menschen jede Form des Denkens, Fühlens und Handelns, die nicht von den Algorithmen der Internetkonzerne bestimmt ist, nicht nur verlernt, sondern erst gar nicht gelernt haben und dadurch in jeder Hinsicht von ihren
Geräten abhängig werden.«

Wir treten dafür ein, dass dieser Zustand nicht eintritt und verweisen an dieser Stelle nochmals auf die Online-Petition gegen eine Digitalisierung der frühen Kindheit: www.waldorfkindergarten.de