Sex ≠ Gender

Von Mathias Maurer, Juni 2017

Mein erstes Gender-Erlebnis hatte ich im Schwimmbad.

Simon (3) sprang nackig herum, seine beiden älteren Schwestern hatten einen Bikini an. Simon wollte partout auch ein Oberteil haben. So geschah es. Stolz präsentierte er sein Outfit. Wenig später kam ein etwas älteres Mädchen vorbei, blieb wie ange­wurzelt vor ihm stehen, musterte ihn schweigend und konzentriert eine ganze Weile und ihr Blick ging langsam von oben nach unten und von unten nach oben und zurück. Schließlich brach aus ihr die Frage hervor: »Bist Du ein Junge oder ein Mädchen?« – Ein Erlebnis, das wie eine unschuldige Metapher für unser Heftthema erscheint.

Judith Butler, eine durch ihr Buch »Gender Trouble« bekannte Feministin und Philosophin der Gender-Theorie an der University of California, lehnt die Trennung von Sex – dem biologischen Geschlecht – und Gender – dem sozialen Geschlecht – ab. Denn diese Unterscheidung ginge bis auf die von Descartes begründete philosophische Auffassung zurück, dass Körper und Geist getrennte Dinge seien. Nach Butler sei aber das soziale Geschlecht ebenso eine Konstruktion wie das biologische, nur die körperlichen Möglichkeiten seien andere, die ihrerseits wieder kulturell interpretiert würden. Dabei würde besonders die Macht der Sprache eine nahezu handlungsmäßige Qualität annehmen und soziale Tatsachen schaffen. Damit macht Butler darauf aufmerksam, wie unsere Geschlechtsidentität sozial und sprachlich bis in unsere Leiblichkeit hinein definiert und tradiert wird.

Andererseits: Weiblich heißt ja nicht Frau und männlich nicht Mann. Als seelische Qualität besitzt Weiblichkeit auch ein Mann und Männlichkeit eine Frau. Schließlich: Geistig betrachtet gibt es überhaupt keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern. So gilt es die menschlichen Ebenen in Bezug auf die Geschlechtlichkeit doch differenziert zu betrachten. Einer seelischen Disponiertheit muss nicht eine Geschlechtsumwandlung, einer männlichen Handlung nicht per se der Vorwurf des Chauvinismus folgen.

Die Frage nach der eigenen geschlechtlichen Identität muss jede und jeder selbst beantworten. Hat man sie gefunden, sollte Toleranz sowohl gegenüber den damit verbundenen Selbst- als auch Fremderwartungen walten, auch die Akzeptanz begrenzter Verständnismöglichkeiten anderer, solange sie die Grund- und Menschenrechte nicht verletzen. Da hilft der moralische Zeigefinger – »Was, Du bist Gender-Gegner« –, wenn das geschlechtsneutrale Toilettenschild nicht mehrheitsfähig ist, nicht viel weiter. Minoritätenschutz ist ein Kulturgut, aber die Mehrheit bedarf ihn in dieser Frage nicht.

Besonders sensibel ist die Genderfrage im schulischen Kontext zu behandeln, da die geschlechtliche Identität der Kinder und Jugendlichen sich in einem Entwicklungs- und Findungsprozess befindet, der gleichermaßen freilassend und führend pädagogisch begleitet werden sollte. Denn fremd wird uns das Anderssein nur durch innere oder äußere Verweigerung, diese Entfaltungsräume nicht zur Verfügung zu stellen – unabhängig davon, ob Sex und Gender, gefühltes und biologisches Geschlecht zur Deckung kommen oder nicht.