Tue Muße

Von Mathias Maurer, Mai 2017

Man denkt heute gleich an Müßiggang, an Nichtstun, Faullenzen und Drückebergerei.

Dabei bedeutete Muße bei den alten Griechen noch das Gegenteil, nämlich Schule (scholé) und im früheren Hochdeutsch, sich freie Zeit, angemessene Gelegenheit oder Spielraum geben (muoza, muoaze). Ursprünglich hieß muezen (müssen) sinngemäß, ich gestalte selbst und gebe meinem Tun und Lassen Sinn und Richtung. Heute müssen wir meistens und sagen, es ist etwas müßig oder überflüssig, wenn wir nicht müssen.

Der Philosoph Karl Jaspers schrieb: »Zum Studieren und Forschen gehört Muße. Zur Muße gehören Mittel, die zumeist nicht zugleich durch eigene nützliche Arbeit erworben werden können.« Man sieht: Der alles durchdringende Nützlichkeitsgedanke wird zum Erzfeind der Muße. An der Entwicklung dieses Wortes – von freier bewusster Tätigkeit zu äußerem Zwang – ließe sich eine kleine Kulturgeschichte nachzeichnen.

Gisela Dischner, Literaturwissenschaftlerin und Autorin von »Wörterbuch des Müßiggängers« rehabiliert den malträtierten Begriff: Muße ist heitere, spielerische Gelassenheit; sie vollzieht sich in einem Spannungsfeld zwischen Konzentration und Entspannung. Und der Lebenskunst-Philosoph Wilhelm Schmid rät: Nur in Mußestunden, die nicht langweilig sind, aber in denen ich lange weilen kann, die immer leerer und leiser werden, findet meine innere Stimme wieder Gehör. Muße schafft Freiraum für Produktivität, neue Ideen und kreative Lösungen, sie ist Quelle aller Kultur und Kunst. Selbst der liebe Gott unterbrach in der Schöpfungsgeschichte sein Schaffen und sah, es ist gut.

»Ist die Faulheit mit Trägheit verschwistert, so die Muße mit Munterkeit. Sie äußert sich in Bewegungsfreude, Erkenntnisfreude, Forschungsdrang«, zu diesem Ergebnis kamen die Kunstgeschichtlerin Viola Vahrson und der Philosoph Hannes Böhringer in ihrem Forschungsprojekt »In den Architekturen des Alltags: Gewohnheit, Faulheit, Muße«. Muße ist also nicht das Gegenteil von Arbeit, ist nicht Freizeit, sondern eine Lebenshaltung.

Doch diese will gelernt sein, denn sie ist weit davon entfernt, nutzlos, ohne vordergründig nützlich zu sein: Indem ich lerne, gegenwärtig zu sein, wahrnehmend, sinnend, reflektierend. Nicht von ungefähr gibt es ein laufendes interdisziplinäres Forschungsprojekt an der Universität Freiburg, das sich unter anderem mit dem Thema »Muße im schulischen Kontext« (www.sfb1015.uni-freiburg.de) beschäftigt und den negativen Auswirkungen von zunehmender Funktionalität, Beschleunigung und Leistungsdruck auf Gesundheit und Kreativität mit Achtsamkeitstraining entgegensteuern will, damit – so die Autoren – »Schule wieder mehr zu einem Ort der scholé wird«.

Es spricht vieles für eine Umwidmung des 1. Mai – dem Tag der Arbeit – zum Tag der Muße.