Wundersame Wege

Von Mathias Maurer, März 2017

»Warum leben wir eigentlich?«, fragt mich mein Jüngster. Wieder mal so eine unvermittelte Frage, die mich ins Stocken bringt. –

Der Sinn des Lebens? Das Ziel des Lebens überhaupt? Des Lebens eines Menschen? Soll ich mit irgendetwas Religiösem, einer Teleologie, einer Entelechie oder einer Geschichte aus der Bibel antworten? Völlig deplatziert erscheint mir, von irgendwelchen biologischen oder bio­chemischen Prozessen zu reden? – Die Frage kommt noch einmal. – Sollte ich sagen, weil Gott uns das Leben »eingehaucht« hat? So eine Antwort könnte komplizierte Nachfragen entlocken: Hä? Wie? Mund-zu-Mund-Beatmung? ...

Und wie kommt das Wunder des Lebens in unserer Schöpfung mit der menschengemachten Reproduktion in einer Petrischale zusammen? – Da kommt zum dritten Mal die Frage. – Ich antworte, ohne lange zu überlegen: »Wir leben, weil wir uns lieb haben.« – Es kam keine Rückfrage und er rannte wieder nach draußen.

Eine solche Antwort würde bei seinen älteren Geschwistern, die bekanntermaßen Mauseohren haben, nicht mehr akzeptiert und prompt kommt die Frage aus dem Nebenzimmer: »Aber wir haben uns doch nicht immer lieb? Wir streiten uns und viele Menschen hassen sich?« – Jetzt wird es also doch kompliziert und ich merke, es wird nicht auf die »richtige« Antwort ankommen, sondern auf eine, die der Fragende »versteht«.

Also, wie sieht der Weg aus von »Gott erschuf die Welt und den Menschen« bis zu der bewussten Frage nach dem Sinn des Lebens, die wohl jeder Mensch für sich selbst beantworten muss. Mir fallen die Morgensprüche ein, die an jeder Waldorfschule in der Unter- und Oberstufe rezitiert werden. Aber muss im Leben Liebe im Spiel sein, macht sie das Leben erst lebenswert und zu einem Wunder? Man denke nur an Social Freezing und die Allmachtsphantasien der Transhumanisten, wo das Leben, seines Wunders beraubt, technisch machbar wird.

Ich sinne weiter: Ist der Sinn des Lebens, dass wir lieben lernen? Liebe kann sehr egoistisch sein, ich kann mich selbst zum »Objekt« meiner Liebe und meines Lebens machen. Erwache ich für ein anderes Lebewesen oder einen anderen Menschen, wächst und belebt sie mich, ich gebe und erhalte Liebe, teile Leben. Doch auch hier kann das Wunder schwinden, wenn es sich nicht immer wieder zu neuen Horizonten aufschwingt. Diesen Weg der Liebe kann man als einen Weg beschreiben, der von einem Rinnsal der Zweiheit zu einem Fluss der Gruppenzugehörigkeit bis zu einem breiten Strom der Menschheitsliebe ansteigen kann. Aus der Antike überliefert kennen wir ihn als Eros, Philia und Agape. Die Wunder des Lebens liegen auf diesem Weg und warten auf ihre immer wieder neue Entdeckung.