Zeitgenuss

Von Mathias Maurer, Oktober 2017

Eltern, Erzieher und Lehrer wollen und erwarten etwas vom Kind. Sie stehen in einem fortlaufenden und teilweise paradoxen Prozess der Fürsorge, der Erziehung und Bildung.

Denn Ziel all ihrer Bemühungen soll doch sein, dass sich das Kind aus der anfänglich vollen Abhängigkeit schrittweise zu einer selbst­bestimmten freien Persönlichkeit entfalten kann. Wie soll ein heranwachsender Mensch aber zur Freiheit und Selbstbestimmung streben lernen, wenn er um sich her nur Abhängigkeiten und Bedingungen erlebt? Wenn Helicopter-Eltern seinen Entwicklungsdrang in gutgemeinter Fürsorglichkeit ersticken und gleich zu Schulbeginn nach dem Abitur fragen, weil sie selbstverständlich nur das Beste für ihr Kind wollen, wenn Lehrer das Spiel Bildung gleich bessere Berufschancen durch Auslese mitmachen? 

Rudolf Steiner machte sich mit der Begründung der Waldorfschule frei von solchen Äußerlich­keiten. Entscheidend ist die innere Haltung des Erziehers. Er fasste sie in den sogenannten drei goldenen Regeln zusammen, die kaum aktueller sein können: »Das Kind in Ehrfurcht aufnehmen / In Liebe erziehen / In Freiheit entlassen.« Konkret heißt das: Sich die Ehrfurcht vor dem ungezogenen Kind bewahren, nicht die Liebe zu verlieren, wenn es sich daneben benimmt, es ziehen zu lassen, wenn es den Ruf der Welt vernimmt.

Denn was sich unabhängig vom Alter des Kindes, seiner sozialen Umgebung und den zivilisatorischen Begleiterscheinungen als zentrale erzieherische Voraussetzung erweist, ist die Fähigkeit, in den sehr unterschiedlichen Begegnungsformen mit dem konkreten individuellen Kind die innere anerkennende Beziehung zu ihm zu halten. Eltern, Erzieher und Lehrer müssen deshalb mitwachsen mit dem Kind – mitwachsen mit seinem Alter, seiner sozialen Umgebung und der Zeit, in der sie gemeinsam stehen. Sie erziehen sich quasi selbst mit. Was einmal die richtige erzieherische Maxime war, wird wenige Jahre später sich als die falsche erweisen, was für das eine Kind die richtige erzieherische Maßnahme war, kann die falsche beim anderen sein. Erziehung verträgt keine pädagogischen Rezepte. Sie muss so beweglich und lebendig sein, dass die Beziehung zum Kind nie aufgekündigt wird. 

Eltern, Erzieher und Lehrer können dafür nur günstige Rahmenbedingungen schaffen, indem sie Menschen der Freiheitsliebe, der »Initiative im großen und kleinen Ganzen« sind, Interesse haben »für alles weltliche und menschliche Sein«, »nie einen Kompromiss schließen mit dem Unwahren« und schließlich, aber vielleicht am wesentlichsten, in all unseren Erziehungsbemühungen »nicht verdorren und nicht versauern« (Steiner). 

Das heißt, wem die Freiheit zu ungemütlich, Initiative zu anstrengend ist, wer faule Kompromisse schließt und Humor nicht verträgt, wird sich schwer tun, mit Kindern und jungen Menschen zusammen zu leben und zu arbeiten. Wem es gelingt, sich vorbehaltlos auf sie einzulassen, ohne sie nach seinen Vorstellungen beeinflussen zu wollen, kann gar nicht anders: Er wird zum Zeitgenossen. Die Kunst ist, diese Zeitgenossenschaft im Vertrauen auf ihre eigenen Zukunftskräfte mit ihnen genießen zu lernen.