Ein Arbeiter am Menschen

Von Mathias Maurer, Mai 2014

Stefan Leber

Stefan Leber, heute 77 Jahre alt, wurde zwei Jahre vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in Stuttgart geboren. Er erinnert sich an die allgegenwärtigen Plakate: »Pst! Feind hört mit!«. Behinderte Kinder aus der Nachbarschaft wurden »abgeholt«, es gab Bezugsscheine, die Lebensmittel waren knapp, neben dem Einkommen des Vaters als Schlosser versorgte ein großer Garten die Familie.

Lebers älterer Bruder Christian starb mit fünf Jahren an Diphterie, ein Verlust den das kindliche Verständnis noch nicht begriff. Zu dem damaligen Freundeskreis gehört bis heute Leontine Schubert, die den jungen Stefan durch ihr Mitwirken im Opernorchester Zugang zu den damals seltenen Aufführungen ermöglichte. Schon als Kind besuchte Leber Mal- und Eurythmiekurse.

1944 wurde die Familie an der Brenz bei Bauern einquartiert, die sie als Nichtschwaben »am liebsten auf die andere Seite des Erdballs gewünscht« hätten. Die Verhältnisse waren unerträglich, doch musste man sich »arrangieren«, und der Siebenjährige erhielt einen gründlichen Einblick in die Landwirtschaft, die ihm wesentlich interessanter schien als sein städtisches Leben zuvor. Es wurden Bucheckern für Öl gesammelt, Pferde beschlagen, Arbeiten auf dem Feld und im Wald verrichtet. Mit dem Einmarsch der Besatzungssoldaten, als die wirtschaftliche Not am größten war, eröffnete sich ihm wiederum eine neue Welt, die ihm nahezu absurd vorkam: Er erlebte ausgelassene Menschen, die Kaugummis ver­schenkten und Boxkämpfe veranstalteten. Kurz nach Kriegsende kehrten die Lebers nach Untertürkheim zurück, der Vater wurde mit einer noch nicht verheilten Kriegsverwundung aus dem Krankenhaus entlassen. In der früheren Wohnung wohnte inzwischen eine andere Familie, doch man rückte zusammen, bis diese eine neue Bleibe gefunden hatte.

Im Sommer 1945 waren alle Schulen noch geschlossen. Die Waldorfschule Uhlandshöhe war zu großen Teilen zerstört. Doch schon im Herbst ging Leber zu Felix Goll, der mit den Kindern wegen einer Kriegsverletzung am Arm nochmals das Schreiben erlernen musste, in die dritte Klasse – und »es begann eine schöne Zeit«. Er war Schüler vieler bekannter Lehrerpersönlichkeiten der zweiten Generation und knüpfte lebenslange Freundschaften zu Mitschülern.

Arbeiter und Lehrer, Politiker und Philosoph

Mit sechzehn Jahren verließ Leber die Schule und machte eine Lehre als Klischeeätzer – ein Beruf der heute ausgestorben ist. Die Familie lebte in Marbach, wo sein Vater als Hausmeister am Schillermuseum arbeitete. Die Prägungen durch die einfachen Lebensverhältnisse und das proletarische Umfeld einerseits und die Begegnungen mit Anthroposophen, Wirtschaftsleuten, Priestern der Christenge- meinschaft andererseits, mit denen er Gespräche über neue Welt-, Gesellschafts- und Wirtschaftsordnungen führte, blieben ihm ein Leben lang erhalten. Nach der Lehre folgte ein Studium der Politologie in Berlin, wo er mit vielen Persönlichkeiten, die später die Waldorfschulbewegung prägten, wie Manfred von Mackensen oder Christoph Gögelein, zusammentraf. Es war die Zeit vor den großen Studentenunruhen, Leber erweiterte seine Studien auf Soziologie und Philosophie. In einer anthroposophischen Studentengruppe lernte er seine Frau Sigrid kennen, mit der er bald nicht nur die Leidenschaft für Opern teilte. In der Staatsoper begegnete er seinem verehrten Lehrer Ernst Weißert – nicht ahnend, dass er Jahre später in seine Fußstapfen treten sollte.

Nach dem Studium hätte er bei der Deutschen Bank anfangen können, stattdessen besuchte er wie seine Frau das Dornacher Lehrerseminar und arbeitete danach an der Pforzheimer Waldorfschule. Nach gutem Anfang kamen erste Krisen – »mir schien«, sagt er, »ich hätte den Beruf verfehlt« – doch das »regulierte« sich im Laufe der Zeit, nicht zuletzt durch eine Gruppe von Kollegen, die sich mit grundlegenden pädagogischen Fragen beschäftigte, unter ihnen Wolfgang Schad.

Zwischen 1965 und 1977 wurden sieben Kinder geboren, sechs Töchter und ein Sohn. Das Schulleben bot intensive, zum Teil heftige Auseinandersetzungen im Kollegium. Folgt man Lebers Erzählungen, kann man den Eindruck gewinnen, dass solche Persönlichkeiten heute ausgestorben sind. Trotz mangelnder Lehramtsprüfung wurde Leber als Prüfer im Abitur zugelassen und erlebte manche Farce staatlichen Abschlussgebarens. Als der Geist Rudi Dutschkes auch die Pforzheimer Oberstufenschüler erreichte, führte Leber mit seinem Kollegen Schad Schülernachmittage zu Fragen der Anthroposophie ein, unter den Schülern war Bernd Ruf, der später entscheidende Aufgaben bei den Freunden der Erziehungskunst Rudolf Steiners übernehmen sollte und heute in internationalen Einsätzen traumatisierten Kindern in Kriegs-, Natur- oder Flüchtlingskatastrophen hilft.

»Lex Waldorf« und verduftender Geist

In den 1970er Jahren errang Leber zusammen mit Günter Altehage und Manfred Leist bildungspolitische Durchbrüche auf Landesebene. Die »Lex Waldorf« hat bis heute Bestand und regelt die Gleichwertigkeit der Waldorfschulen als Ersatzschulen in den Punkten Abschlüsse und Lehrplan. Neben pädagogischen und schulpolitischen Aufgaben widmete er sich der Förderung und Weiterentwicklung der anthroposophischen Sozialwissenschaften. Er publizierte weit über zwanzig Titel zu allen gesellschaftlich relevanten Themen – zur Pädagogik und Menschenkunde, zur Sozialgestalt der Waldorfschule, zur Staats- und Wirtschaftsordnung, zu Reinkarnation und Karma, bis hin zu einem kommentierten Werk über das »Vater Unser« von Cieszkowski oder über die Atomtechnik.

Verstärkt wurde Leber in Stuttgart tätig, er wurde Mitglied im Vorstand des Bundes der Freien Waldorfschulen, Dozent am Lehrerseminar, wo er mit Ernst-Michael Kranich, Olaf Oltmann und Wolfgang Schad zusammenarbeitete. Damals waren die Verhältnisse personell und von der Größe der Schulbewegung her gesehen noch überschaubar. Jeder kannte jeden.

Doch nach der Aufhebung des Gründungsstopps, der wegen Lehrermangel verhängt worden war, erlebten die Waldorfschulen ein rapides Wachstum. Rasch war die Zweihunderter-, weltweit die Tausendermarke überschritten. Mit dem Wachstum änderten sich auch die Führungsstrukturen innerhalb des Bundes der Freien Waldorfschulen. Die regionalen Verantwortlichkeiten nahmen zu, die geistige »Leuchtturm«-Funktion Stuttgarts nahm ab, die Geschäftsstelle des Bundes nahm immer stärker einen  verwaltenden Charakter an. Die charismatischen Persönlichkeiten, die gleichzeitig die Waldorfpädagogik und Anthroposophie repräsentierten und öffentlich dafür eintraten, verschwanden. »Der Geist ist verduftet«, bedauert Leber, und verweist auf das zunehmende Komfort- und Anspruchsdenken der heutigen Kollegen. Statt dass sich jeder einzelne Lehrer als pädagogischer Unternehmer verstehe, grassiere die Arbeitnehmermentalität. Heute werde Masse verwaltet, nicht mehr für Ideen gekämpft.

Es mangele an enthusiastischem Einsatz nicht nur für die pädagogischen, sondern auch die gesellschaftlichen Fragen der Waldorfpädagogik. »Dass man den wissenschaftlich-akademischen Kram nachmachen will – damit ist man auf dem falschen Dampfer, denn er hat kein ideelles Gegengewicht«, resümiert Leber. »Die Waldorfschulbewegung befindet sich auf einer Durststrecke«, denn es fehlen die geistigen Impulse.

Lebers pausenloser Einsatz wurde durch einen Schlaganfall jäh gestoppt – ein Schicksalsschlag, der ihn nicht nur körperlich, sondern auch seelisch hart traf. Er musste sich innerlich regelrecht umkrempeln. Sein Lebensraum konzentriert sich seither auf die Familie mit vielen Kindern und Kindeskindern, was ihm als ausgeprägtem Familienmenschen schon immer lag.

Leber prägte die Waldorfschulbewegung wie kaum ein zweiter. Seine Kurse im Seminar waren unverwechselbar, seine Vorträge und Beiträge auf den vielen Tagungen des Waldorfbundes humorvoll, anekdotisch, weltoffen. Auch schlummerte in seinem gemütlich-phlegmatischen Wesen ein gelegentlich ausbrechender heiliger Zorn. Aber der Rauch verzog sich immer schnell, nachtragend war er nie.

Mir erscheint er wie ein Geistesarbeiter in Hemdsärmeln, der die Welt in ihren mannigfaltigen gesellschaftlichen Bezügen verstehend durchdringen und gestalten will – fern von jeglichen akademischen Eitelkeiten.

Buchhinweis: Stefan Leber, Ein Leben für die Waldorfschule. Autobiografische Skizze, geb., 286 S. mit zahlreichen Schwarz-weiß-Photos, EUR 22,–, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2013

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