Lichtbild-Künstlerin

Von Ute Hallaschka, Mai 2017

Ich kann mich noch gut erinnern an mein Staunen, als ich »Guten Morgen, liebe Kinder«, den ersten Teil der Langzeitdokumentation über Waldorfschüler, von Maria Knilli im Fernsehen (BR) sah. Wie schafft es jemand, so zu drehen, dass der technische Vorgang förmlich verschwindet? Als wäre keine Kamera am Werk, sondern ein Zauber, der den Zuschauer unmittelbar ins Geschehen versetzt?

Gleichgewichtsübung im »bewegten Klassenzimmer«

Maria Knilli bringt das Geheimnis gleich humorvoll auf den Punkt: »In der Aufnahme der Wirklichkeit des anderen möglichst so unauffällig zu werden wie ein Blumentopf«. In der Tat ein Kunstwerk: die eigene Konzeptionskraft so selbstlos und empfänglich zu halten, dass sie tatsächlich den anderen bezeugt – eigentlich das Anliegen und Herzstück der Waldorfpädagogik. Nun steht das Projekt vor dem Abschluss. Der dritte und letzte Teil »Auf meinem Weg, Siebte und achte Klasse in der Waldorfschule« ist abgedreht. Er wird auf dem renommierten DOK.fest in München gezeigt und im dritten Programm des Bayerischen Rundfunks ausgestrahlt. Schließlich handelt es sich um eine Auftragsarbeit des Senders.

Diese einzigartige Produktion ist eine Ausnahme im Filmgeschäft. Die Regisseurin hat dem Projekt zwölf Jahre ihres Lebens gewidmet. Ganz konkret im Alltagsablauf jeden Monat rund eine Woche in der Schule in Landsberg am Lech verbracht. Darüber hinaus erscheint darin eine Schnittmenge ihrer eigenen Biographie. Als Kind wollte Knilli Schauspielerin werden. Das lag vielleicht daran, dass ihr Schulkamerad Ulrich Matthes war, – der bekannte Schauspieler wurde schon in der Grundschule zum Filmstar. Das Motiv des »Fernsehens« als weit zielende und treffende Bilderbewegung begleitete sie von Anfang an. Damals steckten die Flimmerkisten noch in den Kinderschuhen. Als hätte sie geahnt, was ein halbes Jahrhundert später Wirklichkeit ist.

Von der Mutter, der Psychologin Monika Kraker-Rülcker  (lange in der Erwachsenenbildung tätig, später als Psychotherapeutin selbstständig) bekam Maria zum sechsten Geburtstag eine zweiäugige Spiegelreflex-Kamera geschenkt. Maria inszenierte ihre Puppen vor der Kamera und lichtete Eltern und Geschwister auf Reisen ab.

Aber zunächst trat die Musik in ihr Leben. Als Preisträgerin im Wettbewerb »Jugend musiziert« erwog sie ein Musikstudium für Blockflöte. Dann kam die Pubertät und mit ihr die Idee des Fernsehjournalismus. Die Familie, ursprünglich aus Graz stammend, lebte seit 1962 in Westberlin. Dort war der Vater, Friedrich Knilli, Ordinarius für Allgemeine Literaturwissenschaft und Begründer des neuen Faches Medienwissenschaft. Als Maria 15 war, zog die Familie für ein Jahr nach Kalifornien. Man hat sofort ein Strandbild vor Augen. Aber das Meer lag nicht so nah, südlich von San Diego sieht man die Jugendliche hoch oben über dem Canyon sitzen, wie ein Indianer auf Initiationsreise. Die Einsamkeit, sagt sie, tat ihr gut.

Nach der Rückkehr bis zum Abitur 1977, blieb es beim Fernsehvorhaben. Eine neue Wende erfolgte durch den Vater. Er riet dazu, nicht gleich von der Schulbank ins Studium, sondern erst einmal ins Leben zu gehen. So fand sich Gelegenheit zum nächsten Schritt ihrer technischen Schulung. In Graz, ihrer Geburtsstadt, begann sie mit 18 Jahren als Reporterin in der Lokalredaktion der Tageszeitung »Neue Zeit«. Damals ein Handwerk, das man von der Pike auf lernen konnte. Nach zwei Jahren bot man ihr eine Redakteursstelle an. Hier wäre eine biographische Abzweigung gewesen, doch Knilli blieb ihrem ursprünglichen Impuls treu. Sie nahm an der Münchner Hochschule das Studium für Dokumentarfilm und Fernsehpublizistik auf. Hier entdeckte sie bald ihre Vorliebe für den Spielfilm: eigene Welten kreieren und mit Schauspielern erschaffen. Für ihren ersten abendfüllenden Spielfilm »Lieber Karl« erhielt sie den Bundesfilmpreis (damals Deutscher Filmpreis) für die Regie und stand plötzlich mit 26 Jahren auf dem roten Teppich in Cannes. In der Folge erarbeitete sie sich die verschiedenen künstlerisch-technischen Terrains. Als Moderatorin für den Bayerischen Rundfunk (Kindersendung »Da schau her« und »Kino Kino«), als Regisseurin für Fernsehformate (u.a. »Tatort« und »Polizeiruf 110«), sowie als Autorenfilmerin. Dann kam die Theaterdekade. Sie führte Regie und inszenierte an Bühnen in Erlangen und München, dazu verfilmte sie Theaterinszenierungen. TV-Aufnahmen u.a. von Dieter Dorns legen­dären Arbeiten an den Münchner Kammerspielen. Was sie am Theater fasziniert, beschreibt Knilli als »Zeit für Prozesse und Lernen durch Beweglichkeit der Einfälle«. Eine Theatervorstellung vor Publikum muss über die Nachhaltigkeit künstlerischer Ressourcen verfügen. Dazu muss ein Fundament geschaffen werden, dass die eingespeisten Energien jederzeit reproduzierbar macht. Jeden Abend vital verfügbar, auferstehend, neu auf der Bühne erscheinend.

Mit dem neuen Jahrtausend erfolgte die nächste Lebenswende. Maria Knilli ist inzwischen Mutter einer Tochter, dazu schon seit vielen Jahren als Gastdozentin an den Filmhochschulen in Ludwigsburg und München tätig. Von beiden Seiten stellt sich die Frage: Was macht eigentlich im Innersten einen gelingenden Lernprozess aus? Damit ist ein neues Motiv gefunden, das zugleich an ihre eigenen Anfänge als Dokumentarfilmerin anknüpft. Die nun vorliegende Trilogie über eine Waldorfschulklasse könnte man nennen: eine Besichtigung der lernenden Seele.

Es war ein weiter Weg, bevor das Projekt der Dokumentation von acht Jahren Waldorfschulzeit überhaupt beginnen konnte. Ein Vorlauf von Jahren, inklusive eines ersten Fehlstarts. Als erstes und wichtigstes war die Vertrauensbildung zwischen allen Beteiligten – Eltern, Kollegium und Kindern – nötig. Als zweites die Treue über Jahre gemeinsam aufrecht zu erhalten. Das ist nicht hoch genug zu schätzen und zu würdigen! Dank schuldet man allen – ein paar Namen seien stellvertretend genannt. Wesentlich zum Gelingen beigetragen hat einer der Gründungslehrer der Landsberger Schule, Michael Vilser, und die Klassenlehrerin Christiane Umbach. Wie viele Gespräche in diesen acht Jahren wohl nötig waren, kann man nur ahnen, Arbeitskreise aus Eltern und Lehrern begleiteten das Projekt über den ganzen Zeitraum. Liebenswert bis ins Detail lässt sich die künstlerische Handschrift der Regisseurin charakterisieren. Im Pressetext sind die Schüler nicht als Darsteller oder Mitwirkende, sondern als Mitschaffende bezeichnet – »Ein Film von …«, es folgen ihre Namen. Wie sehr sich das investierte Vertrauen in diese außergewöhnliche Idee und ihre Realisation gelohnt hat, das lässt sich erleben und nachvollziehen von jedem Zuschauer. Wem dabei nicht der Verstand zu Herzen geht – der hat keinen zu verlieren. Alle anderen können sich freuen.

Premiere von »AUF MEINEM WEG«: 32. DOK.fest München, Mittwoch, 10.5.2017, 18 Uhr, Hochschule für Fernsehen und Film, Kino 1, Bernd-Eichinger-Platz 1, 80333 München.

Infos zum Film: www.guten-morgen-liebe-kinder.de/auf-meinem-weg

Sendetermine: Guten Morgen, liebe Kinder – Die ersten drei Jahre in der Waldorfschule, BR Fernsehen, Dienstag, 9.5.2017, 22:30h | Eine Brücke in die Welt – Vierte bis sechste Klasse in der Waldorfschule, BR Fernsehen, Dienstag, 9.5.2017, 24:00h | Auf meinem Weg – Siebte und achte Klasse in der Waldorfschule, BR Fernsehen, Dienstag, 16.5.2017, 22:30h

Zur Autorin: Ute Hallaschka ist freie Autorin

Kommentare

Für diesen Artikel wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Kommentar hinzufügen


* Diese Felder müssen ausgefüllt werden.