»MitMachMusik« für geflüchtete Kinder und Jugendliche

Von Sibylla Hesse, April 2017

Marie Kogge ist Geigerin und leitet das Orchester an der Waldorfschule Potsdam. Sie ist eine der Initiatorinnen des Projekts »MitMachMusik«. Geflohene Kinder können dort gemeinsam musizieren, spielen, tanzen, lauschen und Deutsch lernen – und vielleicht einen Teil ihrer Sorgen vergessen.

Fotos: © Christophe Gateau

Knapp 20 Kinder und Jugendliche wuseln durch den großen Raum in der Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge. Gitarren werden aus der Hülle genommen, Geigen und Celli gestimmt. Marie Kogge begrüßt alle mit Namen, schaut nach den Instrumenten, lobt die Notenblätter, die die Kinder ausgemalt haben. Zum eigentlichen Beginn stellen sich alle in die Runde und musizieren ein kleines Begrüßungslied. Mahmud trommelt leise den Rhythmus. Dann folgt ein syrisches Vogellied: »Flatter – pick – pick« – die Kinder erleben den Unterschied von Viertel- und Achtelnoten durch die Vogelbewegungen, die sie freudig nachahmen. Mit einfachen Worten und vielen Gesten zeigt Marie Kogge nochmal, wie man die Geige hält. Auf Plakaten hat sie einfachste Stimmen der Stücke notiert. Eine Assistentin zeigt auf die Note, die gerade dran ist. Oder sie hält bunte Tücher in die Luft, die die Töne markieren: Denn jedes Instrument trägt einen farbigen Punkt an jeder Saite.

Eine Zwölftklässlerin engagiert sich im Rahmen ihrer Jahresarbeit: Sie kniet zwischen drei vielleicht achtjährigen Mädchen und unterstützt deren Geigenspiel mitsingend. Vor kurzem kam ein Junge dazu, der bereits in Syrien Geigenunterricht hatte und die extra für ihn geschriebene, schwerere Stimme vom Blatt spielen kann. Mit ihm spricht man Französisch, da er noch kaum Deutsch versteht.

Geschickt macht Marie Kogge in der Wiederholung das Leise-Spielen erfahrbar. Die meisten begnügen sich noch mit leeren Saiten, aber je nach Vermögen wird diesem oder jener schon gezeigt, wie man weitere Töne spielen kann. Etwa acht Erwachsene und deutsche Schülerinnen sind im Raum, die unterstützen, helfen, gefragt werden können. Sobald jemand etwas erlernt hat, darf er allein vorspielen und erntet Lob von allen Seiten. So erleben die jungen Geflüchteten Selbstwirksamkeit – ein Grundbaustein für das Ergreifen ihres Lebens in der neuen Umgebung.

Geflüchtete Profi-Musiker einbinden

Marie Kogge hat einige ausgebildete Musiker und Musiklehrerinnen unter den Geflüchteten gefunden, die Kenntnisse und Freude einbringen. Mit den Lernenden verständigen sich diese Profis teilweise in deren Muttersprache und verstärken den Einzelunterricht.

Mehr noch: Mit ihrer außereuropäischen musikalischen Kultur bauen sie Brücken und bereichern uns! Überdies bedeuten die Musikstündchen für sie feste Termine in der Woche, wo sie ins deutsche Arbeitsleben eintauchen, dabei lehrend lernen und eine Art Normalität leben können.

Manche Kinder sind noch zu klein für ein Instrument. Sie tanzen im Rhythmus der Musik und werfen bunte Tücher in die Luft. Eine syrische Schauspielerin und Journalistin hat sich ihrer angenommen. Einem kleinen Mädchen legt sie eine Stola über die Schultern und so wird es zur »Goldenen Gans« aus dem Märchen, das die Kinder neulich im Film gesehen haben, an der viele Kinder »kleben bleiben«. Das macht das Aneinanderhängen der Töne deutlich, das Binden wird geübt – und bringt die Prinzessin zum Lachen: Ein breites Ha-Ha-Ha der Streicher rundet das Bild ab.

Bildhafter Unterricht, künstlerisch tätig sein, ermutigende Atmosphäre … – die Mittel der Waldorfpädagogik bewähren sich auch hier. Unter den Musizierenden sieht man ernste Gesichter mit starrem Blick. Was mögen diese Augen schon gesehen haben, vor und auf der Flucht? Solche Blicke aus leer wirkenden Augen kennt man sonst nur von älteren Zeitzeugen, die im Geschichtsunterricht von Haft und Folter im Dritten Reich oder der DDR berichten, also von schreck­lichen Erfahrungen.

Dann stupst das Nachbarkind oder eine Begleitperson lächelnd das apathisch wirkende Kind aufmunternd an und es geht weiter in der Melodie.

Heilende Freude, Anerkennung und Gemeinschaft

Es lässt sich nur ansatzweise erahnen, welche Traumata diese jungen Menschen mit sich herumtragen müssen. Man darf nicht so naiv sein, zu denken, mit ein paar netten Musikstündchen gebe sich das schon. Aber jene Atmosphäre der Freude, Anerkennung und Gemeinschaft tut den jungen Menschen sichtbar gut. Sie lieben Frau Kogge – oder Marie, wie sie überall gerufen wird – und ihr Team. Ihr Verein hat in vier Gemeinschaftsunterkünften in Potsdam und Berlin »Orchesterchen« aufgebaut. Das erfordert eine erhebliche Flexibilität, denn ständig kommen neue Flüchtlingskinder dazu, andere dagegen dürfen endlich in eine eigene Wohnung ziehen – und kommen trotzdem weiterhin. Wieder andere sind verschwunden, aber bringen ihr Instrument nicht zurück, das den regelmäßig Teilnehmenden nach einer gewissen Zeit zum Üben geliehen wird … Weitere Herausforderungen lauern überall.

Hier dürfen zwei Schwestern nicht mehr teilnehmen, weil ihr Vater das Musizieren plötzlich unmuslimisch findet, dort soll ein hervorragender afghanischer Tabla-Spieler abgeschoben werden.

Die deutsche Asylpolitik kommt an der Basis an und wirft den Menschen, die Angela Merkels »Wir schaffen das!« im Alltag Realität werden lassen wollen, Prügel zwischen die Beine. Jetzt muss man sich um Rechtsbeistand, Dolmetscher, Therapeuten kümmern, wo man doch eigentlich durch Freude am Musizieren nur das Ankommen in Deutschland begleiten wollte.

Waldorfschülerinnen und -schüler bringen Zeit mit und helfen ehrenamtlich. Sie hören sich Sorgen an, freuen sich an den Fortschritten, loben – oder beruhigen und trösten. Und sie verstärken den Klangkörper bei Auftritten mit dem Bundestagspräsidenten oder auf der EU-Konferenz »A Soul for Europe«. Außerdem bringen sie den Kindern und Jugendlichen en passant Deutsch bei, zum Beispiel, wenn das Musikstündchen mit einem Spiel wie »Kofferpacken« ausklingt.

Ich staune, wie Marie Kogge sowohl die sehr heterogene Gruppe im Blick hat, als auch die Einzelnen mit ihrer Mimik, Gesten oder Bildern ermutigt. Das Kind, das beim »Kofferpacken« als letztes in der Runde saß und Katze, Buch, Hund, Weihnachtsbaum, Cello und alle vorherigen Einzelheiten für die Reise rekapitulieren musste, fügte hinzu: »Und das Herz von Marie!« Um Instrumente kaufen zu können und dafür Spenden einzuwerben, wurde 2016 der Verein »MitMachMusik – ein Weg zur Integration von Flüchtlingskindern« gegründet. Er veranstaltet Benefizkonzerte etwa in der Berliner Philharmonie oder in Kirchen.

www.mit-mach-musik.de

Zur Autorin: Sibylla Hesse unterrichtet an der Waldorfschule Potsdam u.a. Geschichte und Projekt (Rhetorik, Politik, Kalligraphie, Philosophie, Lokalgeschichte)

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