Mr. Flo und der Fußball

Von Cornelie Unger-Leistner, Celia Schönstedt, März 2017

Ex-Waldorfschüler Florian Zech gründet Sozial-Unternehmen in Südafrika.

Foto: Mickey Wiswedel

Florian Zech (2. v. l.) bei der Eröffnung eines Safe-Hub-Centers, dem Stifter Oliver Kahn gewidmet. Foto: Mickey Wiswedel

Mitten im Township Khayelitsha das Fußballfeld von Amandla. Foto: Mickey Wiswedel

Florian Zech (30) aus Prien am Chiemsee wurde 2015 von Bundespräsident Joachim Gauck für sein gesellschaftspolitisches Engagement mit dem Bundesverdienstorden ausgezeichnet. Zech, Absolvent der Freien Waldorfschule in Prien, gründete als Zivildienstleistender 2006 Amandla, ein von der UN empfohlenes Bildungsprojekt in den Townships von Kapstadt.

Das Besondere an dem Projekt ist, dass es Fußball mit nachhaltiger Bildung für die benachteiligten Kinder und Jugendlichen der Townships verbindet und ihnen so wichtige Lebenschancen eröffnet. Das Wort Amandla kommt aus der Zulu- oder Xhosa-Sprache und bedeutet »Stärke«. Deutsche Spitzenfußballer wie Oliver Kahn und Philipp Lahm unterstützen das Projekt im Rahmen ihrer Stiftungen. Auch Michelle Obama war schon zu Gast, ebenso wie der Weggefährte von Nelson Mandela, Bischof Desmond Tutu.

Inzwischen profitieren über 6.000 Kinder und Jugendliche in Südafrika von dem von Amandla entwickelten Safe-Hub-Konzept, das Fair-play-Fußballspielen mit der Förderung von Sozialkompetenz, Hausaufgabenbetreuung und neuerdings auch mit staatlich anerkannten Ausbildungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten verbindet. Dazu gehören auch der Aufbau eines modernen Bildungszentrums samt Kunstrasenplatz.

Angefangen hat alles, als der Abiturient Florian Zech aus seiner bayerischen Idylle am Chiemsee nach Südafrika aufbrach. In einem Waisenhaus in Khayelitsha, dem größten Elendsviertel der Stadt, wollte er seinen Zivildienst leisten. Zech, inzwischen Co-Geschäftsführer von Amandla mit rund 75 Mitarbeitern in Südafrika, erinnert sich: »Das war schon ein gewaltiger Bruch in meinem Leben. Ich habe gemerkt, wie privilegiert ich da aufgewachsen bin in Oberbayern. Es war erschütternd, zu sehen, wie bereits die Kinder diesen gewalttätigen Lebensverhältnissen ausgesetzt sind. Die Jugendlichen in Khayelitsha hatten einfach keine Chance, mit 15 waren die Jungen in einer Gang und nahmen Drogen oder die Mädchen wurden schwanger. Ich dachte: da muss man etwas tun.«

Vor allem nach der Schule gab es kaum Beschäftigung und damit fing aus der Sicht von Zech, das Problem an. »Als ich merkte, wie sich um jeden Fußball, der irgendwo rumlag, sofort eine Traube von Kindern bildete, war die Idee geboren.« Zusammen mit den Jugendlichen entwickelte Zech das Fairplay-Modell, bei dem es Punkte für gutes Verhalten auch außerhalb des Fußballplatzes gibt. Ein Pilotprojekt entstand schon während der Zivildienstzeit.

Als Zech merkte, wie positiv die Jugendlichen auf sein Modell reagierten, suchte er Unterstützer und brachte Amandla auf den Weg. »Das ging nur, weil ich von Anfang an ein Netzwerk hatte, in Deutschland und in Südafrika, Mentoren, die an meine Idee und meinen Enthusiasmus glaubten und mich unterstützten, zum Beispiel Unternehmer in Deutschland und eine Wissenschaftlerin in Kapstadt.«  Es ist die märchenhafte Geschichte eines Start-up-Unternehmens, die aber nicht in der New Economy, sondern im sozialen Sektor spielt und auch mit einer globalen Vision verbunden ist: Alle Kinder und Jugendlichen sollen ihre Potenziale entfalten können, auch diejenigen in den Elendsvierteln der neuen Megastädte. Fragt man Florian Zech, der von den Kindern liebevoll »Mr. Flo« gerufen wird, woher er den Mut für sein Projekt genommen und inwieweit seine Zeit an der Waldorfschule ihn begünstigt hat, so meint er: »Darüber habe ich noch nicht so viel nachgedacht, kreativ musste ich schon sein, das könnte zusammenhängen. Ansonsten macht mir das Unternehmerische großen Spaß und das konnte ich mit dem Projekt ja verwirklichen.«

Ein Standbein hat das Projekt auch in Deutschland, denn Zech hat zusammen mit Jakob Schlichtig, Co-Geschäftsführer, ebenfalls Waldorf-Alumnus, einen deutschen gemeinnützigen Verein mit Sitz in München gegründet. Dort werden die Fundraising-Projekte und Administration unterstützt und die globale Umsetzung des Modells von Amandla begleitet. Inzwischen hat die südafrikanische Regierung die Tätigkeit von Amandla für die nächsten zehn Jahre auch finanziell abgesichert und wissenschaftliche Evaluationen belegen die Wirksamkeit des Modells bei der Verbesserung der Schulleistungen und im Kampf gegen Kriminalität und Drogenmissbrauch.

In den nächsten Jahren sollen in Südafrika weitere hundert Safe-Hubs als Teil eines nationalen Jugendförderprojekts entstehen. Hierzu hat Amandla ein Social Franchising Modell entwickelt, das die Ausbildung und Durchführung von Safe-Hubs durch andere Non-Profit Organisationen und Sozialunternehmer ermöglicht.

Ein zweites Bildungszentrum entstand gerade in Kapstadt, ein weiteres in Johannesburg; fünf weitere sind in der Bauphase. Und die Nachfrage nach der Safe-Hub Social Franchise-Idee wächst; viele Anfragen kommen aus anderen afrikanischen Ländern, aus Lateinamerika und auch aus Europa. So steht ein Reimport des Amandla-Konzepts in die deutsche Heimat bevor: Im Berliner Stadtteil Wedding soll ein vergleichbares Projekt entstehen. Auch hier wird an den Freizeitinteressen angeknüpft, die dann mit nachhaltiger Bildung verbunden werden. Amandla gehe es um einen Zusatz zum offiziellen Bildungswesen, der den Nachmittag abdeckt und zugleich Schulteilnahme fördert. »Wir sind so etwas wie ein unabhängiges Ganztagsschulkonzept«, betont Florian Zech.

www.edufootball.org

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