Zukunft jetzt denken

Von Andre Bartoniczek, Juni 2017

Der Filmemacher Andres Veiel.

Mit den Briefen über »Die ästhetische Erziehung des Menschen« hat Friedrich Schiller seine Zeitgenossen darauf aufmerksam gemacht, dass sich Erziehung nicht nur in pädagogischen Institutionen abspielt, sondern auch durch künstlerische Erlebnisse im gesellschaftlichen Raum. Ob Theaterstück, Konzert, Architektur, ein Bild: Kultur kann Menschen verändern! In diesem Sinne kann man den 1959 geborenen Filmemacher und Schriftsteller Andres Veiel mit gutem Recht einen »Erziehungskünstler« nennen.

Andres Veiel berührt mit seinen Arbeiten das Publikum oft sehr tief. Sie wirken lange nach und lösen ein echtes Nachdenken über die Grundfragen unseres gesellschaftlichen Lebens aus. Nicht umsonst sind seine Werke mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden – unter anderem mit dem Europäischen Filmpreis. Auch inhaltlich zieht es Veiel immer wieder zu den Fragen nach Erziehung, Jugend, Schule. In einem seiner ersten größeren Filme – Die Überlebenden (1996) – möchte er herausfinden, wie es dazu kommen konnte, dass drei seiner Mitschüler in seiner Klasse am Stuttgart-Möhringer Gymnasium sich nach der Schule das Leben genommen haben. Mit einem von den dreien – Thilo – war er sogar eng befreundet. Warum will ein junger Mensch nicht mehr leben? Mit großem Einfühlungsvermögen verfolgt Veiel die biographischen Wege der drei Mitschüler und viele Äußerungen in dem Film gehen unter die Haut, weil sie einem bekannt vorkommen: Er konnte sich nicht gegen den Vater durchsetzen und hat Medizin studiert, obwohl er das eigentlich gar nicht wollte; er war so kraftlos und passiv; er wollte unbedingt anders werden als die Eltern, wusste aber nicht, wie; er verließ nach der 11. Klasse die Schule – er war sehr einsam. Der Film zeigt aber noch etwas anderes: Alle diese Faktoren erklären letztlich fast nichts – die Gründe für den jeweiligen Freitod liegen viel tiefer.

Der Mensch als Rätsel

In allen Werken Veiels erlebt man: Der Mensch ist ein Rätsel. So ist es sicherlich nicht ganz zufällig, dass Veiel zunächst Psychologie studiert hat. Als er 1982 nach einem Wochenend-Filmkurs mit einer Videokamera eine Atomwaffenlager-Blockade auf der Schwäbischen Alb filmt und diese kurze Arbeit auf dem Land in Dorfgasthäusern zeigt, erlebt er, welche Diskussionen dabei entstehen und wie solch eine künstlerische Arbeit die Menschen bewegen kann – das war quasi die Geburtsstunde des Filmemachers Andres Veiel.

Die Frage nach den Erlebnissen und den Antrieben junger Menschen verließ ihn nie.

Sein Freund Thilo wurde mit der Zeit immer aggressiver – bis hin zu brutalen Ausbrüchen, die ihn hinterher selbst gequält haben. Genau dieses Phänomen unerklärlicher Gewalt junger Menschen hat Veiel massiv beschäftigt, als er 2002 von dem fürchterlichen Mord dreier junger Männer in der Uckermark an ihrem eigenen Freund erfuhr. Der Fall ging durch alle Medien: Die betrunkenen Männer im Alter von 17 bis 23 Jahren quälten ihren Freund in einem Moment besinnungsloser, öder und trostloser Langeweile und töteten ihn schließlich auf grausamste Weise im Schweinestall. Andres Veiel wollte herausfinden, was da geschehen war und wie es zu solch einer Tat kommen konnte. Charakteristisch für ihn ist, dass ihm dann etwas gelang, was man eigentlich nicht mehr für möglich gehalten hatte: Nachdem das Dorf nach dem Einfall unzähliger Journalisten verstummt war und sich verschlossen hatte, gewann er schließlich doch das Vertrauen der Beteiligten, vor allem der Eltern der Täter und sogar der Täter selbst!

Veiels Offenheit, sein warmherziges und persönliches Interesse führt bei den Menschen immer wieder nicht nur zu der Bereitschaft, sondern oft sogar zu dem Wunsch, sich zu artikulieren. Als das Theaterstück Der Kick. Ein Lehrstück über Gewalt (2005) abgeschlossen war, fragten ihn die Eltern der Täter, wann er denn wieder komme ... Das zutiefst aufwühlende Werk legt die Tiefenschichten der oft perspektivlosen Situation in vielen Regionen Ostdeutschlands frei, macht zugleich die direkte Nachwirkung der noch ferneren Vergangenheit des Nationalsozialismus kenntlich, und im selben Moment realisiert der Zuschauer: Das könnte hier bei mir und in mir ganz ähnlich auch geschehen, das sind meine Lehrer, meine rücksichtslose Gesellschaft oder meine eigene Kraftlosigkeit. Das provokative Ergebnis des Stückes ist, dass man – ohne je die entsetzliche Tat zu rechtfertigen oder zu relativieren – die Täter plötzlich versteht, mit ihnen mitfühlt und leidet und dass man zu einem Verständnis von Jugendgewalt gelangt: Wenn ein junger Mensch weder Ziele hat noch Sinn erfährt, können in ihm Abgründe, Zustände von Leere, Angst entstehen, durch die er von Kräften in Besitz genommen wird, von denen er niemals zuvor etwas geahnt hat.

Auf der Suche nach Idealen

Hinter dem Blick ins Grauen steht bei Andres Veiel aber die umgekehrte Frage: Wonach sucht ein junger Mensch wirklich? Was sind seine Ideale? Wohin will er – und wie müsste die Gesellschaft damit umgehen?

Ein durchgehendes Thema bei Veiel ist seine Auseinandersetzung mit der RAF. Als 15-jähriger Schüler besuchte er mit Thilo den Stammheim-Prozess, nahm atmosphärisch intensiv die Ereignisse und Umbrüche seiner Zeit in sich auf und wurde Zeuge jener Verzweiflung angesichts der Ignoranz des Establishments. Schon in den Überlebenden macht er die Wirkung der Ereignisse auf die dargestellten Bio­graphien kenntlich. In Black Box BRD (2001) geht er dem Leben des RAF-Terroristen Wolfgang Grams nach, und sein Spielfilm Wer wenn nicht wir (2011) handelt direkt von Gudrun Ensslin, Bernward Vesper und ihren Mitstreitern.

Auch bei Wolfgang Grams stößt man wieder auf einen Jungen, der intensiv nach einem Leben sucht, das diesen Namen verdient, der sich in seinem Zivildienst hingebungsvoll um alte Menschen kümmert, der von einem starken Gerechtigkeitsideal angetrieben wird, sich an der SS-Vergangenheit seines Vaters reibt, über den Umgang mit den RAF-Häftlingen in Wut gerät, überzogene Polizeigewalt erfährt und schließlich abtaucht. Gudrun Ensslin und Bernward Vesper werden in ihrer studentischen Zeit gezeigt, in der sie auf hohem intellektuellem, aber auch sozialem Niveau nach Wegen einer modernen, politisch gerechten Gestaltung der Gesellschaft suchen.

Andres Veiel umkreist immer den für einen jungen Menschen vielleicht wichtigsten, wenn auch meist unbewussten Lebensantrieb: das Ideal – diagnostiziert dann aber auch das Scheitern der Ideale an ihrer missverstandenen Umsetzung oder an dem kalten Desinteresse der Erwachsenenwelt. Nie ist er dabei parteiisch: In dem selben Film (Black Box BRD), in dem er dem jungen Wolfgang Grams nachgeht, porträtiert er den Vorstandssprecher der Deutschen Bank Alfred Herrhausen.

Das Frappierende ist, dass auch dieser so völlig andere Mensch von großen Idealen angetrieben wird: Als er nach einem Besuch in Mexiko erkennt, was es für ein Land bedeutet, sich nie mehr aus seinen Schulden befreien zu können, schlägt er vor, die betroffenen lateinamerikanischen und afrikanischen Staaten komplett zu entschulden. Im selben Moment entsteht bei den Banken und in der Politik ein Sturm der Entrüstung und Gegnerschaft, an dem Herrhausen zu verzweifeln und zu scheitern droht. Zu den entscheidenden Beschlüssen kommt es nicht mehr, weil Herrhausen das Opfer eines Mordanschlages wird (1989) – man findet ein Bekennerschreiben der RAF –, wirklich aufgeklärt ist der Fall aber bis heute nicht.

Welch eine merk- und denkwürdige Konstellation: Ein namenloser, verirrter junger Mann, der zum Terroristen wird, und einer der mächtigsten und erfolgreichsten Banker und Spitzenfunktionäre der BRD werden ohne kausale Bezüge nebeneinander gestellt und der Zuschauer wird aufgefordert, das Unvergleichbare zu vergleichen – ohne vorschnelle Urteile, ohne vorweggenommenes Ergebnis. Beide sind einen tragischen, gewaltsamen Tod gestorben, beide haben die Welt verändern wollen, ihre Wege sind aber von den denkbar gegensätzlichsten Polen des Lebens ausgegangen.

Sinnfindung durch Kunst

Wenn man sich fragt, wo sich Idealismus denn verwirk­-lichen oder zumindest ausbilden kann, findet man auch hierzu in den Arbeiten Veiels Hinweise. Viele seiner Protagonisten sind Künstler: Thilo war wie Wolfgang Grams

begeisterter Musiker; in einem seiner prämierten Filme – Die Spielwütigen (2004) – verfolgt Veiel über sieben Jahre vier Schauspielstudenten von ihren Bewerbungen und Aufnahmeprüfungen bis hin zum erfolgreichen Engagement. Der Zuschauer nimmt auf diese Weise Teil an der existenziellen Suche junger Menschen nach künstlerischem Ausdruck, nach Sinn- und Selbstfindung. Man spürt, dass hier eine Antwort liegt: In der Kunst wird der Mensch zum Menschen, hier legt er seine ureigensten Potenziale frei, wird produktiv und trägt etwas Unverwechselbares zum gesellschaftlichen Leben bei. Es berührt vor diesem Hintergrund sehr, dass einer der Täter in der Uckermark Veiel im Gefängnis schildert, wie wohl er sich gefühlt habe, als er dort einmal ein Vogelhäuschen baute …

Veiels bislang letzter Film wurde im Februar auf der Berlinale uraufgeführt: Er ist ein Porträt von Joseph Beuys. Auf die Frage hin, was ihn an dieser Persönlichkeit so fasziniert habe, antwortet Veiel: »Beuys hat mich schon als Jugend­licher beschäftigt. […] Er wollte Gesellschaft gestaltend verändern, also mit seinem Denken, mit seiner Kunst. Er sagt: ›Wir dürfen nicht zurück gucken, wir müssen Zukunft jetzt denken, wir können das, jeder Mensch ist ein Künstler.‹«

Zum Autor: Andre Bartoniczek war Oberstufenlehrer fü̈r Deutsch und Geschichte an der Waldorfschule Stuttgart-Uhlandshöhe und ist heute Dozent an der Akademie fü̈r Waldorfpädagogik in Mannheim. Arbeitet an einer Dissertation über »Historische Erinnerung im Werk des Dichters und Filmemachers Andres Veiel«.

Literatur: N. E. Fischer: Das Kino des Andres Veiel. Politische Filme zwischen Dokument und Fiktion, Berlin 2009 | C. Lenssen: Andres Veiel: Zeitanalysen im Film und Theater, Marburg 2017 | Friedrich Schiller: Briefe über die ästetische Erziehung des Menschen.

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