Es gibt nichts zu verzeihen

Von Alexandra Handwerk, Dezember 2017

Im Familienalltag sind Schuldzuweisungen fehl am Platz.

Foto: © suschaa / photocase.de

Mein Vater war nachtragend. Ein Leben lang. Er führte sogar Buch über unsere Sünden, indem er sich in seinen Kalender täglich eintrug, was seine fünf Kinder sich hatten zu Schulden kommen lassen.

Mir ging als Kind regelmäßig Geschirr zu Bruch. Beim Hin- und Hertragen, beim Abwaschen, am Tisch durch plötzliche Bewegungen. Wenn es klirrte, hörte ich sofort als nächstes meinen Namen. Unabhängig davon, ob ich es diesmal verursacht hatte oder nicht. Wenn ich dann bei der nächsten Mahlzeit wieder an den Tisch kam, bedachte mich mein Vater mit einem ernsten Blick: »Ist dir schon wieder etwas kaputtgegangen?«

Sofort verging mir der Appetit. Doch er war noch lange nicht fertig mit mir: »Letzte Woche ist dir schon eine Tasse kaputtgegangen. Ich habe noch einmal nachgeschaut: Vor zwei Wochen waren es zwei Teller und eine wertvolle Vase.« Und dann hatte ich mich zu entschuldigen, dann zu beteuern, dass ich mich bessern würde und schließlich folgte noch ein längerer Monolog meines Vaters mit wohlmeinenden Ratschlägen zum Thema.

Ein Drama in mehreren Akten

Mein Vater sprach viel von Verzeihen. Es strengte ihn sogar an, dass er uns dauernd etwas verzeihen sollte. Er forderte deutlich ausgesprochene Entschuldigungen, wenn er das Urteil gefällt hatte, dass einer von uns schuldig geworden war und er tat sich schwer, die Entschuldigung endgültig anzunehmen. Eher zweifelte er, dass wir es mit unserer Entschuldigung auch wirklich ernst meinten.

War mein Vater nicht zu Hause, ging mir auch Geschirr zu Bruch. Meistens in der Küche, neben meiner Mutter stehend. Klirrte es, stiegen ganz schnell die Tränen in die Augen – nein, bitte nicht schon wieder. Aber meine Mutter begann nur ruhig die Scherben einzusammeln und sagte, fast nebenbei: »Wer nicht arbeitet, dem fällt auch nichts runter.«

Im nächsten Moment wusch ich fröhlich weiter ab.

Manchmal bin ich froh, dass ich beides erlebt habe. Denn heute kann ich daran studieren, was wie auf meine kindliche Seele gewirkt hat. Meiner Mutter zu helfen machte mir immer Spaß: Ich half, und wenn dabei etwas schiefging, war das so, wie wenn es auf einem Spaziergang mal anfängt zu regnen. Nun ja, das kann passieren – ist aber kein Grund, nicht spazieren zu gehen oder am Spazieren weniger Vergnügen zu haben. Meinem Vater zu helfen war anstrengend, weil man immer gewärtig sein musste, gerade jetzt und schon wieder etwas falsch zu machen. Oft war ich gar nicht recht bei der Sache vor lauter Sorge, dass ich ihm auch alles recht machte. Am Ende der Tätigkeit mit meiner Mutter stand das gute Gefühl, miteinander etwas geschafft zu haben, am Ende der Tätigkeit mit meinem Vater die Erleichterung, zu seiner Zufriedenheit gearbeitet zu haben. Wie oft hat mich das bis ins Erwachsenenalter begleitet. Die heimliche Frage: Wäre Dein Vater jetzt mit Dir auch ein­verstanden?

Experimentieren und studieren

Und dann ergaben sich Anfang Zwanzig plötzlich Gelegenheiten, weit zu reisen, nach Asien, in die USA. Ich sagte begeistert zu, erzählte meiner Mutter am Telefon davon, erlebte ihre Mitfreude. In den folgenden Tagen aber kam ein Brief meines Vaters, in dem er mir verkündete, dass er mir das nicht verzeihen könne, dass ich eine so schwerwiegende Entscheidung im Alleingang gefällt habe, endend in der Aufforderung, mich dafür zu entschuldigen.

An diesem Punkt begann ich mich zu fragen, wo er die Vollmacht hernahm, so zu handeln. Diese Reisen hatten nichts mit ihm zu tun, sie waren von mir finanziert und organisiert.

Ein erstes Mal erlebte ich bewusst einen verurteilenden Übergriff in mein Leben.

Und langsam in meine Kindheit tastend tauchte die Frage auf: War sein Urteil in Kindheitstagen berechtigter? Wofür hatte ich mich zu entschuldigen, wenn das Geschirr klirrte? Was war sein Anteil? Die Scherben beseitigte ich mit Hilfe von Mutter oder Geschwistern. Sollte ich mich für meine Dummheit entschuldigen? Aber zum Entschuldigen braucht es ja eine Schuld. Die hatte er uns allen immer mit leichter Hand zugesprochen. Aber ist ein Kind schuldig, das etwas fallen lässt? Schuld setzt doch einen bösen Willen voraus, einen Vorsatz. Aber welches Kind schmeißt mit Vorsatz Geschirr herunter? Ich habe vier Kinder und habe mich im gründlichen Beobachten ihrer Handlungen solange geübt, dass ich mit Sicherheit sagen kann: Ein Kind tut niemals vorsätzlich etwas Böses. Es probiert wahnsinnig gern Dinge aus, von denen wir Erwachsenen ahnen, dass sie nicht funktionieren werden. Dabei experimentiert es aber und ist niemals Täter. Ob ein Turm Klötze umfällt oder ein wackliger Aufbau von Tellern und Gläsern, ist von der moralischen Seite betrachtet für das Kind gleichwertig. Es studiert lediglich die Gesetze der Schwerkraft, des Gleichgewichts, der Statik … Und was es am Anfang im Körperlichen studiert, das studiert es ab der Pubertät im Seelischen: die Gesetze von Gemeinschaft, von Wunsch und Realität, von Überredung, Recht haben und Weltverändern.

Jeder Studierende braucht seine Möglichkeit für Experimente. Von der Beobachtung der eigenen Experimente wird später viel abhängen. Meine Mutter erlebte ich an diesem Punkte als weise: Du machst Experimente. Die können Folgen haben. Diese zu beseitigen oder zu tragen, helfe ich dir. Und jetzt experimentiere weiter.

Auch meine Kinder haben eine Generation Geschirr zerdeppert, darunter auch alle meine Lieblingsstücke. Habe ich ihnen das zu verzeihen? Sie haben sich Fahrräder klauen lassen und Jacken und Mützen verloren, sie haben Dinge nicht erledigt, haben ihr Wort gebrochen und waren nicht zum verabredeten Zeitpunkt da. Habe ich ihnen das zu verzeihen? Durchaus nicht. Ich finde keine Schuld an ihnen. Das Geschirr war im Sinne der Experimente für den guten Zweck zerdeppert. Mein neues gefällt mir außerdem besser. Und bei allem anderen? Da sah ich ihren Schmerz in den Augen. Sie fühlten sich schuldig und mochten sich selbst nicht verzeihen. War mein Platz der des Richters? Ich habe mich im Trösten richtiger gefühlt. Ein misslungenes Experiment fühlt sich immer schrecklich an. Eine Mutter braucht es, damit man sich trotzdem noch an das nächste Experiment traut. Und nicht das Leben in die Hochsicherheitszone verlegt, in der zwar scheinbar alles gelingt, aber – verdient das noch den Namen Leben?

Unterstützen und trösten

Meine Seele hat selbstverständlich Anteile meiner beiden Eltern. Ich habe oft große Lust, wie mein Vater zu reagieren. Befriedigend in höchstem Maße fühlt es sich an, mal so richtig loszudonnern. Ich habe erst lernen müssen, dass der Schmerz in den Augen meiner Kinder dann kein Eingeständnis ihrer vermeintlichen Schuld war, sondern die bittere Erkenntnis, dass man mit mir an diesem Punkte nicht vertrauensvoll zusammenarbeiten konnte. Und dann konnte ich mir abends, wenn ich darüber in Ruhe nachdachte, selbst nicht verzeihen, dass ich den Dialog mit meinem Kind so abgeschnitten hatte. Und dann merkte ich, dass ich meinem Mann sehr dankbar war, wenn er mich tröstete und mit mir nach dem nächsten Schritt suchte, statt das Geschehene als unverzeihlich zu verurteilen. Dabei ist es gerade in der Ehe so leicht, dem anderen das Schuldregister vor die Nase zu halten, worin das eben Geschehene nur zu gut zu allem bisher schon Vorgefallenen passt.

Es gibt wenige Orte im Leben, bei denen ich so selbstverständlich voraussetzen kann, dass alle Beteiligen alles so gut wie möglich zu tun versuchen, wie in der eigenen Familie. Ich kann voraussetzen, dass wir einander liebhaben, dass wir einander nicht schaden wollen, dass wir eigentlich ein Leben lang miteinander zu tun haben wollen. Eine einzigartige Konstellation! Wenn Schuld und Verzeihen anfangen, den Familienalltag zu bestimmen, so sind sie immer Symptome, dass diese Konstellation krank ist, dass das Verhältnis untereinander aus dem Liebhaben, aus dem Einander-helfen-, Nicht-schaden-Wollen bereits herausgefallen ist.

Und da es ein Symptom und keine Ursache ist, hilft es nicht, an diesem Symptom herumzudoktern. In einem gesunden Familienzusammenhalt gibt es nichts zu verzeihen, da gilt es zu trösten, zu unterstützen und zu lieben.

In einem erkrankten Familienzusammenhalt stellt sich die Frage nach den Grundwerten. Verzeihenmüssen heißt doch: Na gut, ich mag dich, obwohl du so bist, wie du bist. In der gesunden Konstellation liebe ich, weil der andere so ist, wie er ist. Und auch seine vermeintlichen Fehler und Schwächen sind Ausdruck seines Werdens.

An der kranken Konstellation festzuhalten, weil es halt meine Konstellation ist, macht alle Beteiligten selbst krank. Eine gesunde Konstellation ist harte Arbeit an der eigenen Seele. Aber sie hält die Beteiligten gesund und lebensfroh.

Verantwortung übernehmen

Habe ich meinem Vater etwas zu verzeihen? Nein. Ich habe versucht, um mit Goethe zu sprechen, aus dem Stein, den er mir in den Weg gelegt hat, etwas Schönes zu bauen. Damit habe ich versucht, die Folgen seiner Handlungen an mir sinnvoll in mein Leben hineinzunehmen. Die Verwandlung seiner Kräfte aber hatte mit ihm gar nichts mehr zu tun. Dass ich seine Kräfte aber in mir zum Verwandeln vorfand, hat mich im Verwandeln zu einem reicheren Menschen gemacht, als ich es ohne diese wäre.

Ich habe ihn bis zu seinem Tod erlebt. Bis zuletzt trugen bei ihm Viele Schuld. Bis zuletzt war er grundsätzlich im Recht. Am Ende war er sehr einsam. Die meisten fanden es irgendwann zu mühsam, ihn lieb zu haben. Auch das trug er ihnen nach. Er fand in seinem Kalender dann immer schon früh Ansätze für ihr untreues Handeln. Wenn sie sich noch mal bei ihm hätten blicken lassen, ich glaube, er hätte ihre Entschuldigung nicht angenommen …

Ich möchte anders alt werden. Je älter ich werde, umso weniger habe ich zu verzeihen. Warum? Weil ich immer weniger Schuld zuschreibe. Stattdessen ist Verantwortung ein wichtiges Wort geworden. Ich möchte meine Kinder gern zu verantwortlichen Menschen erziehen. Verantwortliche Menschen gestalten ihren Lebensraum. Und zwar den, den sie vorfinden. Und sie schauen ihn unter dem Aspekt an: Was kann ich wie verbessern?

Wenn ich die Verantwortung für das Aufräumen nach einer Mahlzeit habe, kann es passieren, dass dabei ein Teller zu Bruch geht und ich trotzdem in vollem Maß meiner Verantwortung gerecht werde, indem ich die Scherben beseitige, den Schaden melde und einen sauberen Tisch und eine aufgeräumte Küche hinterlasse.

Und ich möchte mit meinen Kindern auch dann noch auf Augenhöhe sein, wenn sie irgendwann erwachsen sein werden und überschauen können, was mir wertvoller war: ihr Einsatz oder ein Teller.

Zur Autorin: Alexandra Handwerk ist Mutter von vier Kindern und freischaffende Anthroposophin.

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