Eurythmie verändert das Leben – nachhaltig

Von Jürgen Frank, Oktober 2011

»Man kann alles tanzen«, sagte die Malerin Margarita Woloschin, »alles, was man fühlt«. »Aber auf das Gefühl kommt es doch heute an«, antwortete Rudolf Steiner. Das war Teil des ersten Gespräches über die Eurythmie im Jahre 1908.

Jahre später wurde die neue Bewegungskunst Unterrichtsfach in der ersten Waldorfschule. Bis heute ist sie das an allen Waldorfschulen. Es gibt sogar einige wenige, in denen sie bis in die 13. Klasse unterrichtet wird. Aber es gibt auch Schulen, in denen Eurythmie in der Oberstufe gar nicht mehr oder nicht in vollem Umfang unterrichtet wird.

Mir persönlich hat sich die Antwort Steiners erst vor einigen Jahren in ihrer Tiefe erschlossen. Den Erkenntnissen der modernen Hirnforschung zufolge funktioniert das Lernen im Wesentlichen, wenn das Gefühl beteiligt ist. Lernen bedeutet, sich gefühlsmäßig mit den Inhalten zu verbinden. Lernen ist eben nicht ein bloßes Abspeichern von Informationen, auch wenn es in vielen Bereichen der Pädagogik so gehandhabt wird.

Handeln ohne Gefühl

In der heutigen Zeit sind wir in vielen Bereichen unseres Lebens mit Handlungen konfrontiert, die offensichtlich ohne Gefühl stattfinden. Die Schüler, die wir auf ihre Zukunft vorbereiten, benötigen Fähigkeiten, die weit über das lineare Denken und Handeln hinausgehen. Wir brauchen Menschen, die Denken, Fühlen und Wollen nicht voneinander abkoppeln, sondern verbinden können. Lernen durch Bewegung ist ein wohlbekanntes Mittel, das auch in Regelschulen, besonders in der Unterstufe, genutzt wird. In der Oberstufe sind heutzutage Tanzprojekte populär.

»You can change your life in a dance class«

Roisten Maldoon, der bekannte britische Tänzer und Choreograf, inszeniert mit großem Erfolg fantastische Projekte mit Jugendlichen, die von der normalen Päda­gogik schon aufgegeben wurden. Auf pädagogischen Kongressen ist er ein beliebter und angesehener Redner.

»You can change your life in a dance class« ist eine seiner Kernaussagen und er hat recht damit. Wer einmal erlebt hat, wie es sich anfühlt, in vollkommener Balance gerade und aufrecht zu stehen, der wird sich immer danach zurücksehnen und nicht mehr geduckt durchs Leben gehen wollen.

Im Unterschied zur Eurythmie benötigt der Tanz den Spiegel zur Korrektur; mühseliger ist es, den Spiegel in sich selbst zu bilden. Aber wenn diese Fähigkeit einmal entwickelt wurde, dann bleibt sie dem Menschen erhalten und ermöglicht es ihm, sich selber von innen heraus zu korrigieren.

Die Waldorfschule deckt diesen Bereich der äußeren und inneren Bewegungsschulung mit dem Fach Eurythmie ab. Alle anderen Fächer sind für einzelne Facetten der Entwicklung des Schülers förderlich, wie zum Beispiel ästhetisches Empfinden, Kunstverständnis, die Fähigkeit des Hörens. Aber kein anderes Fach schult den jungen Menschen umfassender und zielt so zentral auf die Entwicklung seiner Persönlichkeit.

In der Oberstufe geht es mehr und mehr darum, den Leib als Ausgangspunkt für die eigene Entwicklung zu erfahren und gespiegelt zu bekommen, wie wir uns selbst und wie uns andere wahrnehmen. Im Allgemeinen klaffen Eigen- und Fremdwahrnehmung in diesem Alter auseinander.

Der Unterricht in den Oberstufenfächern soll zu vergleichbaren Abschlüssen führen; dadurch tritt der Entwicklungsgedanke der Waldorfpädagogik in den Hintergrund, da man sich den kurrikularen Zwängen anpassen muss. Eurythmie hingegen bietet in der Oberstufe weiterhin die große Freiheit, die Inhalte des Unterrichtes den Entwicklungsbedürfnissen der Schüler anzupassen. Als Eurythmielehrer kann ich sogar noch in der 13. Klasse frei entscheiden, was die Schüler brauchen, um sich weiterzuentwickeln.

Im Oberstufenunterricht geht es um Balance: Ausgleichende Übungen gegen den Stress und die Bewegungslosigkeit in den anderen Unterrichten sollten dem tiefen künstlerischen Impuls, der in der Eurythmie liegt, die Waage halten. Hier liegt auch eine der Schwierigkeiten des Eurythmieunterrichtes in der Oberstufe, denn der Spagat zwischen den verschiedenen Bereichen des Faches ist groß.

Eine Kernaufgabe der Eurythmie ist die gefühlsmäßige Vorbereitung dessen, was in den anderen Fächern inhaltlich und denkerisch erfasst wird.

Raum am eigenen Leib erleben

Die Projektive Geometrie ist nur gedanklich erfassbar. Erleben Schüler vor der Mathematikepoche in der Eurythmie am eigenen Leib  solche Vorgänge im Raum, dann können sie viel leichter in diesen Gedankenprozess eintauchen.

Wenn die Schüler vor der Poetikepoche die Sprachrhythmen mit ihrem ganzen Leib im Raum bewegt haben, dann haben sie konkret erlebt, was ein Metrum ist und sind damit bestens vorbereitet für diese Epoche des Deutschunterrichts.

Wenn Dur und Moll nicht nur verstanden werden, und nicht nur von den musikalischen Schülern gehört werden, sondern für alle ein wirkliches Erlebnis darstellen, das mit ihnen selbst zu tun hat, dann können die Schüler auch in den Musikunterricht ganz anders einsteigen.

So könnte ich für jedes Fach Beispiele geben, um die Befruchtung durch die Eurythmie deutlich zu machen. Zusätzlich geben Konzentrationsübungen und meditative Körperübungen den Schülern das Rüstzeug für die kognitiven Fächer und den Alltag.

Die Eurythmie ist das modernste und zukunftsweisendste Fach der Waldorf­päda­gogik. Sie fördert die Entwicklung des ganzen Menschen.

Zum Autor: Jürgen Frank ist Eurythmielehrer an der Waldorfschule Hamburg-Bergstedt