Eurythmie – fächerübergreifend

Von Martin Zabel, Juni 2016

Eurythmie kann zu einer Sprachreise werden, kann Mathematik erfahrbar und Geschichte erlebbar machen.

Foto: © Charlotte Fischer

Während meines Eurythmiestudiums war ich erstaunt, wie schnell die ausländischen Kommilitonen Deutsch lernten. Da wurde mir bewusst, dass sie durch die Eurythmie die fremde Sprache viel intensiver erlebten, als das in einem gewöhnlichen Sprachkurs der Fall gewesen wäre. Denn der Sprachklang, die lautmalerischen Feinheiten und auch die Inhalte werden durch die eurythmische Bewegung mit dem ganzen Körper ergriffen. Das geht so weit, dass man in der Lautierung – den Armbewegungen, die einen Laut darstellen – teilweise sogar einen »Akzent« wahrnehmen kann. So sind zum Beispiel im Englischen die Bewegungen weicher und dramatischer als im Deutschen. Das Italienische wird zierlicher und schneller bewegt. Eine amerikanische Bekannte meinte, die deutsche Eurythmie sei deshalb so anstrengend, weil die Sprache so klar, nüchtern und steif sei und einen viel weniger trage, als die englische.

Aus diesen Überlegungen ergab sich für mich die Idee, in der 11. Klasse zwischen Sommer und Weihnachten den gesamten Eurythmieunterricht auf Englisch zu geben – wie eine kleine Sprachreise. Die Schüler sollen nicht direkt die Sprache lernen, sondern in sie eintauchen. Sowohl durch das Zuhören – es geht nicht darum, dass sie jedes einzelne Wort verstehen, sondern die Botschaft des Satzes begreifen, – als auch das Hinhören und das Umsetzen des Gehörten in Bewegung.

Englisch bewegen

Zunächst tasten wir uns im mündlichen Austausch an die Unterschiede zwischen der deutschen und englischen Sprache heran. Wir kommen dabei recht schnell darauf, dass das Deutsche tatsächlich viel härter, steifer und technischer klingt, während das Englische als fließender, melodiöser und weicher wahrgenommen wird. Konsequenterweise bringt dies die Eurythmie, die das Hörbare sichtbar machen soll, zum Ausdruck. Zunächst versuchen wir, unsere Bewegungen gemäß der englischen Sprache weicher, fließender und raumfüllender auszuführen, was einiger Übung bedarf. Dann gehen wir zu Zungenbrechern über, die sich mit dem englischen »W« und dem stimmhaften und stimmlosen »Th« beschäftigen. Wobei die Bewegungen in den Höhen und Tiefen des Raumes im Englischen stärker als im Deutschen sind. Auch die Vokale bilden eine Herausforderung, da sie nicht so klar wie im Deutschen sind. So lautieren wir zum Beispiel bei »sun« das geschriebene »u« wie ein deutsches »a« oder in »to go« sind die zwei »o« vom Klang her ein Mal wie »u« und das andere Mal wie »ou«. Auf diese Art schärfen wir unser Gehör für die Unterschiedlichkeit des Klanges gegenüber der Schrift und präzisieren unsere Bewegungen, bevor wir an ganze Gedichte gehen. Die Schüler sollen als Klasse und in kleinen Gruppen dann eine Form zu einem englischen Gedicht finden.

Dabei zeigt es sich, selbst wenn das Gedicht einmal gemeinsam übersetzt wurde, dass man für das Finden einer Form doch den genauen Inhalt präsent haben muss. Schließlich soll die Eurythmie dem Zuschauer helfen, in eine fremde Sprache einzutauchen – ein manchmal recht mühsamer Prozess, mit gegenseitigem Zeigen, Ausprobieren und Verbessern.

Nach der ersten Phase dieses Projektes kam bei den Schülern der Wunsch auf, die englische Eurythmie über das ganze Schuljahr fortzuführen. Durch eine Englisch-Vertretungsstunde ergab sich die Möglichkeit, diesem Wunsch entgegenzukommen. Zunächst ungewohnt, gibt dies den Schülern die Möglichkeit, festzustellen, was sie schon alles verstehen, und nebenbei auch noch den Wortschatz zu erweitern. An welcher Stelle würde man sich außerdem über Monate mit einem fremdsprachigen Gedicht so intensiv auseinander setzen, auf Feinheiten der Lautmalerei achten und versuchen, die Stimmung durch die Bewegung des ganzen Körpers auszudrücken?

Meine Hoffnung ist, dass sich die Schüler durch diese Arbeit intensiver mit der Sprache verbinden, dass ihnen die Angst vor dem »Nichtverstehen« genommen wird und sie die englische Sprache mit ihrem Charakter mehr verinnerlichen.

Gradzahlen, Brüche und Kreise

Die Eurythmie bietet auch die wunderbare Möglichkeit, Themen aus anderen Fächern aufzugreifen und künstlerisch in eine neue Vertiefung zu bringen. In Poetik und Musik ist dies recht offensichtlich. Hier macht die Eurythmie das sichtbar, was in seiner Grundform schon künstlerisch ist. Aber auch die Geometrie bietet ein weites Feld. So können Formverwandlungen wie der Fünfstern, die Cassinische Kurve oder die Umstülpung eines Kreises durch das gemeinsame Tun ganz neu ergriffen und erlebt werden. Auch kann man seine Anweisungen manchmal geometrisch-mathematisch geben mit Gradzahlen, Brüchen von Kreisen oder geometrischen Grundkonstruktionen, wodurch das Gedankliche mit dem ganzen Körper in das Tun übertragen wird. Wenn dies eine Gruppenaufgabe betrifft, kommt auch noch ein sozialer Prozess hinzu. Wie ergreift man den interpretatorischen Spielraum (z. B. der Größe der Form) als Gruppe, worauf einigt man sich und wie geht man mit Schülern um, denen das gedankliche Ergreifen schwerer fällt, oder die schlicht und einfach nicht aufgepasst haben? Im Geometrieunterricht fallen diese ihren Mitschülern nicht so sehr auf. In der Eurythmie müssen sie aber integriert werden, damit die Form auch gelingt. Der Geschichtsunterricht lässt sich gut durch Gedichte aus einer anderen Perspektive aufgreifen. Da ich auch Klassenlehrer bin, ist es eine wunderbare Möglichkeit, die Epochen in der Eurythmie noch einmal zu vertiefen. Manchmal gingen wir auch spontan während des Hauptunterrichtes in den Eurythmiesaal, um das Gelernte in Bewegung zu bringen. Ich denke, es gibt noch viele Möglichkeiten, um die Eurythmie mit dem Alltag zu verknüpfen und ihn zu bereichern. Wir müssen sie nur suchen.

Zum Autor: Martin Zabel ist Eurythmie- und Klassenlehrer an der Freien Waldorfschule Freudenstadt.

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