Als die Waldorfschule aufhörte, Waldorfschule zu sein. Die Oberstufe aus der Sicht eines Zwölftklässlers

Von Julian Körsch, Februar 2012

Passen sich die Waldorfschulen zu sehr an das staatliche Schulsystem an? Julian Körsch, der eine 12. Klasse besucht, meint Ja.

Heute gibt es Schüler, die unter Depressionen leiden, unter Krankheiten, die sonst nur bei Managern auftreten. Psychologen klären die Eltern in einer 5. Klasse auf einem Gymnasium darüber auf, wie sie bei ihrem Kind »Burn Out« erkennen, unter dem sonst nur Erwachsene leiden. Es sind Folgen des deutschen Schulsystems. Der Run auf die Waldorfschulen kann als Hilferuf der Gesellschaft gesehen werden. Denn all das gibt es hier nicht. Jedes Kind wird individuell gefördert, da andere Werte zählen. Es wird nicht aussortiert, abgeschoben und so früh wie möglich auf ein effizientes Leben vorbereitet. Trotz allem gibt es Probleme: zentrale Abschlüsse und immer höhere Anforderungen lassen das Waldorfsystem mit dem Staatssystem kollidieren.

Die Zweiteilung der Schüler

Es gibt die Schüler, deren Nachmittage sich schon immer nur um Hausaufgaben drehten, und es gibt die, die irgendwie immer alles unter einen Hut bekommen haben: Schule, Handball und Geigenunterricht.

Und es gibt die Schüler, die sich ganz dem System der Waldorfschule ange-passt haben. Es sind die, die immer einen Schritt voraus waren, die sich in Schülerforen und Nachmittags-AGs engagierten, die, die Schulfeste organisierten und immer für alles da waren, weil es ihnen Spaß machte und es ihnen die Schule Wert war. Diese Schüler fanden stets Anerkennung für ihren Einsatz. Doch was passiert, wenn das alles nicht mehr zählt? Spätestens in der 11. Klasse beginnt man zu sortieren. Die, die neben den unzähligen Aufsätzen, Vokabeln, Projektarbeiten, Klassenspieltexten, Jahresarbeiten und Referaten sich an Nachmittagen noch in Jugendtreffs und Schwimmvereinen engagieren, sind gleich raus, da sie den Berg an Arbeit nicht mehr bewältigen können. Erst wer beweist, dass er seine Nachmittage nur für die Schule opfert, nie mehr zu spät kommt, den Unterricht aufmerksam verfolgt und alles mitschreibt, was gesagt wird, natürlich um am Ende des Tages einen Aufsatz zu schreiben, dem wird gewährt, direkt das Abitur zu machen. Für all die anderen, die noch nicht angekommen sind in der Welt, in der das Geld nichts mehr wert, die Luft vergiftet und das Essen schlecht ist, beginnt der umständliche mühsamere Weg. Sie müssen nun auf zwei Spuren fahren und in A- und B-Kursen für das Abitur oder den Realschulabschluss vorbereitet werden. Das ist an einer Waldorfschule unmöglich, möchte man denken, und dennoch ist der Großteil unserer Klasse davon betroffen.

Die Zweiteilung der Lehrer

Auch auf Lehrerseite ist nicht alles so einfach: Denn es gibt Lehrer, denen alles daran liegt, weiter nach den Idea- len der Waldorfwelt zu unterrichten, die Jahresarbeiten und Klassenspiele, trotz des Drucks nicht aufgeben.

Und es gibt Lehrer, die sich ebenso Waldorflehrer nennen, aber kein Verständnis für all dieses »überflüssige Zeug« haben. »Davon wird euer Abitur auch nicht besser«, sagen sie. Wirklich? Wahrscheinlich wird es immer so bleiben, dass die Waldorf­schule nicht ganz Waldorfschule sein kann. Es wird immer der Zeitpunkt kommen, an dem die Waldorfzeit ein Ende hat und die Schüler sich an ein fremdes System anpassen müssen. Nur müssen wir aufpassen, dass dieser Zeitpunkt nicht immer früher beginnt.

Nicht, dass es bald so ist, wie auf einem staatlichen Gymnasium, auf dem die Kinder schon in der 5. Klasse eine 40-Stunden Woche haben. Wir müssen uns immer wieder umdrehen, um die Werte der Waldorfschule nicht aus den Augen zu verlieren, aber gleichzeitig auch schauen, dass der Zug nicht ohne uns abfährt, dass kein Schüler, der im Waldorfsystem groß geworden ist, »da draußen« in dem System, das von der Wirtschaft regiert wird, untergeht, weil er nicht darauf vorbereitet wurde.