Inklusion – Eine Illusion

Von Ute Hallaschka, Juli 2017

Es kostet Herzblut sich den Film »Ich. Du. Inklusion. Wenn Anspruch auf Wirklichkeit trifft« anzusehen. Er dokumentiert den Schulalltag einer Integrationsklasse einer Grundschule in Uedern.

Neben dem eigentlichen Thema ergibt sich zwangsläufig ein Seitenblick auf das grundsätzliche Leiden der Kinder an unserem Schulsystem. Dies sehen die im Film vorkommenden Eltern und Lehrer ebenso und bemerken es ausdrücklich.

Der Filmemacher und die Verleihfirma zeigten sich völlig überrascht von der unerwartet starken Nachfrage – mit über 50 Kinos bundesweit »der bislang größte Start in der Geschichte des Verleihs«. Offenbar trifft der Film einen Nerv der Zeit. Deutlich wird wieder einmal eine politische Groteske, welche die Schwächsten der Gesellschaft ausbaden müssen. Der Sachverhalt ist folgender: In der früheren Rechtslage hatte ein Kind mit Förderbedarf umfassende Unterstützung. Es gab entsprechende Schulen, ausreichend Sonderpädagogen, individuelle Betreuungsmaßnahmen und Hilfestellungen.

Heute haben die Kinder mit Einschränkungen das Recht auf Inklusion im normalen Schulbetrieb. Im Namen der Menschenwürde wurde jeglicher Unterschied eliminiert. Doch mit diesem Recht auf Gleichheit ging das Unrecht der Normierung einher, mit dem man das System von Mehrkosten entlastete. Die Sonderpädagogik wurde abgeschafft oder jedenfalls soweit reduziert, dass eine katastrophale Lage entstanden ist. Die Lehrerinnen und Lehrer im Film sind am Rande des Nervenzusammenbruchs – Eltern und Kinder ebenso. In der dargestellten Schule sind drei Sonderpädagogen jeweils acht Stunden für sämtliche Viertklass-Schüler zuständig. Was die sogenannten Integrationshelfer angeht, wurden dafür 400-Euro Jobs geschaffen – »ein hartes Brot«, sagt die Betreuerin, die dies ohne fachliche Qualifikation bewältigen muss.

Da ist der arme Miquel, von dem alle wissen, dass er eigentlich noch in den Kindergarten gehört – doch das System verurteilt ihn zum Schulbesuch. Noch herzzerreißender ist Mathis, ein Bauernkind wie aus dem Bilderbuch. Er kann bereits Traktor fahren und den Acker pflügen, doch bei den Hausaufgaben weint er vor Qual und Erschöpfung: »Warum immer diese Scheiß-Uhr lernen?« Die Mutter tut ihr Bestes und kommt auf die kluge Idee, ihm zu versichern, dass selbst schlaue Erwachsene heute damit Mühe haben, weil sie die Zeit nur noch vom Handy ablesen können. Angesichts dieser Herausforderung rappelt der kleine Kämpfer Mathis sich sofort auf, um es allen zu zeigen, dass er kein bisschen dümmer ist als sie – nur anders! Der überdeutliche Eindruck, den der Film hinterlässt: Nicht Mathis ist behindert, sondern das deutsche Schulsystem. Das ist allen Beteiligten klar. Dem Zuschauer wird’s Erlebnis.

Es kann nicht mehr lange dauern, bis die Eltern aller schulpflichtigen Kinder auf der Straße stehen. Vielleicht wird so wenigstens eine Idiotie der Bürokratie abgeschafft.

Ich. Du. Inklusion. Wenn Anspruch auf Wirklichkeit trifft, Dokumentarfilm, 135 Min., Konzept und Regie Thomas Binn