Jugend ohne Gott

Von Ute Hallaschka, September 2017

Man kann es für mutig oder verrückt halten einen Roman von 1937 in der Gegenwart zu verorten – doch genau das hat der Regisseur Alain Gsponer getan.

Sein Film »Jugend ohne Gott« basiert auf der gleichnamigen Erzählung von Ödön von Horvath. Doch es handelt sich nicht um eine Literaturverfilmung, eher um eine imaginative Versuchsanordnung. Es geht um das Gefühl individueller Ohnmacht der Jugendlichen, der Gesellschaft gegenüber, in der sie aufwachsen. Genau genommen spielt der Film in der Zukunft, aber das vergisst man als Zuschauer bald.

Die asoziale, zutiefst inhumane Gesellschaft der Zukunft, die hier gezeichnet wird, ist dadurch charakterisiert, dass sie sich selbst keineswegs für unsittlich organisiert hält. Die auf Leistung, Kontrolle und Überwachungsmechanismen basierende Ordnung wird als Garantie für ein funktionierendes Gemeinwohl aufgefasst – inklusive Heilsversprechen aller Art. Die Gegenwart lässt grüßen.

Eine auserwählte Gruppe von Eliteschülern tritt in einem Boot Camp zum Kampf um die besten Ausbildungsplätze an. Das Camp des Education Performance Center liegt im Wald. Wer sich seelisch, geistig und körperlich als tüchtig erweist, bekommt einen der begehrten Studienplätze. Besonders perfide ist die Vorgabe des Sozialverhaltens. Angeblich werden Solidarität und Teamfähigkeit getestet, in Wirklichkeit dienen diese Prüfungskriterien nur dem Leistungsprinzip. Wer weist Leadership Qualitäten auf?

Wirklich erschreckend gut spielt Anna Maria Mühe die Camp Psychologin. Es gelingt ihr die eiskalte menschenverachtende Konditionierung so wohltemperiert darzustellen, dass es einen schaudert. Gedreht wurde in Garmisch-Partenkirchen vor grandiosem Alpenpanorama. Das Camp selbst hätte nicht besser am Computer generiert werden können – doch tatsächlich gibt es diesen unwirtlichen Ort real, das Besucherzentrum der Grube Messel.

Es ist von Beginn an klar, dass die Handlung auf eine Katastrophe zusteuert. Das gnadenlose totalitäre System ist so strukturiert, dass der Einzelne keine Chance hat, es zu ändern. Es gibt nur noch Mittäter und Opfer. Allen voran der Lehrer, gespielt von Fahri Yardim, der sein Bestes versucht, den Schülern dabei zu helfen, das System zu unterlaufen. Er scheitert grandios. Die Geschichte wird in Wiederholungssequenzen aus der Perspektive verschiedener Personen erzählt. Nicht immer logisch, die abrupten Schnitte setzen oft irgendwo in der Handlung, ohne Überleitung ein. Dennoch ist die Tableauperspektive der Gleichzeitigkeit ein interessanter filmischer Versuch.

Der Junge Zacharias, genannt Zach, ist der Protagonist, gespielt von Jannis Niewöhner. Er gilt als potenzieller Leistungsträger, doch er verweigert sich dem System. Im Wald trifft er auf eine Gruppe junger Widerständler, die dort als sogenannte Illegale leben. Natürlich entwickelt sich eine Pubertätsliebe, die ihn auf die andere Seite zieht. Das Mädchen Ewa (Emilia Schüle), für das er sich am Ende opfern will, ist tatsächlich ein Missgeschick der Regie. Völlig überzeichnet in abgeschmackter Klischee Manier. Die Jugendlichen im Kino kichern, wenn sie ins Bild kommt. Im minikurzen Fetzenkleidchen, während es bitter kalt ist und mit stets offenem Kussmund. Und dies in einem Film, der von fatalen Menschenbildern handelt, da muss man alle Augen zudrücken, um weiter mitzukommen. Auch wenn die Handlung noch einige überraschende Wendungen nimmt, ist sie relativ vorhersehbar. Jugend ohne Gott ist dennoch ein nachdrücklicher Film geworden. Er vermittelt deutlich, was aus uns wird, wenn wir so weitermachen. Was einst Gott war, ist heute der Mitmensch. Eine Gesellschaft, die auf Sozialterror basiert – auf dem Ausmerzen der Schwachen – wird nichts als Gewalt erzeugen. Ob wir bald einander nur noch in Kampfhaltung potenzieller Konkurrenten begegnen können, oder ob wir ein neues Miteinander entwerfen und anbahnen – das ist die Frage. Vor allem für Erwachsene, Lehrer und Erzieher. Das Prädikat »pädagogisch wertvoll«, trägt Film zu Recht.

Jugend ohne Gott, Drama, Jugend ohne Gott; nach dem gleichnamigen Buch von Ödön von Horváth, Regie‎: ‎Alain Gsponer, 114 Min., FSK 12