Pädagogik – Ein Bekenntnis

Von Ute Hallaschka, Mai 2017

Die Frage lautet: Was ist ein guter Unterricht? Das untersucht der Dokumentarfilm von Jakob Schmidt »Zwischen den Stühlen«, auf ungewöhnliche Weise. Drei mutige Protagonisten waren bereit, vor der Kamera ihre Prüfungszeit zu absolvieren – das Referendariat.

Der Film zeigt abwechselnd Interviews mit den angehenden Lehrern, Unterrichtsszenen, Seminarbesprechungen und die tatsächliche Abschlussprüfung.

Er beginnt mit der Eidesformel, welche Beamte im Staatsdienst abzulegen haben. Sie schwören gute Lehrer zu werden »getreu dem Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland«.  Da fragt sich gleich zu Beginn, was das Grundgesetz konkret für die Pädagogik leisten kann, die bekanntlich im förderalistischen System von den Bundesländern geregelt wird. Mit einer Willkür, die an feudalistische Kleinstaaterei erinnert.

Der Zuschauer ahnt von Anfang an, wie es ausgehen wird mit Anna in der Grundschule, Katja in der Gesamtschule und Ralf im Gymnasium. Die schonungslosen Selbstauskünfte in den Interviewpassagen lassen die Haltung der Betreffenden deutlich werden.

Anna, die in der Grundschule voller Mitgefühl verzweifelte Kinder tröstet, hält »Notengebung für einen drastischen Vorgang der Machtausübung« und formuliert den politischen Anspruch des deutschen Schulsystems so:»Es soll verwertbares Humankapital erzeugen«. Sie selbst wird bei der ersten Prüfung aufgrund didaktischer Mängel durchfallen. Ralf, der Gymnasiallehrer, der in Deutsch, Hermann Hesse: »Unterm Rad« behandelt, ist persönlich überzeugt, dass es in Ordnung ist vollwertige Mitglieder der Gesellschaft zu produzieren, im Hinblick darauf»dass man sich später weder um sie sorgen, noch vor ihnen fürchten muss.« Ralf wird glücklich seine Prüfung bestehen. Zwischen diesen beiden Positionen, Katja, die an einer Gesamtschule – offenbar in sozialer Brennpunktlage – ihr Referendariat absolviert. An dieser Schule kommt es zu einer denkwürdigen Szene. Die tobende, chaotische Meute wird gebeten sich für die Prüfungsstunde von ihrer besten Seite zu zeigen. Auf die Frage: Warum? antwortet einer: »damit wir später nicht Hartz IV für Sie bezahlen müssen«. Wenn das nicht geistreich ist – aber auch zynisch! Dieser Zynismus erscheint immer wieder. Katja berichtet unter Tränen im Lehrerzimmer von einem Schüler, der sich absichtlich mit Tinte beschmiert, damit er raus darf zum Waschen. Als sie dies untersagt, zerbeißt er die Patrone und färbt sich Mund und Gesicht. Der amüsierte Kollege drückt ihr daraufhin eine grüne und rote Patrone in die Hand – die soll sie nächstens dem Schüler geben, damit es schön bunt wird. Katja wird zwar die Prüfung bestehen, doch sie freut sich nicht darüber. Sie ist traurig, leer und ausgebrannt, ehe es überhaupt losgeht mit dem Beruf. Der Abspann informiert uns, dass sie später an die Grundschule wechseln wird, wo es ihr bessergeht. Auch Anna hat es im zweiten Anlauf geschafft und eine Schule gefunden, an der sie zurechtkommt.

Was nicht zurechtkommt in diesem System, das ist die Menschlichkeit. Kindheit und Jugend werden in einer wahnwitzigen Weise im Maßregelvollzug bewältigt. Die sogenannte Fürsorgepflicht des Staates stellt sich im Fachsimpeln darüber dar: Performanz-Kompetenz und Kompetenz-Kompetenz …

Dieser Film dürfte angehende Staatsschullehrer das Fürchten lehren. Gerade darum sollten sie ihn sehen. Es gibt jedoch nur eine Bevölkerungsgruppe, die diese Zustände wirklich ändern kann – das sind die Eltern. Wie lange noch wird es dauern, bis der Leidensdruck so groß wird, dass es zur Bildung des erweiterten Egoismus kommt? Zur Einsicht, dass man das eigene Kind in diesem System nicht retten kann – ohne dem System grundsätzlich zu Leibe zu rücken. Für diese Erkenntnis sorgt der Film und das ist gut.