Reise nach Absurdistan

Von Ute Hallaschka, November 2016

Das Buch von Wolfgang Herrndorf war ein Riesenerfolg: Tschick hat Kritik und Publikum gleichermaßen begeistert. Es kommt selten vor, dass ein Gegenwartsroman von sämtlichen Generationen gelesen und geliebt wird, Tschick ist Schullektüre und aktuell eines der meistgespielten Theaterstücke der Republik. Und nun auch noch eine Kinoversion.

Der Regisseur Fatih Akin hat beherzt auf den Stoff zugegriffen. Der lakonisch zärtliche O-Ton des Romans wird in den knappen Dialogtexten beibehalten, die Handlung nur wenig verändert. Akin findet treffsicher poetische Filmbilder für das, was im Text zwischen den Zeilen steht. Doch was den Film wirklich wundervoll macht, das ist die Leistung der beiden jungen Darsteller. Tristan Göbel (Maik) und Anand Batbileg (Tschick) sind im realen Alter ihrer fiktiven Gestalten. Das hört man, wenn den 14-Jährigen gelegentlich die Stimme bricht. Was man sieht, ist eine unglaublich einfühlsame, berührende Darstellung – dicht und präsent wie es eigentlich nur Profis schaffen.

Die Geschichte wird wie in der literarischen Vorlage im Rückblick erzählt. Zu Beginn der Unfall auf der Autobahn mit dem Schweinetransporter. Hier endet die Fahrt mit dem geklauten Lada. Das Ganze geht bekanntlich auf das Konto von Tatjana – »dem schönsten Mädchen der Welt, das in der Geschichte gar nicht vorkommt«. Das Thema der Reflexion und Imagination ist dem Stoff mit leichter Hand eingeschrieben. Wie sollte es auch anders sein, Pubertät ist ja die Introspektion von Schicksal, wenn es erstmals bewusst erlebt wird, in Gestalt eines bestimmten Menschen, der auf einen zukommt.

Maik ist der Psycho der Klasse, das Opfer. Verwahrlost im Wohlstand seiner reichen Eltern. Die Mutter ist alkoholkrank und der Vater ist Unternehmer und hat keine Zeit. Ein Neuer kommt in die Klasse, Tschick, der »echte Asoziale« hat irgendwie den Weg ins Gymnasium geschafft, ist aber alles andere als ein Integrationsvorbild. Maik findet den schlauen, abgebrühten Typen am Anfang genauso widerlich wie alle anderen. Dann sind Sommerferien, Maik ist mit seinem Weltschmerz allein zu Haus am Pool. Plötzlich taucht Tschick auf. Mit dem himmelblauen geklauten Lada machen sie sich auf den Weg in die Walachei. Im Roman dudelt unentwegt eine Schnulzen-Kassette, die sie im Auto gefunden haben. Anders im Film, da gibt es natürlich dynamisch musikalische Einlagen aktueller Machart. Das ist dramaturgisch notwenig, was als running gag im Text oder auch auf der Bühne aufgeht, weil es da stetig aktualisiert wird, das wäre öde im Film.

Ein Trost für den erwachsenen Zuschauer: Der Rhythmus ist stimmig. Der Lärm endet immer gerade dann, wenn er wirklich anfängt zu nerven. Die Reise nach Absurdistan hat so viele tragikomische, irrwitzige, liebenswerte Momente. Am Ende kann sich der ältere Zuschauer tatsächlich wünschen nochmal 14 zu sein. Das ist wirklich ein Wunder!

Film: Tschick, Drama, Komödie, nach dem gleichnamigen Buch von Wolfgang Herrndorf, Regie: Fatih Akin, 93 Min. FSK 12, Deutschland 2016

www.tschick-film.de