Schloss aus Glas

Von Ute Hallaschka, September 2017

Das Buch war ein Welterfolg. »Schloss aus Glas« stand jahrelang auf der Bestsellerliste der New York Times, wurde in 23 Sprachen übersetzt und rund um den Globus millionenfach verkauft. Der gleichnamige Film von Destin Daniel Cretton, mit Oscar Preisträgerin Brie Larson in der Hauptrolle, startet jetzt in deutschen Kinos.

Was rührt die Menschen an dieser autobiographischen Erzählung der Journalistin Jeanette Walls? Jahrelang verschwieg sie die Familiengeschichte – dass sie ihre Kindheit und Jugend in Hunger, Elend und Pappkartons als Schlafstätte verbrachte – immer geplagt von der Angst, dass jemand ihre Vergangenheit entdeckt.

Es scheint weniger die alte Geschichte vom Tellerwäscher zum Millionär, die dem Publikum imponiert, als vielmehr das öffentliche Ringen um Bewältigung des persönlichen Schicksals. Darin hält der Film sich treu an die literarische Vorlage. Es geht nicht um Erfolgsromantik und Verklärung, sondern um Schuld und Vergebung. Auf psychologische Deutungsmuster wird weitgehend verzichtet, im Versuch dieses Familiendrama so zu zeichnen, dass der Blick allen Beteiligten gerecht wird. Das hat durchaus Anklänge einer karmischen Perspektive.

Für den Zuschauer ist es eine ziemliche Prüfung. Was man sich als Leser schonend in der Phantasie ausmalen kann, wird im Film unausweichlich. Wenn der alkoholkranke Vater das gesparte Geld der hungernden Kinder stiehlt, um sich Zigaretten und Schnaps zu besorgen, dann beginnt man ihn als Zuschauer zu hassen. Tatsächlich wird im Kino gemurmelt, nicht wenige stoßen Verwünschungen aus, seufzen oder klagen hörbar. Und es gibt viele solcher Szenen, in denen der Zuschauer nicht weiß, wohin mit überströmenden Gefühlen – Wut, Verzweiflung, Hass, Zärtlichkeit, Wahrhaftigkeit und Liebe.

Zwischen diesen Extremen leben die vier Kinder der Familie Walls. Verwahrlost, in wechselnden Elendsquartieren, mit der unglaublichen Kraft der Solidarität, wie sie nur Kinder aufbringen können. Sie kümmern sich nicht nur umeinander, sondern auch um die Eltern. Die Mutter Rose Mary, gespielt von Naomi Watts, wird im Film weichgezeichnet. Hier erscheint sie weniger verrückt, im klinischen Sinne, als eingesponnen in den Egoismus ihrer Träume. Sie hält sich für eine geniale Malerin.

Mit einer brutalen Szene setzt die Handlung ein, die in Rückblenden erzählt wird: Die kleine Jeanette muss kochen, weil ihre Mutter malt und am Gasherd gerät ihr Kleid in Brand. Mit den schweren Brandwunden ist sie lebenslang gezeichnet. Der Vater Rex, wird gespielt von Woody Harrelson (Hunger Games). Er meistert die Darstellung dieser gebrochenen Figur, indem er ihr soviel Charme mitgibt, dass der Zuschauer in die Situation der Heldin gerät. Mit exaktem Timing. Immer dann, wenn die Urteilskraft richtet und diesem abscheulichen Charakter jegliche Anteilnahme verweigern möchte, tritt ein Lichtblick ein. Ein Wechsel der Perspektive, der das Täter-Opfer Schema unentwegt aufbricht.

Dieser Film konfrontiert uns in spielerischer, unaufdringliche Weise mit der innigsten Zeitfrage. Wir wissen soviel voneinander – wie sollen wir uns gegenseitig vergeben? Wie ist Versöhnung möglich im wahren Leben? Diese »Glashaus-Frage« stellt sich uns allen, privat und politisch. Wie kann das unbegreifliche Leid, das Menschen einander antun, so bewältigt werden, dass man weiterleben kann, ohne selbst zum Unmenschen zu werden?

Was das Buch auszeichnet und was der Film beherzigt, ist die Haltung der Autorin. Jeanette Walls hat sich mit ihrem Vater vor seinem Tod ausgesöhnt und ihrer Mutter ein Haus gebaut – direkt neben ihrem eigenen. 

Schloss aus Glas, Drama, nach dem gleichnamigen Roman von Jeannette Walls The Glass Castle), 128 Min., FSK 12, USA 2017