Timm Thaler – Faust 4.0

Von Ute Hallaschka, Februar 2017

Ein märchenhafter Kinderfilm mit radikaler Sozialkritik – der kommt gerade zur rechten Zeit. »Timm Thaler oder das verkaufte Lachen« von Andreas Dresen ist ein echtes Generationenprojekt: Faust 4.0. Heute verkaufen wir unsere Seele ja weniger für Erkenntnisgewinn, als einfach für Geld oder aus Not.

Timm lebt mit seinem Vater im Armutsviertel, doch beide sind begabt mit einer fröhlichen Natur. Wenn Timm lacht, steckt er mit seiner Freude und Fröhlichkeit alle Welt an. Schon hier die Frage: Wie oft sehen wir Kinder so unbekümmert lachen in der realen Welt? Als sein Vater stirbt und nicht einmal Geld für einen Grabstein da ist, schließt der Junge einen Pakt mit dem Bösen. Er verkauft ihm sein Lachen, – dafür wird er fortan jede Wette gewinnen. Zunächst auf der Pferderennbahn, die er von Besuchen mit dem Vater kennt. Später entdeckt er, dass er mit dem Handschlag der Wette jeden Lebensprozess manipulieren kann. Die nächste Gedankenbrücke zur Wirklichkeit: das Spekulationsgeschäft der Aktienkurse, auf dem die gesamte Weltwirtschaft basiert, ist ja nichts anderes – aus dem ehemaligen Wettbewerb der Produktion ist längst eine gigantische globale Wette geworden.

Timm erlebt, wie sich sein Charakter verändert. Er hat Macht über die Welt, nur nicht über sich selbst. Wie er sich schließlich zurückgewinnt und dafür nichts anderes opfern muss, als eine Wahnvorstellung, das ist eine tolle Geschichte mit philosophischem Hintergrund. Der Zuschauer muss sich darum nicht kümmern, es wird ihm erzählt in naiver, kunterbunter Manier. Doch mit Spielfreude und Humor so treffsicher in Szene gesetzt, dass es äußerst bewusst wird. Beste Unterhaltung für Kinder und Erwachsene gleichermaßen.

Ein Spielfilm, der zu denken gibt. Nicht zuletzt an den Kinderbuchautor James Krüss, auf dessen Romanvorlage von 1962 der Streifen basiert. Es scheint heute unfassbar, doch Krüss wurde wegen seiner Homosexualität erpresst, er zahlte Schweigegeld, da ihm sonst Berufsverbot drohte.

Als Kinderbuchautor hätte er, der Kinder für »das offenste und undoktrinärste Publikum der Welt« hielt, nicht weiter veröffentlichen können, zu einer Zeit als Liebe zwischen Männern ein Straftatbestand war. Wenn der neue Timm Thaler Film am 2. Februar startet, dürfen wir mit einem lachenden und einem weinenden Auge unserer Gegenwart gedenken. Doch die Freiheit menschlicher Herzlichkeit will verteidigt sein.

Timm Thaler oder das verkaufte Lachen, 2016. Regie: Andreas Dresen. Starttermin 2. Februar 2017