Das gesellschaftliche Selbstverständnis der Freien Waldorfschulen

Von Albrecht Hüttig, Januar 2015

Die folgenden Thesen resultieren aus einer gemeinsamen Arbeit des »Arbeitskreises Schulrecht«, des Vorstandes und der Konferenz des Bundes der Freien Waldorfschulen. Ziel ist es, dem in den Medien mitunter propagierten Bild, Waldorfschulen seien elitäre Privatschulen, Tatsachen entgegenzusetzen.

1. Bildung ist nach Überzeugung der Waldorfschulen dem Kindeswohl und der Entfaltung der Persönlichkeit verpflichtet – so auch die völkerrechtliche Definition – und nicht ökonomischen oder staatlich-politischen Intentionen.

2. Bildung ist eine zentrale Aufgabe der pluralen Bürgergesellschaft, deshalb sind Bildungsmonopole, ob staatlich, ökonomisch oder gesellschaftlich, inakzeptabel.

3. Waldorfschulen unterrichten Schüler ohne Selektion in einem einheitlichen Bildungsgang von Klasse 1 – 12. Sie anerkennen alle Arten von Begabung und achten die Vielzahl von religiösen, wissenschaftlichen, gesellschaftlichen, ökologischen und spirituellen Lebenseinstellungen auf der Grundlage der Menschenrechte.

4. Waldorfschulen nehmen ihre Schüler nach transparenten Verfahren auf. Sie erwarten von den Eltern keinerlei Bekenntnis, setzen aber voraus, dass sie eine Erziehungspartnerschaft mit den Pädagogen auf Grundlage der Waldorfpädagogik eingehen wollen.

5. Die Entscheidung der Eltern, welche Bildungseinrichtung sie für ihr Kind wählen, ist maßgeblich; sie darf nicht von ihren finanziellen Möglichkeiten abhängen.

6. Waldorfschulen setzen sich für die freie Zugänglichkeit aller öffentlichen Schulen, gleich welcher Trägerschaft, ein. Statt der Schulgeldpflicht für Kinder, die eine freie Schule besuchen, plädieren die Waldorfschulen dafür, die Finanzierung der Schulen trägerneutral an die Anzahl der Schüler zu koppeln, ggf. unter Berücksichtigung der Schulstandorte. Dadurch können auch einkommensschwache Familien von ihrem Recht auf freie Schulwahl Gebrauch machen.

7. Waldorfschulen in Eltern- und Lehrerträgerschaft arbeiten gemeinnützig und in eigener Verantwortung.

8. Waldorfschulen arbeiten ökonomisch transparent, sie legen ihre Finanzen als Schulträger sowie als konsolidierte Gesamtdarstellung aller Waldorfschulen über den Bund der Freien Waldorfschulen offen.

9. Die Qualifikation in Waldorfpädagogik erfolgt an spezifischen Ausbildungseinrichtungen, Seminaren und Freien Hochschulen, die im Bund der Freien Waldorfschulen zusammenarbeiten.

10. Waldorfpädagogik wird in der Praxis und mittels wissenschaftlicher Methoden evaluiert, in wissenschaftlichen und fachspezifischen Schriften bzw. Aufsätzen publiziert und steht mit Vertretern der Erziehungswissenschaft im Dialog.

Kommentare

Thorsten Ziebell, Kaltenkirchen, 09.01.15 08:01

ein interessanter Ansatz, wichtig scheint mir der Hinweis auf den Unterschied zwischen These und Tatsache: Eine These darf als Tatsache angenommen werden, solange diese nicht widerlegt ist.

Leider stehen die aufgestellten Thesen im krassen Widerspruch zu der Realität! Sind sie deshalb unnütz? Ich meine sie sind im Gegenteil sehr nützlich, können diese Thesen doch als Anspruch an die Schulgemeinschaften gesehen werden.
Geben Sie doch die Möglichkeit über die Aufnahmeverfahren oder Selektionen trefflich zu streiten.

In der Aussenwirkung muss man sich auf Hinweise zur Diskrepanz zwischen Anspruch (These) und Wirklichkeit (Tatsache) gefast machen.

Thorsten Ziebell
Elternvertreter aus Schleswig-Holstein

Stephanie Hagedorn, 09.01.15 16:01

Sehe ich genauso, Thorsten! Wunderbares Material sich als Schule anhand der Thesen mal zu prüfen- besonders Thesen 4-8!

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