Autorität

Von Rosemarie Wermbter, Mai 2017

Autorität – dieser Begriff kann durchaus zwiespältige Gefühle hervorrufen. Schließlich will der Erwachsene ein selbstbestimmter Mensch sein, nicht abhängig und manipuliert von anderen.

Und doch wird auch der erwachsene Mensch vielerlei Autoritäten anerkennen: Zum Beispiel die Autorität des Fachmannes. Man glaubt dem Automechaniker, wenn er einem erklärt, was am Motor nicht stimmt, man glaubt dem Arzt erst einmal seine Diagnose. Und wenn man in der Zeitung liest »ein Team von Wissenschaftlern hat festgestellt …« dann wird man auch dieser Nachricht Glauben schenken. Und doch wird man nicht blind glauben, sondern sich immer prüfend fragen: Ist das so denn klar? Kann ich das nachvollziehen? Hat er recht? Selbst wenn ich eine bedeutende Persönlichkeit hoch verehre, werde ich nie mein eigenes Urteilsvermögen ausschalten. Da allerdings besteht gerade bei Jugendlichen die Gefahr, dass sie die Wärme des Gefühls nicht durch kalte Nüchternheit beeinträchtigen wollen, ganz allgemein aber gilt, dass der mündige Mensch nicht blind einer Autorität folgen soll.

In einer ganz anderen Situation befindet sich das Kind. Weder Verstand noch Erfahrung befähigen schon zu Urteilen. In den allerersten Lebensjahren ist sogar die gesamte wahrgenommene Umwelt die »Autorität«, der sich das Kind hingibt, mit seinem Leib ganz unwillkürlich alles nachahmend. Nach dem Zahnwechsel verlagert sich die Nachahmung sozusagen auf das seelische Gebiet. Ein vom Leiblichen losgelöstes Seelisches ist nun verfügbar, das wir ja dazu benutzen, das Kind etwas lernen zu lassen. Aber dieses Seelische ist zunächst zart; von keinem zentralen Willen durchwoben, es sucht und braucht den Halt, den ihm Erwachsene geben. So wie ein junges Bäumchen zunächst den starken Pfahl braucht, an dem es festgebunden allmählich zu eigener Kraft und Stärke heranwächst, so braucht das Kind vom 7. bis 14. Lebensjahr die Autorität, an der es sich orientieren kann. Natürlich handelt es sich nicht um die kommandierende, machtausübende Autorität, sondern laut Rudolf Steiner um die »geliebte« Autorität. Zunächst werden das die Eltern sein – mit dem Eintritt in die Schule ist es häufig der Lehrer. Er soll die Autorität sein und Autorität anstreben – nicht, weil es ihm das Leben leichter macht, sondern weil die Kinder das brauchen. Fehlt ihnen in diesem Alter die Autorität, holen sie das Autoritätsverhältnis in einem späteren Alter nach, wo es nicht mehr hingehört. Es mag den Eltern manchmal lästig sein, wenn das Kind dauernd verkündet »Aber der Herr X hat gesagt …«, doch sie sollten die Autorität des Lehrers unterstützen und ihn nicht vor dem Kind kritisieren, so wie ja auch der Lehrer immer die Autorität der Eltern stützen wird. Es ist nicht gut, dem Kind in diesem Alter Urteile abzuverlangen, es dauernd Entscheidungen treffen zu lassen. Es will vom Erwachsenen hören, wo es lang geht, auch wenn es vielleicht protestiert. Es gibt ihm innere Sicherheit, wenn es weiß, die Mutter wird mir schon sagen, was ich in diesem Fall machen soll oder der Vater kennt den richtigen Weg.

Die Frage nach der Autorität ist also nicht mit Ja oder Nein zu beantworten, sie hängt ganz von der Altersstufe des Menschen ab und von der Person der Autorität

Zur Autorin: Rosemarie Wermbter, Dipl. Bibliothekarin, Besuch des Waldorflehrerseminars, ab 1950 Klassenlehrerin an der Schule Uhlandshöhe in Stuttgart. Danach Betreuung der Bibliothek des Lehrerseminars und Herausgabe des Lehrerrundbriefs.

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