Eine Schule für alle – Barrieren auf dem Weg zu einer inklusiven Waldorfschule

Von Sandra Klatt-Obrich, März 2011

Anna ist immer nur auf Besuch hier. Bei der Monatsfeier oder beim Drei-Königsspiel darf sie dabei sein, unten im Parkett der Aula, zu ebener Erde. Wie es im Klassenzimmer ihrer älteren Schwester im zweiten Stock aussieht, weiß sie nur aus Erzählungen. Anna geht woanders zur Schule. Als einzige ihrer früheren Kindergartengruppe.

Zu Hause macht sie mit ihrer Schwester die Schularbeiten gemeinsam und löst manchmal deren Rechenaufgaben. Sie kostet heimlich davon. Auf den Wintermarkt hat sie sich früher immer gefreut, als ihr Vater sie noch auf den Schultern durch die Schule trug. Treppauf. Treppab. Jetzt, findet Anna, ist sie mit ihren sieben Jahren zu alt dazu. Sie möchte ihre Wege selbst bestimmen, allein vorwärts kommen. Doch im Foyer ist für Anna Schluss mit dem Wintermarkt. Kinder stürmen an ihr vorbei in die anderen Stockwerke zum Schiffchen blasen, Kerzen ziehen oder Laternen basteln. Anna bleibt mit ihrem Rollstuhl zurück. Eine konstruierte Geschichte? Vielleicht. Aber so oder so ähnlich geht es Menschen mit Behinderung, die in unserer Schule zu Besuch sind. Sie stoßen auf Barrieren, die sie daran hindern, dabei zu sein. Besonders schmerzlich ist das für Kinder wie Anna, die gerne richtig dazugehören möchten. Kein Zweifel, dass gerade für Kinder mit Behinderung die Waldorfschule, das Miteinander einer lebendigen Klassengemeinschaft von großer Bedeutung wäre und ihnen eine positive Entwicklung ermöglichen würde. Doch wie soll ein Kind im Rollstuhl, um bei diesem Beispiel zu bleiben, in unserem Schulgebäude zurecht kommen – ohne Fahrstuhl? Und mit dem allein wäre es nicht getan, da es innerhalb eines Geschosses unterschiedliche Ebenen gibt, die wiederum nur über Stufen zu erreichen sind. Ein grundsätzliches Umdenken und kreative Lösungen sind gefragt. Unser Ziel sollte es sein, Menschen mit Behinderung oder Krankheit zu ermöglichen, dass sie sich frei und ohne Hilfe anderer in der Schule bewegen können. Barrierefreiheit ist ein wesentlicher Bestandteil dafür, dass behinderte Menschen ihren Alltag selbst bestimmen und ihre Würde wahren können. Der Abbau von Barrieren kostet jedoch Geld.

Keine der Hamburger Waldorfschulen ist barrierefrei

In einem Interview mit Johanna Keller, Justitiarin beim Bund der Freien Waldorfschulen, deutete sich ein Umdenken an (Erziehungskunst 10/2010). Man sehe sich in allen Waldorfeinrichtungen verpflichtet, Menschen mit Behinderung durchgängig einzubeziehen. Allerdings stehe man damit noch ganz am Anfang, sagte Keller. In der Tat gibt es hier in Hamburg, von den heilpädogogischen Einrichtungen abgesehen, keine spürbare Entwicklung – die hiesigen Waldorfschulen sind, trotz weniger Fahrstühle, alle nicht wirklich barrierefrei. Dabei wäre eine behindertengerechte Umgebung sicherlich ein erster und wichtiger Schritt, »Menschen mit Assistenzbedarf … gleichberechtigt und vollumfänglich Anerkennung und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu verschaffen« (aus: Gemeinsame Erklärung des Bundes Freier Waldorfschulen zur UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung, Erziehungskunst 10/2010, S. 47). Die Erklärung bezieht sich in erster Linie auf Kinder und Schüler. Gleichfalls zu berücksichtigen wären aber auch Eltern, Geschwister, Großeltern oder Freunde – all jene, die unsere Schule regelmäßig besuchen und ebenfalls bereichern. Eltern mit Behinderung können ihr Kind jedoch nicht hinreichend in den Räumen unserer Schule begleiten, Elternabende und andere Veranstaltungen bedeuten mitunter eine große Kraftanstrengung oder gar ein unüberwindliches Hindernis. Die Formen von Ausgrenzung sind vielschichtig und es gibt sie selbst in dem ganzheitlichorientierten, eigentlich sensiblen Umfeld Waldorfschule.

Inklusion als Profil: Für das Leben lernen

Von der vergangenen Elternratssitzung wurde berichtet, dass sich einige Hamburger Waldorfschulen ein eigenes Profil geben wollen. Könnten diese Schulen möglicherweise die Chance nutzen, sich in Zukunft mit dem Thema »Inklusive Pädagogik« zu profilieren und aus den darin schlummernden Potenzialen zu schöpfen? Die praktische Umsetzung bietet so manche Herausforderung im rhythmischen Teil des Hauptunterrichts, in der Eurythmie, beim Klassenspiel, im Sprachunterricht oder Turnen. Aber die Kinder haben es verdient, dass wir es uns nicht leicht machen. »Die Waldorfpädagogik ist auf die gemeinsame Bildung von Kindern unterschiedlicher Begabung ausgerichtet. Diese Ausrichtung fördert nachweislich die Sozialkompetenz unserer Schüler«, sagt Johanna Keller und stützt damit einen inklusiven Ansatz sowie integrative Projekte. Durch eine Öffnung für diese Fragestellung könnten verschiedene Initiativen wachsen. Vor allem aber würden die Kinder etwas fürs Leben mitnehmen, was kein Gesellschaftskunde-Unterricht leisten kann. Inklusion ist als Bestandteil der Waldorfpädagogik zu sehen. Menschen mit Behinderung gehören in die Mitte der Gesellschaft. Ein Verweis auf sogenannte Sondereinrichtungen aus Mangel an Alternativen oder innovativen Konzepten führt diese Menschen in die Isolation. Mit dem Standard wird man ihnen nicht gerecht. Wenn wir Anna dann in ein paar Jahren wieder begegnen – bei der Orchesterprobe, in der Mensa oder auf dem Wintermarkt – wird sie uns vielleicht von den ersten spannenden Monaten in diesem Haus erzählen. Einen Fahrstuhl gibt es jetzt. Und sie ist Schülerin hier. Nicht mehr und nicht weniger.

Hinweis

Ob in Hamburg oder bundesweit: Wer interessiert ist an Arbeitskreisen zum Thema Inklusion und Barrierefreiheit an Waldorfschulen und deren Vernetzung, nehme bitte Kontakt zur Autorin auf. EMail: klatt(at)mcourage.de

Kommentare

Martin Cuno, Siegen, 19.04.11 21:04

Zu diesem Text möchte ich kurz einiges kritisch anmerken - was allerdings nicht möglich ist, ohne den Kontext der breiten Inklusionsdebatte, wie sie zur Zeit geführt wird, einzubeziehen. Denn für sich gesehen ist der Text ja sympathisch und spricht für sich, weil er für die Rechte behinderter Menschen spricht. Der Teufel steckt im Kontext. Beispiele:
Der Titel "Eine Schule für alle": sympathisch. Wer aber weiß, dass dieser Slogan meist im Sinne der gleichnamigen Initiative verwendet wird, die in geradezu militanter Ausschließlichkeit, unter Negation des Elternwahlrechtes, tatsächlich eine Einnivellierung der Schullandschaft anstrebt, möge dies zu Ende denken unter Einbeziehung der Frage: Was bedeutet dies für die Waldorfbewegung, die unter der Fahne des "Freien Geisteslebens" angetreten ist und nur in diesem Rahmen sinnvolle Pädagogik machen kann?
"Man sehe sich in allen Waldorfeinrichtungen verpflichtet, Menschen mit Behinderung durchgängig einzubeziehen." Ein Satz, der typisch für den tabuisierten Charakter der aktuellen Debatte ist. Niemand traut sich zu widersprechen. Bei genauerer Überlegung mag man sehr wohl Gründe zum deutlichen Widerspruch anerkennen: Zur von der Waldorfpädagogik gemeinten Freiheit des Geisteslebens und der Pädagogik gehört elementar, dass das jeweilige Elternpaar, die Schule (und das Kind) im freien Sichkennenlernen übereinkommen, ob man zueinander passt. Will man dies wirklich leichtfertig aufgeben, weil man meint, nur so "Diskriminierung" verhindern zu können?
"Menschen mit Behinderung gehören in die Mitte der Gesellschaft. Ein Verweis auf sogenannte Sondereinrichtungen aus Mangel an Alternativen oder innovativen Konzepten führt diese Menschen in die Isolation." Dito, auch hier braucht es Mut zum Widerspruch. Wenn ich als Lehrer an einer heilpädagogischen Waldorfschule ("Sonderschule") widerspreche, so nicht aus egoistischer Angst um meinen Arbeitsplatz, sondern aus Berufsethos und allgemeinem Ethos; mein Widerspruch lautet: "Menschen mit Behinderungen gehören wie jeder Mensch dahin, wohin sie wollen." Genau diese freie Wahlrecht des Lebens-, Arbeits- und Schulortes steht selbstverständlich in der UN-Konvention. Jeder kann im übrigen selbst entscheiden, wo er die "Mitte der Gesellschaft" empfindet. Und weiter: Die Behauptung von "Isolation" ist grotesk. Hospitieren Sie doch bitte in den "sogenannten Sondereinrichtungen" und fragen Sie, wer sich isoliert fühlt. Es ist doch im Freien Geistesleben ganz einfach: Wer sich isoliert fühlt, wechselt halt die Schule (das kommt ja auch in "Regel"-Waldorfschulen oft genug vor).
Das einfachste Beispielkind ist immer das Rollstuhlkind: Barrieren müssen weg, auch daran zweifelt niemand. Aber Leser derartig einseitiger Artikel, insbesondere wenn sie kaum Erfahrung mit "behinderten" Menschen haben, kommen einfach von allein nicht auf den Transfer: Was ist, wenn die Behinderung woanders liegt, wenn also das Kind z.B. keinen Rollstuhl braucht, sondern andere, nichttechnische Hilfen wie eine besondere Ansprache oder besondere Bedingungen? Dann heißt das "Aussonderung" und "Diskriminierung". Ist denn das Rollstuhlkind durch die Bereitstellung des Rollstuhls diskriminiert? (In der UN-Konvention steht weder das eine noch das andere.)
Fazit: Fragt die einzelnen Menschen, was sie wollen! Nur so wird man das Unwahrhaftige und Tendenziöse der gegenwärtigen Debatte, die einem "freien Geistesleben" Hohn spricht, langsam wieder abbauen können.
Diese und weitere Argumente sind, unter Einbeziehung der Aussagen der UN-Konvention, weiter ausgeführt in der Stellungnahme des Schulkollegiums, in dem ich tätig bin: www.waldorf-net.de/j-r-s/, siehe "Zum Thema Inklusion".

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