Karriereleiter oder Schlammrutschen – das ist nicht die Frage!

Von Katrin Stiefel, Mai 2017

Den Beitrag von Alexandra Handwerk in der Erziehungskunst 2/17 habe ich verschlungen. Wie hat sie den Alltag mit Kindern doch gut beschrieben. Und wie gut konnte ich die Gefühlslagen, die dieser Alltag den Eltern schenkt, nachempfinden!

Aber zurück blieb nach dem Lesen seltsamerweise nicht etwa das Gefühl, im eigenen Erleben bestätigt worden zu sein, sondern eine ziemlich komplexe Verwirrung. Ich musste wirklich innehalten. Moment – sprach sie eigentlich auch von mir?

Diese Frage hat mich einige Tage lang beschäftigt und ich bin zu dem Ergebnis gekommen: Nein, das tut sie nicht. Denn bei mir hat sich diese Alternative nie aufgetan: Kinder oder Karriere. Meine Karriere, wenn man es denn so nennen will, habe ich mit der Geburt meiner Kinder zwar auch hintangestellt – und dann eines Tages aus dem Blick verloren. Aber was bei mir übrig blieb, war nicht Familie pur, sondern das ewige Hamsterrad des Sowohl-als-Auch von Beruf und Familie – das sich dann seit dem Scheitern meiner Ehe auch noch rasant beschleunigt hat. Worauf ich hinaus will, das ist eine Bitte. Liebe Waldorfs, lasst uns doch mal endlich in der Realität heutiger Familien ankommen (und mit Familien meine ich die ganze bunte Palette an Lebensentwürfen mit Kindern). Eltern arbeiten heutzutage in aller Regel. Sie tun das nicht immer freiwillig und aus Leidenschaft, sondern oft auch und vor allem aus finanziellen Gründen. Wie fangen wir als Schulgemeinschaft die dadurch entstehenden Betreuungslücken für unsere Kinder verlässlich auf und entlasten jene Mütter und Väter, die arbeiten müssen, so dass sie ihre Kinder geborgen wissen und die wenige verbleibende Zeit mit ihnen umso erholter verbringen können?

Wie war das eigentlich bei den Müttern der ersten Waldorfschule, habe ich mich dann gefragt. Aus Stuttgarter Arbeiterfamilien, heißt es immer, seien die ersten Schülerinnen und Schüler gekommen. Aber mussten die Proletarierinnen vor hundert Jahren nicht auch arbeiten? In welchen Mutterdiskursen haben die sich eigentlich bewegt? Und wie war das mit den Vätern? Vielleicht finden wir ja hier Antworten auf die brennend aktuelle Frage: Wie gestalten wir die Schule so, dass alle Mütter und Väter ihre Elternschaft auch mit dem Beruf vereinbaren und bestmöglich leben können?

Wie schön wäre es, wenn die Erziehungskunst dazu überginge, in ihren Beiträgen ganz selbstverständlich auch die Vielfalt heutiger Familienmodelle zu thematisieren, um ein inspirierendes Forum zu werden für die vielen damit verbundenen Fragen und Aufgaben. Denn egal, wie man das findet, hier liegen für Eltern und Kinder die Herausforderungen der Zukunft: Beruf und Schlammrutschen, das muss doch vereinbar sein!

Zur Autorin: Katrin Stiefel ist Mutter von zwei Waldorfschulkindern und Lehrerin an einer Regelschule.

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