Keine Angst vor dem Gähnreflex

Von Bertold Breig, Oktober 2017

Leserbrief zu »Was ist eine gute Klassenfahrt?« von Michael Birnthaler, »Erziehungskunst«, Juli/August 2017.

Der durch nichts zu ersetzende Wert von Klassenfahrten soll hier nicht in Frage gestellt werden; der Verfasser dieser Entgegnung ist Lehrer, Klassenbetreuer und begeisterter »Klassenfahrer«. Doch es scheint, als schreibe Birnthaler mehr im Interesse seines EOS-Instituts, das die Organisation und Durchführung von Klassenfahrten anbietet, als im Interesse der Pädagogik. Anders sind seine Einlassungen, auf die ich hier antworten möchte, kaum zu erklären.

Im Abschnitt Klassenfahrten unterstützen soziales Lernen wird als Horrorvision herauf­beschworen: »Schulisches Lernen ist – je höher die Klasse – fast ausschließlich nicht-gemeinschaftliches Lernen. Frontalunterricht, vielleicht auch Konkurrenzdenken und Einzelkämpfertum dominieren. Mobbing tritt auf.« – Wenn man bedenkt, dass der Gedanke des Lernens im gemeinsamen Erleben für die Waldorfpädagogik konstituierend ist, dann sind solche Sätze völlig unverständlich, und der Kampfbegriff »Frontalunterricht« hat als Schreckgespenst im pädagogischen Diskurs schon lange ausgedient. Was Birnthaler hier als den Normalfall schulischen Lernens hinstellt, ist ganz einfach schlechter Unterricht.

Sein Versprechen lautet nun: »... aus einem wilden Haufen wird eine funktionierende Klassengemeinschaft.« Birnthaler, der diesen »wilden Haufen« als Ergebnis eines antisozialen Schulalltags darstellt, suggeriert damit, man könne sich aus den Folgen schlechten Unterrichts mit einem erlebnispädagogischen Arrangement herauskaufen – was für eine abwegige Vorstellung!

Eine Klassengemeinschaft entsteht zuallererst im täglichen Gestalten eines gesunden Unterrichtsalltags durch die Lehrerinnen und Lehrer, und hier ist auch die nachhaltige Lösung von sozialen Problemen zu suchen.

Altmodische Duschen sind nicht das Problem

Im Abschnitt Welchen Anforderungen sollte ein Schullandheim genügen? will Birnthaler glauben machen, »moderne und saubere sanitäre Anlagen und Duschgelegenheiten und eine geräumige, gepflegte und komfortable Selbstversorgerküche« seien maßgeblich für das Gelingen einer Klassenfahrt. Tatsache ist: Wer über altmodische Duschen mäkelt, hat ein Problem, dem mit modernen Duschen nicht abzuhelfen ist. Dagegen können wichtige Lernschritte darin bestehen, aus schwierigen Verhältnissen mit guter Laune und Tatkraft das Beste zu machen. – Dass die Standorte des in Freiburg ansässigen EOS-Instituts alle Kriterien erfüllen, mit denen laut Birnthaler eine Klassenfahrt »steht und fällt«, ist wahrscheinlich reiner Zufall, ebenso, dass die »tolle Location«, von der er spricht, im Schwarzwald angesiedelt ist und nicht im Harz oder auf Wangerooge.

Im Abschnitt Es braucht das gewisse Etwas heißt es: »Klassenfahrten von anno dazumal mit Wandertag, Schwimmbad, Fußballturnier, Lagerfeuer und kleiner Nachtwanderung wecken bei Schülern heute nur noch den Gähnreflex.« Damit sind wir beim Thema der übergeordneten Idee, die zweifellos jeder Klassenfahrt zugrundeliegen sollte. Eine solche Idee kann in einem konkreten Projekt liegen (sprachlich, geografisch, ökologisch, kulturell), sie kann aber auch einfach in der Freude am gemeinsamen Unterwegssein bestehen. Verbundenheit mit den Kindern und Offenheit für Anregungen und Ideen sind die besten Leitlinien für eine gelingende Klassenfahrt und bringen den Lehrer gar nicht erst in die absurde Situation, das Lagerfeuer gegen die Höhlenwanderung ausspielen zu müssen.

Hat Birnthaler nie ein Lagerfeuer unterm Sternenhimmel mit Liedern zur Gitarre erlebt? – Ich spreche hier nicht von nostalgischen Erinnerungen, sondern von heute gelebter Praxis mit der Smartphone-Generation.

Abenteuer als pädagogisches Arrangement?

Wer sich nun von Birnthaler ins Bockshorn jagen lässt und Angst vor dem Gähnreflex eines Siebtklässlers hat, wird gerne zum kostspieligen Outsourcing des gemeinschaftlichen Erlebens bereit sein und gibt damit wichtige Chancen aus der Hand, ein Stück Weges mit seiner Klasse zurückzulegen. Das abgestandene Klischee, mit dem Birnthaler Klassenfahrten als Ausgleichsveranstaltungen für Jungen darstellt, »die in einem feminin geprägten Schulbiotop nach ›echten Abenteuern‹ dürsten«, ist sehr eindimensional, umso mehr, als es sich bei diesen »Abenteuern« auch nur um ein pädagogisches Arrangement handelt.

Die Frage: »Sollte auf einer Klassenfahrt ein ›Profi‹ dabei sein?« muss deshalb anders beantwortet werden, als Birnthaler es gerne hätte, wenn er behauptet, Lehrerinnen und Lehrer hätten das Gestalten von Klassenfahrten »normalerweise nie gelernt«. Der Gedanke, dass Lehrerinnen und Lehrer sich fortbilden und weiterentwickeln, scheint Birnthaler fremd zu sein, und auch Kolleginnen und Kollegen, die wenig oder keine Erfahrung mit Klassenfahrten haben, sollten den herablassenden Ton dieses Abschnitts an sich abperlen lassen.

Das Versprechen schließlich, die Kinder würden durch eine Klassenfahrt »gegen die künstlichen Abenteuer aus der Scheinwelt der Medien und Computerspiele immunisiert«, ist ein unseriöses Spiel mit der Unsicherheit und Überforderung vieler Eltern und Lehrer im Umgang mit den Neuen Medien.

Wer die Mühe scheut, sich dieser erzieherischen Herausforderung mit Liebe, Geduld und Festigkeit im täglichen Umgang mit den Kindern zu stellen, dem wird auch der Griff nach dem Strohhalm der Erlebnispädagogik nicht weiterhelfen.

Zum Autor: Bertold Breig ist an der Freien Waldorfschule Frankfurt am Main tätig

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