Leserbrief zu Avatar-Filmbesprechung

Von Ludger Helming-Jacoby, März 2010

Als ich die uneingeschränkt enthusiastische Rezension des Films »Avatar« von Lorenzo Ravagli in der Märzausgabe der »Erziehungskunst« las, traute ich meinen Augen nicht. »Auch der Zuschauer erlebt eine Einweihung«? Nach meinem Verständnis ist eine Einweihung beim heutigen Menschen das ferne Ziel eines langen, in bewusster Schulung gegangenen Übungsweges. Aber eine Einweihung durch ein Filmerlebnis, das sich, wie Herr Ravagli selbst schreibt,  »wie eine zweistündige Halluzination über uns ergießt«?

Nun bietet der Film tatsächlich, mit ungeheurem Aufwand am Computer hergestellt, wunderschöne, fremdartige, faszinierende Landschaftsbilder, an denen man sich – wenn man sich den überwältigenden visuellen Eindrücken des Films aussetzen mag – durchaus erfreuen kann. Die Handlung hingegen ist eher konventionell, bietet – neben der anerkennenswerten Kritik an neokolonialistischer Ausbeutung – Motive, die man aus amerikanischen Filmen kennt, eben die Ingredienzien eines erfolgreichen Blockbusters: Die Guten bleiben gegen die technisch übermächtigen Bösen letztlich doch siegreich, dazu eine Liebesgeschichte, eine kräftige Portion an Geballere à la »Star Wars«, eine New-Age-Esoterik, die auf mich eher kindlich-schwelgerisch als »tief mystisch« wirkte.

Einen zwiespältigen Eindruck machten auf mich die menschenähnlichen, sprechenden Gestalten, die im Aussehen aber katzenhafte Züge und einen Tierschwanz haben. Was drückt sich in solchen »Zwischenwesen« aus? Des Weiteren habe ich mich gefragt: Wie wirken menschenähnliche, vollständig am Computer kreierte Gestalten auf den Zuschauer? Mir schien, dass sie etwas sehr Unbeseeltes ausstrahlten; die Gefühle, die sie ausdrückten, berührten mich kaum. Zu solchen Eindrücken und Fragen hätte ich in der Rezension gern etwas Erhellendes gelesen. Schade finde ich auch – und das hätte ich von einem »Erziehungskunst«-Beitrag eigentlich erwartet –, dass nichts zu der Wirkung eines solchen Films auf Kinder und Jugendliche und zu der Frage, ab welchem Alter er in Frage käme, gesagt wird. Immerhin ist er ab 12 freigegeben; das heißt aber, Kinder ab 6 Jahren dürfen ihn in Begleitung ihrer Eltern sehen!

Herr Ravagli schließt seinen Beitrag mit der Bemerkung: »Dass Cameron den Nerv unserer Zeit trifft, zeigt sich auch daran, dass der Film alle Einspiel-Rekorde gebrochen hat.« Ist das wirklich ein Qualitätsmerkmal? Man möge sich einmal ansehen, welche Filme in den Kinocharts ganz oben stehen – künstlerisch gestaltete, menschlich berührende Independent-Filme haben ja jedenfalls in der Regel keine Chance!

»Avatar« ist sicherlich ein diskussionswürdiger Film, und ich würde mir wünschen, dass in der »Erziehungskunst« eine Diskussion darüber in Gang käme. Dazu wollte ich mit meinen Ausführungen einen kleinen Beitrag leisten.

Ludger Helming-Jacoby, Klassenlehrer.

Kommentare

Knut Johannes Rennert, Ottersberg, 09.07.10 20:07

Lieber Herr Helming-Jacoby und lieber Herr Ravagli,

in "Die Christengemeinschaft" 3/2010 gab es ebenso eine, wie ich finde, problematische Rezension von „Avatar”. Da fühlte ich mich veranlasst, einen Leserbrief zu schreiben, der aber leider nicht veröffentlicht wurde, vielleicht ist er als Beitrag zu der vorgeschlagenen Diskussion geeignet:

Kritische Ergänzung zu der Besprechung des Films „Avatar” durch Hans-Bernd Neumann

Es ist gut, wenn ein Film wie „Avatar”, der mit einem riesigen Werbeaufwand in die Kinos gebracht wird und als das absolut Neueste gilt, schnell besprochen wird. Dieses ist Hans-Bernd Neumann zu danken. Ich konnte den Film leider erst später sehen und muss gestehen, dass ich enttäuscht war. Zum einen von dem Film, zum anderen leider auch von Herrn Neumanns Besprechung, denn die christliche Symbolik, die er hervorhebt, finde ich, tritt in dem Film kaum hervor. Stattdessen kommt es viel schlimmer!:
Die Idee des „Waldes” mit seinem „Netzwerk des Lebens”, welche dem ganzen Film „Avatar” zugrunde liegt, ist ein Plagiat aus „Turmhoch und meilenweit” von Tonke Dragt. Nur wird dieses Netzwerk nicht wie dort als eine geistige Verbindung der Wesen des Waldes miteinander begriffen, die in telepathischer Einfühlung und Denken der „Humanoiden” ihr Bewusstsein findet und nur in stiller Einkehr, Übung und Selbstüberwindung gefunden werden kann. Stattdessen wird diese Verbindung materialistisch genommen und banalisiert, in dem man sich über Synapsen-ähnliche Schnittstellen andocken kann, wie man sich an die „Matrix” andockt. So erscheint Gaia, die Erdenmutter als positive „Matrix”. Die ahrimanische Maschinenwelt der Matrix-Trilogie wird so einfach durch ein luziferisch „Gutes”, nämlich Mutter Natur, ersetzt.
Dieses luziferisch „Gute” sehe ich als einzige Reminiszenz an den katholischen Glauben. Doch bleibt der Christus außen vor, wenn man nicht den an den Heimatbaum „genagelten” Häuptling als Kreuzigungsmotiv auffassen will. Auch sonst sehe ich die christlichen Bezüge Neumanns nicht: z.B. müsste das uralte menschheitliche Motiv des Lebensbaumes dann verwandelt in den Kreuzes-Stamm erscheinen (siehe das Relief an den Externsteinen).
Vielmehr bedient sich James Cameron schamlos vor allem bei der Mythologie, den Initiationsriten und kulturellen Praktiken der Naturvölker und alter Kulturen, meist in Form von Allgemeinplätzen. Ähnlich wird eine Fülle von Bezügen hergestellt, zum Teil durch Übernahme von Details oder durch Anklänge, zu dem bereits erwähnten „Turmhoch und meilenweit” von Tonke Dragt, zu „The coming race” von Edward Bulwer-Lytton mit seiner Naturkraft „Vril”, zum Alten Testament, wie Neumann zeigt, zu Filmen wie „Dune -der Wüstenplanet”, seinen eigenen „Star Wars”, „Indiana Jones”, Drachenreiter-Filmen, zu Ideen der New-Age-Bewegung und vielem anderen mehr.
So geht es dem in dieser Richtung gebildeten Zuschauer oft so, dass, nach einer kurzen Eingewöhnungszeit in die Logik der Handlung des Filmes, vorhersehbar wird, welches Motiv bzw. Versatzstück als nächstes kommen wird. Was dem Film eine eher unfreiwillig peinliche Komik verleiht. Dies wird unterstützt durch kitschige Bilder, schaukelnde Massen, Lichtbaum, lebendige freundliche Licht-Samen, Reiten auf dem „roten Gockel” usw.
Vieles könnte im Detail angeschaut werden, was gleichzeitig für die große Bildung wie auch die Geschmacklosigkeit Camerons und seiner Mitarbeiter spricht, doch hat der Film solche Würdigung nicht verdient, zumal das meiste nur oberflächlichen Glanz gibt.
Nichtsdestotrotz enthält „Avatar”, wie die meisten anglo-amerikanischen Kulturprodukte, tendenziell alle notwendigen Zutaten eines modernen Mysteriendramas, ohne allerdings, wie ebenfalls die Regel, die Schwelle zum Geistigen wirklich zu durchbrechen. Dazu noch einzelne Anmerkungen:
Es wird eine weisheitsvolle Menschheit der Zukunft entworfen, die gleichzeitig ein uralte ist. Diese erscheint im Volk der Navi als romantisierendes Bild des edlen Wilden. Die Navi vereinen in ihrer Erscheinung Eigenschaften uralter Jägervölker mit ihrem magischen Bewusstsein, die Gestalt der schönsten Menschen der Erde, der Massai, den weisheitsvollen Ernst der indianischen Physiognomie und körperliche Eigenschaften der Tierwelt, die sie zu leistungsstarken Jägern machen. Doch bei aller Weisheit und körperlicher Leistungsfähigkeit bleiben sie seelisch indifferent mit nur partiell verwandelter Emotion: neben Ehrfurcht vor der Schöpfung zeigen sie Rangkämpfe wie in einer tierischen Herde. Hier widerspricht sich der Film selbst, in dem die Botschaft der respektvoll-innigen Verbindung mit Mutter Natur von ganz respektlos zusammengeschusterten Wesen überbracht wird.
Es wird ein Dreiklang des Bewusstseins (Dreigliederung?), der menschlichen Haltungen entworfen: wirtschaftlich egoistisches Denken (Mann); wissenschaftliches Erkenntnisstreben, welches Abstand hält und sich nicht einmischt (Frau); spirituelles Denken, welches Vereinigung sucht (Mann und Frau bzw. androgyne Gestalt). Alle drei gebären Versuchungen für den an den Rollstuhl gefesselten Helden Jake Sully. Die erste verspricht ihm Beine, die zweite Schuldlosigkeit und die dritte Verwandlung bzw. Initiation, welche neben Beinen auch erhöhte Leistungsfähigkeit und Gemeinschaft beinhaltet. Sully erliegt schnell der dritten Versuchung, versucht aber in Sachen Beine auf Nummer-Sicher zu gehen und wird gleichzeitig Spion für Wirtschaft und Militär. So wird er Verräter an der Menschheit und an den Navi. Der Kampf um das Vertrauen der Navi wird dann zur eigentlichen Initiation, den Rest bekommt er geschenkt. Doch leider ist es für Sully keine echte Verwandlung noch erweisen sich die Navi wirklich als friedlich-weise Menschheit der Zukunft, denn das Mittel des Kampfes bleibt Krieg und Mord, und das Bild des Kämpfers für das Gute bleibt hohl.
So wird er auch nicht zum echten Avatar, einem geistigen Kulturstifter im Sinne der indischen Mythologie. Und doch geistert auch diese alte Definition durch den Film, auch wenn unklar bleibt, ob und wer nun eigentlich für wen Kulturstifter und Bewusstseinswandler sein will bzw. kann.
Letztlich steht im Vordergrund des Filmes eine möglichst vollendete Präsentation der filmischen Techniken, doch sind weder diese Techniken noch die damit geschaffenen Bilder so überzeugend, dass sie berühren und begeistern können. Um unsere Jugend mache ich mir in diesem Zusammenhang keine Sorgen: Wer nicht schon verführt ist durch die Medientechnik, wird diese glanzvoll leere Hülle leicht durchschauen.
Knut Johannes Rennert

Ludger Helming-Jacoby, 17.03.10 16:03

Lieber Herr Ravagli,
vielen Dank für Ihre ausführliche Antwort. Darauf will ich nun nicht im einzelnen eingehen; sie kann, zusammen mit meinem Beitrag, gewiss gut als Anregung für eine Diskussion dienen. Nur eine Bemerkung liegt mir noch auf dem Herzen: Von einem Film, den ich "Erziehungskunst"-Lesern empfehlen könnte, würde ich erwarten, dass er mich berührt und zum Nachdenken anregt, nicht aber, dass er sich "wie eine zweistündige Halluzination über mich ergießt", wie das - da stimme ich Ihnen durchaus zu - bei "Avatar" der Fall ist.
Mit freundlichen Grüßen
Ludger Helming-Jacoby

Lorenzo Ravagli, 17.03.10 13:03

Lieber Herr Helming-Jacoby,

vielen Dank für Ihre Rückfragen!

Eine Filmbesprechung von 2.000 Zeichen oder auch mehr, ist natürlich nicht der Ort, um grundsätzliche Kritik am Medium zu üben. Nachdem wir uns entschlossen haben, überhaupt Filmkritiken zu veröffentlichen, müssen wir uns einigermaßen in den Grenzen des Genres bewegen. Wir können nicht aus der Sprechrolle heraushüpfen, um Fundamentalkritik am Dichter zu üben, während wir auf der Bühne stehen, da wären wir schlechte Schauspieler.

Wenn ich nur alles mögliche Schlechte über den Film sagen könnte, dann würde ich lieber darauf verzichten, ihn zu rezensieren. Dass Kritiker das manchmal nicht vermeiden können, ist bedauerlich. Vielleicht erinnern Sie sich noch an die Tarantino-Rezension aus dem Oktoberheft 2009, die ein gutes Beispiel für den Verriss eines schlechten Films ist.

Wussten Sie, dass Cameron sich seit Jahrzehnten mit dem Avatar-Thema beschäftigt hat, dass er schon lange die Motive mit sich herumgetragen hat? Es handelt sich also nicht um einen Blockbuster-Schnellschuss, bei dem der Regisseur vor allem auf die Kinokassen schielte, sondern um das ernste Anliegen eines bemerkenswerten Filmkünstlers, von dem ich sehr viel halte. Und dass das Mythische, Mystische in diesem Medium eine bestimmte Form annimmt, ist auch klar. Aber wenn man einmal von den grundsätzlichen Vorbehalten absieht: was kann man nicht alles in diesem Film entdecken, von dem ich in wenigen Zeilen gar nicht reden konnte!

Und gewiss: wir verstehen unter Einweihung auch etwas anderes - aber es gibt viele Formen von Einweihung, Einweihung ist ein weiter Begriff - und das, was wir darunter verstehen, fängt irgendwo an und hört vielleicht nirgendwo auf.

Schließlich: wie die Dinge auf einen wirken? Auf unterschiedliche Menschen wirken unterschiedliche Dinge unterschiedlich. Die Mythologie und die Märchen wimmeln nur so von Zwischenwesen. In jüngster Zeit haben ja auch die Hobbits die Herzen vieler gewonnen, ganz zu schweigen von all den Aliens, die die science-fiction-Welt bevölkern.

Und eine Empfehlung abzugeben, ab welchem Alter ein solcher Film wie Avatar angesehen werden darf, dazu sehe ich mich als Kritiker nicht berufen. Das müssen die Eltern entscheiden. Sie sollten sich, wenn sie im Zweifel sind, einen Film zuerst ohne ihre Kinder ansehen und dann entscheiden, ob sie ihr Kind mitnehmen wollen oder nicht. Die Empfehlungen der Filmindustrie oder deutscher Behörden sind da nicht immer hilfreich.

Mit freundlichen Grüßen

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